Lokales

Sexuelle Gewalt geht vor allem von Männern aus

Fast täglich wird in den Medien über spektakuläre Fälle sexueller Gewalt berichtet. Dennoch ist die Dunkelziffer groß. Im Landkreis Esslingen beträgt sie Margot Siegert von "Kompass" Kirchheim zufolge 78 Prozent Fälle die nicht angezeigt werden. Was ans Licht kommt ist: 43 Prozent der sexuellen Gewalt geht von Vätern oder Männern in Vater-Positionen aus.

RICHARD UMSTADT

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ESSLINGEN Ein Blick in die Statistik der Fachberatungsstelle Kompass macht deutlich, dass sexuelle Übergriffe, Missbrauch und Vergewaltigung in 95 Prozent der Fälle von Vätern, Stiefvätern, Familienangehörigen, Bekannten und Freunden ausgeht und "nur" in fünf Prozent der Fälle Fremde beschuldigt oder angeklagt werden. Diese Zahlen nannte die Leiterin der Beratungsstelle in der Kirchheimer Marstallgasse, Psychotherapeutin Margot Siegert, in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses des Kreistags.

In den letzten fünf Jahren wandten sich rund 320 Personen jährlich hilfesuchend an die Fachberatungsstelle. Davon erlebten über die Hälfte sexuelle Übergriffe oder sexuellen Missbrauch. Ein weiterer Personenkreis, der Kompass aufsucht, sind betroffene Angehörige, die mit der Situation nicht zurecht kommen. Der dritte Bereich des Kompass-Klientels sind junge Sexualstraftäter, die bereits verurteilt wurden oder Kinder und Jugendliche, die in Heimen durch sexuelle Übergriffe auffielen. Dabei verursacht die Täterberatung den größten Arbeitsaufwand, da es im Vorfeld Absprachen mit der Jugendgerichtshilfe und dem Bewährungshelfer bedarf, so Margot Siegert. Aber auch Fachkräfte aus Heimen, Jugendhäusern, Schulen, Kindergärten und anderen Jugendhilfeeinrichtungen nehmen das Angebot der Fachberatung wahr.

Jeder Betroffene, der bei Kompass Rat und Hilfe sucht, erhält innerhalb von zwei, drei Tagen einen Termin. In diesem ersten einstündigen Gespräch versuchen die Therapeuten herauszufinden, was in der jeweiligen Situation notwendig ist.

Wie Margot Siegert sagte, sind die vier Kompass-Therapeuten bestens ausgestattet, um mit dieser Klientel umzugehen. Wichtig für sie ist die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und Einrichtungen wie zum Beispiel mit "Wildwasser" in Esslingen und der Polizei, aber auch mit Ärzten, Kliniken und niedergelassene Therapeuten. Geht es um die Arbeit mit jugendlichen Sexualstraftätern, dann arbeitet Kompass auch eng mit Bewährungshelfern und der Jugendgerichtshilfe zusammen. "Die Täter müssen wissen, sie sind unter Kontrolle. Bei Wiederholungsgefahr schalten wir schnellstmöglich den Bewährungshelfer ein", sagte die Leiterin der Kirchheimer Beratungsstelle, die für den gesamten Landkreis Esslingen zuständig ist. Es sei auch wichtig, so früh wie möglich zu intervenieren, "selbst dann, wenn Kinder im Kindergarten auffällig werden", meinte Margot Siegert.

Die Sprecher der Fraktionen und Verbände im Jugendhilfeausschuss lobten die "hervorragende Arbeit" der Kirchheimer Fachberatungsstelle. Der Landkreis förderte Kompass 2006 mit einem Zuschuss in Höhe von 220 000 Euro.

Seit 1991 betreibt der Verein Kompass in Kirchheim eine Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt. Bis 1993 befand sie sich in Trägerschaft von Pro Familia, aus deren Arbeit sie entstand. Seit 1994 besteht mit dem Landkreis Esslingen ein Kooperationsvertrag, der unter anderem auch die Finanzierung der Beratungsstelle Kompass durch den Landkreis regelt.