Lokales

Siebenschläfer als "Hausbesetzer" auf der Streuobstwiese

DETTINGEN Um von eins bis 44 070 zu zählen, würde man mehrere Stunden brauchen etwa einen kompletten Arbeitstag. Wie lange

Anzeige

ANDREAS VOLZ

mag es da dauern, um 44 070 Bäume zu zählen, die sich weit verstreut auf einer Fläche von rund 350 Hektar befinden? Genau so viele Obstbäume, 44 070 Stück, standen im März 2004 auf Dettinger Gemarkung, und Gerhard Bauer hat sie alle gezählt. Seit 1988 ist der 68-jährige Naturschützer aus Dettingen regelmäßig im Winterhalbjahr unterwegs, von Oktober bis März, um den Streuobstbestand seiner Heimatgemeinde zu ermitteln.

Natürlich zählt Gerhard Bauer nicht jedes Jahr alle Bäume. Das hat er nur einmal gemacht, ganz am Anfang. "Bei der ersten Zählung war ich ein ganzes Jahr unterwegs", erinnert er sich. Damals hatte er einen Bestand von 45 894 Obstbäumen ermittelt. Seither beginnt er jedes Jahr im Herbst damit, täglich die Dettinger Markung zu durchstreifen. Bis er einmal auf jeder einzelnen der 2 191 Wiesen vorbeikommt, benötigt er ungefähr zwei Wochen. Dabei notiert er sich genau, wo ein alter Baum gefällt oder auch ein neuer gesetzt worden ist: "Ich zähle, was wegkommt und was dazukommt."

Das dauert bis zum Frühjahr, und dann "verrechnet" Gerhard Bauer seine Ergebnisse mit dem jeweiligen Vorjahresbestand, um die aktuelle Zahl der Dettinger Obstbäume zu erhalten. Er zählt die Bäume aber nicht nur, sondern misst auch ihren Stammumfang in einem Meter Höhe. Außerdem unterscheidet er in seinem Zahlenwerk die wichtigsten Obstsorten: Mit großem Abstand "führt" der Apfelbaum vor Kirsche, Birne, Zwetschge und Nuss. Heinz Schöttner, Gerhard Bauers Vereinskollege beim Naturschutzbund NABU, hat die aktuellen Zahlen mit den Angaben aus dem Dettinger Heimatbuch zu den Jahren 1935 und 1951 verglichen und die Ergebnisse für eine kleine Broschüre grafisch aufbereitet.

Mit ihrer Dokumentation haben die beiden Naturfreunde kürzlich bei der Vergabe des Förderpreises modellhafter Streuobstwieseninitiativen einen dritten Platz belegt. In Hattenhofen konnten sie den Preis entgegennehmen, den der Verein Lebensgemeinschaft Streuobstwiese ausgelobt hatte. Vom Preisgeld in Höhe von 250 Euro soll die Gemeinde Dettingen nun junge Bäume anschaffen, um alte Obstsorten zu erhalten. "Immer mehr Grundstücke verwahrlosen. Deshalb wollen wir auch bei jüngeren Leuten das Interesse dafür wecken, die Streuobstwiesen zu erhalten", erklärt Heinz Schöttner die Motivation für die statistische Naturschutzarbeit.

Natürlich soll die Natur auch ganz praktisch vom Einsatz für die Obstbäume profitieren: "Eine gepflegte Streuobstwiese ist ein gewachsener Lebensraum. Ein alter Baum ist durch nichts zu ersetzen. Wir wollen die Leute zum Nachdenken anregen, die Bäume stehen zu lassen." Alles mögliche Getier bevölkert eine Streuobstwiese oder auch einen einzelnen Baum gemeinsam. Von Insekten oder Säugetieren abgesehen, stellt Gerhard Bauer allein für die Vögel fest: "38 Vogelarten können in einem einzigen Baum wohnen."

Die Vögel waren es, die Gerhard Bauer zum Naturschutz gebracht haben. 1965 hat er mit einigen Gleichgesinnten begonnen, Nistkästen zu zimmern, im Wald zu verteilen und anschließend zu überprüfen. Bis heute schaut er regelmäßig nach "seinen" Kästen und putzt sie immer wieder aus, weil sich im Dreck eine Menge Parasiten aufhalten, unter denen die Vögel zu leiden haben. Hin und wieder gibt es auch ganz andere "Hausbesetzer" in den Nistkästen, beispielsweise Siebenschläfer. Begegnungen mit dieser Spezies ist Bauer gewöhnt: "Die springen dich an. Manchmal krabbeln sie unten zur Hose rein und kommen oben am Kragen wieder raus." Das sei aber nicht weiter schlimm "die beißen nicht".

Heckenkontrolle ist eine weitere Aufgabe, der sich Gerhard Bauer verschrieben hat: "Es gibt etwa zehn Kilometer Hecke auf der Markung. Im Winter hole ich die ganzen alten Nester raus, damit die Vögel im nächsten Jahr wieder Platz haben, um neue Nester zu bauen." Fledermäuse, Schleiereulen, Steinkäuze, Orchideen die Palette an schützenswerten Objekten, um die sich der 68-Jährige kümmert, ist groß. "Dem wird es nicht langweilig", sagt Vereinskamerad Heinz Schöttner über den Rentner, der selbst zugibt: "Wie ich das alles früher gemacht habe, weiß ich gar nicht, aber es ist auch gegangen."

Sein Leben hat sich immer schon zu großen Teilen in der freien Natur abgespielt: "Ich bin laufend draußen, um nach dem Rechten zu sehen. Als Naturschutzwart muss man das", beschreibt er seine Pflichtauffassung und lässt so nebenbei einfließen, dass er schon mehr als 30 Jahre in der Dettinger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins den Naturschutz unter seinen Fittichen hat.

"Mosttrinker sind Naturschützer": Auch nach diesem bekannten Motto setzt sich Gerhard Bauer für die Natur ein. Jedes Jahr bringt er Getränk aus eigener Gärung bei der Mostprämierung ein. Sein bislang bestes Ergebnis war einmal der 5. Platz. Aber mit der ihm eigenen Beharrlichkeit wird es dem Dettinger Obstbaumzähler eines Tages wohl gelingen, auch bei diesem Wettbewerb noch weiter vorne zu landen.