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"Sie küsste mir die Runzeln von der Stirn"

OWEN "Du solltest als leichte Patientin Deinen Leibarzt aus Owen im Notfall" herbeirufen, schrieb Eduard Mörike (18041875) im Frühjahr 1830

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GÜNTER RANDECKER
als Antwort auf eine doppelt unterstrichene Zeile ("Wie lieb ich Dich!") seiner Braut Luise Rau nach Grötzingen, die zehn Tage später erstmals diese Hilfe in Anspruch nahm und gleich selber in die "Sprechstunde" ins Stadtpfarrhaus am Fuße der Teck kam


Bei einem Rundgang des "Wilhelm und Louise Zimmermann-Geschichtsvereins" wurden nochmals die Plätze nachgegangen, welche die beiden Verlobten 1829 bis 1831 in Owen aufgesucht hatten. Anlass war der 175. Jahrestag der Verlobung Mörikes mit Luise Rau. Mörike hatte es in seinem Taschenkalender 1829 extra angestrichen: 14. August. Morgens in der Plattenhardter Gartenlaube des Pfarrhofes erhielt er das Ja-Wort seiner Geliebten: "Mein Herz hat entschieden"; zwei Tage später gab sie ihm den ersten Kuss und am 26. August machten sie, Arm in Arm, in der Bernhausener Kirche "das schöne Du" aus.


Die Pfarrerstochter Luise Rau (18061891) war laut Mörikes Freund Ludwig Bauer "ein bildschönes, hingebendes, liebeatmendes, seelengutes Geschöpf". Sie besuchte Mörike während dessen 16-monatigem Vikariat in Owen noch dreimal, war bei ihm in seiner Wohn- und Studierstube und teilte mit ihm auch den Platz in der "vordern Gartenlaube auf dem grünen Sopha" eigentlich nur gestört vom lauten Klappern der Störche vom nahen Kirchendach.


Liebesfrühling in Owen 1830: "Wir sind ein Ich und eine Seele!" (Mörike). Am Montag, 3. Mai 1830, schrieb Mörike gleich vier Sonette ("Nur zu", "Zu viel", "An Luise", "Im Walde") auf seine Verlobte, im stillen Poetenwinkel Richtung Dettingen, auf Owener Gemarkung. Mörike wanderte nämlich entlang der Lauter bis zum Gewann Fahrtobel und durch den Wald zurück: "Wenn ich den Blick nun zu den Bergen richte, /Die duftig meiner Liebe Thal umhegen..." Es war "ein kleiner von Bäumen und Buschwerk besezter, abhängiger Wiesenwinkel an der lebhaften Lauter, in die sich eine andre Quelle vom Berg her gießt. Dort saß ich nieder... Dann stieg ich vollends den Wald hinan /...mein Lieblingsweg. Ich schnitt die Buchstaben L. E. in die Rinde einer jungen Erle dort am Bach... man könnte recht sinnreich ein i e b zwischen den beyden setzen."


Mörike hatte dem "süßesten Glück meines Lebens" damals solche Verse gewidmet: "Unsre Liebe soll dem Adler gleichen.../ Die Liebe darf den Flug ins Ewge wagen!" Als Luise Rau am 8. Juli 1830 dann für eine Woche nach Owen kam und im Amtshause (gegenüber vom "Gwölble", beim zuletzt abgebrochenen Stadttor ( heute wohl Marktstraße 3) logierte, schickte ihr Mörike am 11. Juli gar ein Brieflein von Owen nach Owen, adressiert an: "Fräulein Luise Rau im Amthause dahier": "Ich schreib gegenwärtig in der Gartenlaube wo ich mich ganz angenehm kühl eingerichtet habe, ohne daß jedoch die Predigt dabey erfireren wird... Denk bey jedem 100sten Nadelstich an mich! Dein treuester Eduard."


An jenem Julisonntag dürfte Mörikes Braut nachmittags eine Predigt ihres Verlobten in der Owener Marienkirche gehört und dabei auch einen Blick auf "Mörikes liebste Zuhörerin", die Heilige Lucia auf dem Altarbild, geworfen haben. Am 13. Juli 1830 begleitete sie ihren Bräutigam samt einer illustren Owener Gesellschaft wie bei einer "Familienwallfahrt" auf die Teck (Mörike: "Hier ist Freude, hier ist Lust"). Aber es mischten sich auch schon Töne des Abschieds in jenen "Owener Liebessommer". Es folgten Phasen, in denen Mörike nicht mehr nach Grötzingen schrieb oder auch nicht mehr so oft seine Verlobte besuchte. Grund: Der angehende Pfarrer und Poet verfasste einen Liebesroman.


Albrecht Goes hat Mörikes damaliges Liebesdilemma auf den Punkt gebracht: "daß man nicht gleichzeitig dem Maler Nolten, dem gefährlichen Leben, und der guten Luise, dem gesicherten Leben, gehören" konnte. Während Mörike eine ganz für ihn geschaffene Gefährtin trotz später Ehe 1851 mit Margarete geb. Speth letztlich nicht finden konnte ("Dies schnell bewegte Herz... wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen", hieß es schon im "Nolten"), plagte er sich in den letzten 20 Lebensjahren noch mit einer Überarbeitung seines 500 Seiten starken Romans herum.


Luise Rau war indessen zur späten Pfarrfrau geworden, was Mörike ihr einst auch versprochen hatte, allerdings nun an der Seite des Witwers Ernst Heinrich Schall, seit 1865 für neun Jahre Pfarrer in Oberlenningen.

Grundlegende Zweifel waren den Owener Liebesleute allerdings schon 1830 bewusst gewesen: "O werden wir jemals füreinander taugen", ließ Mörike Agnes alias Luise in seinem Owener Roman gegenüber Nolten alias Mörike sagen: "Das ist ja eben der Jammer, daß er sich selber so betrügt" Worte, die Mörike dann 30 Jahre später bei der Neubearbeitung ebenso tilgte wie sein Owener Eingeständnis über die treue Besucherin aus Grötzingen: "Sie küßte mir die Runzeln von der Stirn."