Lokales

Sich erinnern und Frieden schaffen

Kranzniederlegungen zum Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft

Auf dem Alten Friedhof in Kirchheim sowie auf den Friedhöfen in Jesingen, Lindorf und Ötlingen wurde gestern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Gemeinsam war allen Feierstunden das Bemühen, neben der Erlebnisgeneration vor allem auch die Jugend einzubinden, um den Tag generationsübergreifend als Friedenssonntag zu verstehen und gemeinsam zu begehen. In Nabern findet am Totensonntag eine Gedenkstunde statt.

WOLF-DIETER TRUPPAT

Kirchheim. Schon seit Jahren stehen der Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bei der Feierstunde auf dem Alten Friedhof Jugendliche zur Seite, die damit ein erfreuliches Zeichen dafür setzen, dass das Gedenken nicht an die Erlebnisgeneration gebunden ist. Die von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker angesprochene „Verantwortung für das Erinnern, die Versöhnung aber auch die Herausforderung, Frieden zu schaffen und zu bewahren“ wurde gestern bei der Feierstunde auf dem Alten Friedhof von Anna Bizer, Julia Häusler und Nora Müllner stellvertretend für die jüngere Generation wahrgenommen.

Die drei Schülerinnen des Neigungsfachs Geschichte der Jahrgangsstufe 12 des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums trugen unter dem Motto „Totengedenken einmal anders“ zum Auftakt der Feierstunde gereimte Gedanken zum Volkstrauertag vor. „Volkstrauertag,/ das Volk trauert,/ das Volk sind wir./ Wir trauern./ Wir trauern um die Millionen Toten der Weltkriege“ lautete die erste Strophe des von ihnen vorgetragenen Gedichtes.

Von Soldaten war da die Rede, die Eltern, Frau und Kinder nie wiedersahen, von Menschen, die die Heimat verlassen mussten und alles verloren, den Strapazen der Flucht nicht gewachsen waren, an Seuchen erkrankten und ohne ärztliche Hilfe starben. An erfrorene und verhungerte Kinder wurde genauso erinnert wie an in Konzentrationslagern Missbrauchte und Getötete, an chronisch Kranke und an behinderte Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Menschenbild passten. Gemeinsam ist diesen vielen Opfern, dass sie „alle diese Kriege nicht wollten“.

„Wir trauern, aber wir gedenken auch,“ war am Ende des von Anna Bizer, Julia Häusler und Nora Müllner vorgetragenen Gedichts zu hören. „Gedenken heißt, wir haben euch nicht vergessen./ Wir wollen aus dem Vergangenen lernen,/ den Mut aufbringen,/ es nie wieder zuzulassen.“

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker betonte in ihrer Ansprache, dass jeder der am Denkmal zu Ehren der Gefallenen und Vermissten des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Stein und Metall verewigten 898 Namen für viele Einzelschicksale, die sich in Kirchheim zugetragen haben und für zerstörte Lebensläufe steht.

„Diese Gedenkstätte spricht zu uns – sie ist nicht stumm“, machte sie deutlich und mahnte: „Sie droht, vergessen zu werden, wenn wir es geschehen lassen, wenn wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, uns zu erinnern . . . Im Blick auf die in Kirchheim gelebte Erinnerungskultur sensibilisierte sie die Besucher der Feierstunde für die letzten der 13 verlegten „Stolpersteine“, die jetzt auch in Kirchheim an ehemalige Mitbürger erinnern, die aus dem Geschehen der Stadt herausgerissen wurden, weil sie einer anderen Glaubensrichtung angehörten.

Das in diesem Jahr gefeierte 40-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft mit Rambouillet sei deshalb möglich geworden, weil sich ehemalige Kriegsgegner beziehungsweise Veteranen „angesichts des Grauens des Erlebten die Hand zur Versöhnung reichten“. Das Motto des aktuellen Volkstrauertages „Grenzenloses Europa – Grenzen der Versöhnung“ deutet für sie einen Lernprozess an, der mit der Friedensverantwortung in Europa verbunden ist.

Angelika Matt-Heidecker erinnerte in ihrer Ansprache auch daran, dass anlässlich des Jahres der Integration schon zum zweiten Mal eine gemeinsame Erklärung aller in Kirchheim lebenden Religionsgemeinschaften abgegeben wurde, „in der in beeindruckender Weise der Wille zum friedlichen Miteinander zum Ausdruck gebracht wurde“. Da Hunger und Armut in vielen Ländern der Erde ein Hindernis auf dem Weg zum Frieden ist, müssten „die reichen Staaten und die dort lebenden Menschen bereit sein, die Güter der Erde gerechter zu verteilen“, forderte die Kircheimer Oberbürgermeisterin, und dass neben der Bekämpfung von Armut und Hunger auch das Recht auf Schule und Bildung entsprechend unterstützt wird.

Als „im langen Werden der Gesellschaft erarbeitete Talente“ listete sie Toleranz und Menschenwürde auf, die Fähigkeit zur Menschheitsgemeinschaft, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Sorge um die Armen, Kranken und Schwachen und mahnte abschließend, Vergangenheit und Zukunft im Blick zu behalten und die Augen zu öffnen, „um die Gewalt zu sehen und denen zu helfen, die sie ertragen müssen“.

Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde auf dem Kirchheimer Alten Friedhof von der Kirchheimer Stadtkapelle und vom Verein Kirchheimer Liederkranz 1826.

Anzeige