Lokales

Sie tragen die Heimat im Herzen

31. Heimattreffen der Bulkeser in Kirchheim – Verständigung mit der alten Heimat schwierig

„Heimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde“, sagte einst der Philosoph Karl Jaspers. Was es heißt, die Heimat zu verlieren, haben die Bulkeser auf das Bitterste erfahren müssen. Im April 1945 vertrieb das Tito-Regime die Deutschen aus dem heute serbischen Dorf, enteignete und internierte sie. Inzwischen haben die Bulkeser in der ganzen Welt eine neue Heimat gefunden, vor allem im süddeutschen Raum. In ihrer Patenstadt Kirchheim trafen sich die früheren Bewohner des Balkandorfes und ihre Nachkommen am Pfingstwochenende zu ihrem 31. Heimattreffen.

NICOLE MOHN

Kirchheim. Aus ganz Baden-Württemberg, aus der Pfalz, aus Bayern, ja sogar aus Magdeburg und Wien sind Bulkeser Familien am vergangenen Wochenende in die Teckstadt gereist, um beim großen Pfingsttreffen ein Wiedersehen zu feiern. Zwar wird auch bei den Bulkeser Treffen die Gemeinschaft von Jahr zu Jahr ein wenig kleiner. „Doch dank des Interesses von Teilen der Jüngsten der Erlebnisgeneration und der Nachkommen ist die Gemeinschaft noch intakt“, freute sich Karl Weber, der Vorsitzende des Heimatausschusses.

Kirchheim ist das neue Heimatzentrum für die Bulkeser geworden. 44 Jahre ist die Teckstadt nun schon Patenstadt – eine Verbindung, die für die Kirchheimer eine Herzensangelegenheit ist. Das zeigte der Besuch sowohl von Alt-Oberbürgermeister Peter Jakob als auch von Angelika Matt-Heidecker, die für das Pfingsttreffen der Bulkeser eigens ihren Urlaub verschoben hatte. „Sie haben hier eine neue Heimat gefunden, wo sie verstanden werden und verstehen“, erklärte die Oberbürgermeisterin. In ihrem Grußwort würdigte das Kirchheimer Stadtoberhaupt den Beitrag der Donauschwaben und der Vertriebenen zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg – und die Bereitschaft, die Hand zur Versöhnung auszustrecken, wie dies bereits 1950 mit der Charta der Heimatvertriebenen geschehen sei. Die Oberbürgermeisterin unterstützt die Bulkeser zudem in dem Vorhaben, die Heimatstube umzugestalten und als „wichtigen Kristallationspunkt“ im Andenken an die alte Heimat zu erhalten und die Geschehnisse um die Vertreibung geschichtlich richtig einzuordnen. „Wir müssen einen Weg finden, damit die Jugend sich erinnert und versteht“, betonte Angelika Matt-Heidecker.

Erinnern und gedenken, das stand auch bei der Totenehrung der

Gedenkstein erinnert seit dem Jahr 1976 an die Verstorbenen

Heimatortsgemeinschaft am Sonntagnachmittag auf dem Alten Friedhof im Mittelpunkt. Zum 18. Mal bereits trafen sich die Bulkeser hier an dem Gedenkstein, der seit dem Jahr 1976 an die Verstorbenen erinnert. „Dieser Stein stellt eine Verbindung her zwischen den Lebenden und unseren Lieben, die nicht mehr unter uns sind“, sagte Otto Harfmann, der stellvertretende Vorsitzende des Heimatausschusses und einer der Vertreter der nachfolgenden Generation. Insbesondere galt das Gedenken jenen, die in den Lagern von Jarek, Gakowa, Kruschiwl, Mitrowitz oder Rudolfsgand ums Leben gekommen sind.

An sie erinnern kaum Gedenksymbole im heutigen Serbien. In ihrem Bestreben, in Jarek, wo die meisten der Bulkeser ums Leben kamen, eine Gedenkstätte und ein Mahnmal an den Genozid zu errichten, ist die Heimatortsgemeinschaft allerdings nicht weiter gekommen. Wie Josef Jerger vom Weltdachverband der Donauschwaben beim Pfingsttreffen berichten musste, gestaltet sich die Verständigung mit den serbischen Stellen außerordentlich schwierig. Trotz der Versprechen, die die Gemeinde Backi Jarak – das frühere Jarek – gemacht hatte, stehe man hier noch wie vor am Anfang. Auch Ansuchen an die Bezirks- und die Staatsregierung blieben erfolglos. Vor wenigen Tagen gab es aber endlich gute Nachrichten: „Wir dürfen auf eine positive Antwort aus Belgrad hoffen“, berichtete Jerges. Auch die geschichtliche Aufarbeitung der Geschehnisse im April 1945 sei bisweilen schwierig, berichtete Jerges. Es gebe nach wie vor Wissenschaftler auf deutscher wie serbischer Seite, die Halb- und Unwahrheiten veröffentlichen, bedauerte Jerges.

Dennoch blieb der Ton der Veranstaltung versöhnlich. „Wir Bulkeser sind bereit, den uns zugedachten Beitrag zur Völkerverständigung zu erfüllen“, betonte Weber. Den Bulkesern geht es dabei um die Pflege der Beziehungen zu dem heutigen Maglic, aber auch um das Sammeln der verbliebenen Überlieferungen und Unterlagen. Denn so kann man der Nachwelt und den Nachkommen ein unverfälschtes und wahrheitsgetreues Bild vermitteln. „Unsere Aufgabe ist es aber auch, dieses Bild an eine andere Stelle weiterzugeben – nämlich an die alte Heimat in Bulkes“, sieht Weber den Auftrag der Heimatortsgemeinschaft in der Aufklärung statt in der Rache. Vor allem aber wolle man mit Liebe und Treue an der alten Heimat festhalten. Das sind für den Vorsitzenden nicht die Häuser, die Kirche oder die Felder. Vielmehr sind es die Menschen, die das Erbe der Väter und Mütter im Herzen tragen.

Anzeige