Lokales

"Seriöse Erklärer" in der digitalen Welt gefordert

Für zwei Teilnehmer war der Neujahrsempfang des CDU-Stadtverbandes Kirchheim-Dettingen in der Naberner Zehntscheuer ein Heimspiel: Für den frisch gewählten Vorsitzenden des Stadtverbands, Stefan Hägele, wuchs er doch in Nabern auf. Und für SWR-Intendant Peter Boudgoust als Referenten, denn er ist Wahl-Kirchheimer und Mitglied im CDU-Stadtverband.

PETER DIETRICH

Anzeige

KIRCHHEIM Turbulente Zeiten hat die lokale CDU hinter sich, bis hin zu einer Wahlanfechtung. "Jetzt gilt es, mit dem neuen Team wieder nach vorne zu schauen", betonte der 33-jährige Stefan Hägele. Das Ziel einer liebenswerten, wirtschaftsstarken Stadt mit Charakter erfordere Zusammenarbeit. Das gelte über Parteigrenzen hinweg: "Die Kunst liegt in der sachlichen Auseinandersetzung."

"Im Grunde genommen braucht man nicht mehr als die ersten drei Programme", wechselte Hägele sogleich zur Medienpolitik, dem Hauptthema des Empfangs. Ein halbes Jahr dauerte Hägeles umzugsbedingter Selbstversuch, den er als "friedvolle Zeit ohne Diskussion um die Fernbedienung" beschrieb. An "Möchtegern-Promis, die sich von Ameisen und Kakerlaken ernähren", hat Hägeles keinen Bedarf: "Das ist unterste Fernsehkultur." Doch trotz seiner starken Sympathien für die öffentlich-rechtlichen Sender hinterfragte Hägele die aktuelle Gebührenerhöhung.

Ein guter Einstieg für Peter Boudgoust, der sogleich auf dieses Thema einging. Die Rundfunkgebühren würden nicht vom Staat, sondern von der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) festgelegt: "Da fühlt man sich wie vor Gericht." Von der als Inflationsausgleich beantragten Erhöhung von knapp 1,50 Euro seien diesmal 95 Cent geblieben. Für vier Jahre, das bedeute eine Erhöhung von jährlich 1,1 Prozent und inflationsbereinigt eine Budgetkürzung. "Wir werden so damit umgehen, dass sie sich möglichst wenig im Programm auswirkt."

"Regional national digital: Wofür brauchen wir in Zukunft einen öffentlich-rechtlichen Journalismus?" war Boudgousts Vortrag überschrieben. Er begann mit dem Begriff "digital": "60 Prozent der Deutschen sind online, quer durch alle Altersgruppen. 17 Prozent der Teenager hören online Radio. Jugendliche verzichten inzwischen lieber auf den Fernseher als auf den Computer."

Die Verschmelzung bisher getrennter Medien sei am besten im Internet zu beobachten. Der Trend bei den Medienunternehmen gehe zu multimedialen Verwertungsketten. Auch in dieser digitalen Welt habe das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Entwicklungsgarantie gegeben.

In fünf Jahren werden nach Boudgousts Einschätzung noch immer die meisten Zuschauer die Tagesschau zur gewohnten Fernsehzeit ansehen. Doch bald könne der Zuschauer in der Mediathek viele verpasste ARD-Sendungen bis eine Woche nach ihrem Sendetermin herunterladen. Für das Handy werde eine 100-Sekunden-Kurztagesschau angeboten. Seien die öffentlich-rechtlichen Sender auf der digitalen Plattform nicht vertreten, schlössen sie eine ganze Generation aus. Dies wäre ein Widerspruch zu ihrem Grundversorgungsauftrag. Guter Journalismus verbinde regionale und nationale Informationen zu einem relevanten Informationsmix. Abstrakte Themen müssten im Regionalen konkret werden. Mit 33 Studios und Regionalbüros und einem Korrespondentennetz von Buchen bis Friedrichshafen habe der Südwestrundfunk dafür ein hervorragendes Netzwerk: "70 Prozent der regionalen Nachrichten sind selbst recherchiert. Wir sind unsere eigene Nachrichtenagentur."

Mit der Fülle der Informationen wachse der Datenmüll. Um aus immer mehr Informationen den Schund herauszufiltern, brauche es journalistische Kompetenz. "Programme aus unserem Hause sind aus unverdächtiger Quelle", unterstrich Boudgoust, "wir wollen kein Geld, für unsere Programme haben Sie bereits bezahlt."

Wenn auch seriöse Zeitungen fragten, wie viele Maden man essen müsse, um ins Fernsehen zu kommen, nehme die Verrohung und Verdummung des Menschen immer mehr zu. Am Ende stehe seine Entpolitisierung zu einer Zeit, da die Zusammenhänge immer komplexer würden und nach einem "seriösen Erklärer" verlangten. "Eine gut informierte Informationselite wird es immer geben, doch was ist mit dem Rest? Wenn es nicht zur Spaltung der Gesellschaft kommen soll, sind wir unverzichtbar." Dazu gehöre für die ARD neben Information auch gute Unterhaltung, obwohl Sportrechte in Konkurrenz zu Leuten wie Rupert Murdoch hart umkämpft seien: "In der Halbzeitpause gibt es dann eine Kurzausgabe der Tagesthemen."

Den hohen Standard und den guten Ruf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, fasste Boudgoust zusammen, gelte es in die digitale Welt zu überführen. Und kam am Ende nochmals aufs Geld zurück: Wer Ärger mit einem GEZ-Vertreter habe, solle sich nach Köln wenden und das Gespräch suchen. Mit der GEZ könne man genauso reden wie mit dem Sachbearbeiter beim Finanzamt. Ein Vergleich, der in der Zehntscheuer zu kräftigem Gelächter führte. Nun ja, räumte Boudgoust ein, ihm sei schon bewusst gewesen, dass dieser Vergleich seine Grenzen hätte.

Ebenfalls seine Grenze erreicht hatte damit das offizielle Programm, das eineinhalb Stunden zuvor die Jugendkapelle des Musikvereins Nabern begonnen hatte. "Das Buffet ist eröffnet", lud Hägele die Besucher ein.