Lokales

Sieben Brücken ohne Sonne

Das Duo „Mundstuhl“ erklärt in der Kirchheimer Stadthalle den „Ausnahmezustand“

Kirchheim. Der Auftakt war vielversprechend und folgte offensichtlich einem längst gut eingespielten Ritual. Die leere Stadthallen-Bühne

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wurde zunächst minutenlang mit Material aus der Konserve beschallt, und als Lars Niedereichholz und Ande Werner dann endlich auftauchten, folgte minutenlanger frenetischer Applaus, wie ihn sich manche herausragende Kabarettisten für ihren verdienten Abgang nur erträumen können.

Das Duo „Mundstuhl“ ist offensichtlich Kult und wird von einer unglaublich fest eingeschworenen Fangemeinde auch schon lange vor dem ersten erhofften neuen Gag gnadenlos gefeiert und selbst bei der den Auftritt abschließenden intensiven Selbstvermarktung in Sachen T-Shirts noch uneingeschränkt von begeistertem Applaus befeuert.

Nach dem fast genau vor einem Jahr stattgefundenen Auftritt in der ausverkauften Kirchheimer Stadthalle mit dem vielversprechenden Programmtitel „Sonderschüler“ erklärten die beiden Kult-Comedians Lars Niedereichholz und Ande Werner nun schlicht und einfach den „Ausnahmezustand“ – und genau der herrschte in der Kirchheimer Stadthalle von Anfang an auch vor.

Egal, was auch immer auf der Bühne geschah, und egal, ob es live präsentiert oder aber aus dem gut sortiert bereitstehenden digitalen Speicher abgerufen wurde, die Begeisterung des Publikums kannte keine Grenzen. Dass zuletzt auch noch mit erneut furiosem Applaus unerbittlich um eine Zugabe gebettelt wurde, verwunderte daher nicht.

Ob Michael Holms „El Lute“ tatsächlich nie das Licht der Sonne gesehen hat, blieb genauso ungeklärt wie Paul Kuhns zitierte Behauptung, dass es kein Bier auf Hawaii gibt, oder Peter Maffays Forderung, dass man über sieben Brücken gehen muss.

Wann immer sich die beiden Mundstuhl-Akteure in das als zwischen Plattenbauten groß gewordene unterprivilegierte Duo „Peggy und Sandy“ verwandelte, war die versammelte Fan-Gemeinde erkennbar hin und weg über die neuesten Einsichten in das Leben einer 23-Jährigen, die sich ungemein alt vorkommt und spürbar darunter leidet, dass sie vier Kinder von vier unterschiedlichen Vätern hat.

Erstaunliche Produkte wurden in einer immer wiederkehrenden Verkaufsshow beworben und gleichzeitig die Vorteile eines freiwilligen „asozialen Jahres“ aufgelistet. Das neue Mundstuhl-Programm setzt – wie schon im Fall der „Sonderschüler-Tournee“ – erneut auf erstaunlich wenig Struktur und in publikumswirksamer Choreografie zelebrierte Boshaftigkeit.

Mit viel Klamauk, bewusster politischer Inkorrektheit und keiner Scheu vor sprachlichen Derbheiten absolvieren die beiden Mundstuhl-Akteure ihr Programm und machen beispielsweise erfolgreich darauf aufmerksam, dass man bei dem Wort „Bier“ nur vier Buchstaben verändern muss, um zu dem Begriff „Mama“ zu kommen.

Bei so viel alltagstauglichem Sprachbewusstsein und auf der Bühne vorgelebter fundierter Allerweltspsychologie fällt es in der Tat schwer, den erfolgsverwöhnten Unterhaltern programmatische Strukturdefizite oder gar Bildungsferne zu unterstellen.

Die beiden skrupelresistenten Bühnenaktivisten sind beseelt von der Mission, kein unnötiges und daher zurecht auch nie ernsthaft abgerufenes Wissen vermitteln zu wollen, sondern stattdessen den Ausnahmezustand konsequent aufzugreifen und vorzuleben.