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"Sie haben eine fatale Entscheidung getroffen"

Ungläubiges Raunen ging durch die Zuhörerschaft, als Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht das Ergebnis zum Punkt Ganztagesschule im Bildungszentrum bekannt gab: Bei zehn Gegenstimmen, zwei Enthaltungen und neun Ja-Stimmen wurde das zukunftsweisende Vorhaben abgeschmettert.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Enttäuschung und teilweise auch Entsetzen herrschte nach der Entscheidung des Lenninger Gemeinderates in den Reihen der zahlreich erschienenen Zuhörer. Mit knapper Mehrheit hatte sich das Gremium gegen die Einführung einer Ganztagesschule im Bildungszentrum entschieden, und das, obwohl die Gemeinde als eine der wenigen Kommunen in den Genuss der heiß umkämpften Gelder des IZBB-Programms gekommen ist. Als Michael Schlecht die Vertagung des nächsten Tagesordnungspunktes "Erweiterung des Grundschulgebäudes im Ortsteil Oberlenningen" beantragte, kam Verwirrung im Ratsrund auf ganz offensichtlich auch bei denen, die so machtvoll gegen die Ganztagesschule votiert haben. Die Planungsgrundlage hatte sich durch den soeben beschlossenen Sachverhalt komplett verändert, rund 275 000 Euro Zuschuss waren deshalb regelrecht in den Sand gesetzt worden.

Der Gesamtzuschuss für das Vorhaben Ganztagesschule der Gemeinde Lenningen hätte 1 196 000 Euro betragen. Auf dieses Geld verzichtete die Mehrheit des Gemeinderates, ihr Augenmerk lag ausschließlich auf den Folgekosten, die Michael Schlecht mit 120 000 bis 140 000 Euro pro Jahr angab. "Ich kann nicht sagen, wie die Lage im Jahr 2010 aussieht. Das größere Abenteuer ist allerdings, sich der Ganztagesschule zu verschließen. Wir sollten die Herausforderung zum Wohle der Gemeinde annehmen", warb der Schultes unermüdlich für die Einführung des Konzepts.

Ein vehementer Verfechter der Ganztagesschule ist Georg Zwingmann. "Andere Länder machen uns vor, wie Bildung auszusehen hat. Wir dagegen halten an einem Uraltbildungskonzept fest, was ich bedenklich finde. Ich möchte mir auch nicht anmaßen zu sagen, dass unsere Kinder das nicht brauchen, sondern will ihnen optimale Rahmenbedingungen schaffen, damit sie im Leben eine Chance haben", sagte er. Für das Konzept warb auch Inge Kodera. "In einem rohstoffarmen Land ist Bildung und Verstand das größte Kapital das Konzept kann nicht dasselbe sein wie vor 50 Jahren", gab sie zu Bedenken und nannte es einen Schildbürgerstreich, würde sich der Gemeinderat den Zuschuss entgehen lassen.

Völlig anderer Meinung ist Gerhard Bächtle. "Ich sehe keinen Markt für eine Ganztagesschule. Bei uns in Lenningen sind die Familien noch intakt", ist er überzeugt. Das Konzept der Ganztagesschule gefällt Kurt Hiller im Grunde zwar, er hält das ganze Projekt jedoch für unausgegoren. "Die Finanzierung ist unsicher und deshalb ist es meine Pflicht, die Bremse zu ziehen", stellte er klar. Bei rückläufigen Schülerzahlen ist Roland Sailer das Projekt zu groß und die Zahlen zu rund, weshalb auch er gegen die Einführung ist.

Als das Kind in den Brunnen gefallen war, versuchte Karl Sigel, dem die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand, goldene Brücken zu bauen. "Was haben wir für Möglichkeiten, wenn der eine oder andere feststellt, doch in die falsche Richtung gegangen zu sein", fragte er die Verwaltung. "Ich bin Demokrat genug, um eine Mehrheitsentscheidung des Gemeinderats zu akzeptieren, auch wenn es für mich und die Gemeinde eine enttäuschende Niederlage ist", gab Michael Schlecht zur Antwort. "Sie haben eine fatale Entscheidung getroffen", attestierte er dem Gemeinderat. Für ihn bedeutet eine Ganztagesschule auch einen Standortvorteil gegenüber anderen Kommunen. Bei rückläufigen Einwohnerzahlen macht es seiner Ansicht nach Sinn, in Bildung zu investieren. An der Sachlage ändere sich nichts, falsche und unrealistische Zahlen würde er nicht nennen, nur damit einige Räte guten Gewissens zustimmen und ihm später diese dann vorwerfen könnten. "Ich werde wohl dem Regierungspräsidium mitteilen müssen, dass die Gemeinde Lenningen ihren Zuschuss zurückgibt", sagte er weiter, gab dem Gemeinderat aber klar zu verstehen, dass er für jegliche Signale offen ist. Ihm als Bürgermeister ist es erlaubt, einen Punkt nochmals auf die Tagesordnung zu setzen, wenn ihm klar zu verstehen gegeben wird, dass nochmals Beratungsbedarf besteht. Am Dienstag, 27. September, ist wegen der Grundschulerweiterung eine außerordentliche Sitzung anberaumt, möglicherweise findet sich dann auch die Ganztagesschule auf der Tagesordnung.

Enttäuschung herrschte am Tag danach bei den Schulen. Die Planungen, für die Anfang 2004 die Weichen gestellt wurden, gelten nicht mehr. "Für mich kam die Entscheidung unerwartet, da das von uns erarbeitete Konzept positiv aufgenommen wurde", sagte Klaus Erlenmaier, Rektor der Realschule. Seiner Ansicht nach wird dadurch das Schulzentrum ungünstig beeinflusst. Schon jetzt öffnet er den Aufenthaltsraum über Mittag für Schüler, die nicht nach Hause gehen, "weil dort eh keiner da ist", wie Klaus Erlenmaier zu hören bekommt. Er hat Verständnis dafür, dass sich Schüler aus Schopfloch oder Hochwang nicht in den Bus setzen, um nur für kurze Zeit zu Hause zu sein.

"Wir sind die einzige Realschule im Schulamtsbezirk, die in das IZBB-Programm reingekommen ist", so Erlenmaier. Die Schule habe 1300 Fragebögen verschickt, wovon knapp 900 beantwortet zurückkamen. "Davon erachten 67 Prozent eine Ganztagesschule für wichtig", zeigt der Rektor das Stimmungsbild auf. 30 Prozent würden ihre Kinder anmelden und davon seien wiederum 15 Prozent bereit, unentgeltlich Arbeiten zu übernehmen.