Lokales

Silberdisteln statt Ackerkratzdisteln

Wie es einst einmal war, so soll es wieder werden: statt monotoner und intensiv genutzter Ackerfläche eine artenreiche Schafweide auf der Silberdisteln und Enzian blühen, bunte Falter flattern und Singvögel zwitschern.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN In der jüngsten Sitzung des Notzinger Gemeinderates stellte Professor Christian Küpfer mit zwei Mitarbeitern die Konzeption für das Gebiet "Hinterer Wasen" vor. Dabei handelt es sich um eine Untersuchung für geeignete Flächen als Ausgleichsmaßnahmen für das Neubaugebiet "Letten II". Dem Professor geht es um eine nachhaltige Lösung. Weil das Baugebiet in eine reine Streuobstlandschaft gebaut wurde, war zunächst angedacht worden, in diesen Bereich zu investieren. Da jedoch kaum jemand mehr bereit ist die Obstbäume mangels Aufwandsentschädigung zu pflegen, riet Christian Küpfer davon ab. Stattdessen wird nun ein Acker in eine Schafweide umgewandelt und die Notzinger haben dank eines Weges ebenfalls einen Nutzen davon.

Zurzeit ist auf dem rund vier Hektar großen Gebiet ein recht artenarmer Bestand zu verzeichnen. Auf der Ackerbrache findet sich beispielsweise viel Löwenzahn und die wenig geliebte Ackerkratzdistel. Dies soll sich jedoch im Laufe der Zeit ändern. Eine extensiv genutzte Schafweide soll sich im "Hinteren Wasen" entwickeln und somit im Lauf der Zeit ein artenreicher Bestand an Pflanzen entstehen. Diesem folgt dann auch eine entsprechende bunte Tierwelt.

Zwei Extreme stellte der Experte dem Gemeinderat vor. Auf den vier Hektar können zum Beispiel 16 Mutterschafe samt Nachwuchs und Bock auf sieben Koppeln einer Umtriebsweide eine Vegetationsperiode ohne Zufütterung leben. Als Gliederung gibt es dementsprechend viele Heckenzüge, die weiteren Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bieten. Zwischen drei und sieben Tage, je nach Wuchs und Wetter, bleiben die Tiere auf einer Koppel, was zwei oder drei Umgängen im Jahr entspricht. Diese Art der Bewirtschaftung wäre für einen Hobbyschäfer interessant.

Die zweite Variante würde professionelle Schafhalter ansprechen. 96 Mutterschafe samt Anhang könnten zweimal pro Jahr die Fläche auf einer Koppel in drei bis sieben Tagen abweiden. Großen Wert legen die Planer jedoch darauf, dass die Pläne individuell mit dem Schäfer umgesetzt werden, der den Zuschlag erhält. Zwischen den zwei Extremen sind einige Zwischenlösungen möglich.

Auch die Notzinger Fußgänger und Radfahrer können von den Ausgleichsmaßnahmen profitieren. Nur mit Umwegen ist es Radfahrern möglich, direkt von Notzingen nach Wernau zum Freizeitgelände Kranzhalde zu gelangen, Fußgänger können sich entweder durch die Büsche schlagen oder auf sumpfigem Pfad entlang eines Bächleins in Richtung der Wernauer Vereinsheime wandern. Damit soll nun Schluss sein. Zwei Vorschläge unterbreiteten dazu die Planer: Entlang am tiefsten Punkt der Schlehenhecke mit einem kleinen Durchstoß einer weiteren Hecke auf den bestehenden Weg auf Wernauer Seite oder aber quer durch das Gebiet, allerdings mit extremen Steigungen. Dieser Vorschlag war schnell vom Tisch, sowohl Planer als auch Gemeinderat favorisieren Variante eins. Dies hätte zudem den Vorteil, dass auf diese Weise, die wuchernden Schlehen eine Grenze aufgezeichnet bekommen. "Vor rund 30 Jahren hat ein Landwirt sämtliche Flächen in diesem Gebiet zusammengeworfen und damit sind sämtliche Wege verschwunden", zeigte Notzingens Bürgermeister die jüngere Geschichte auf. Erhard Reichle bedauert noch heute, dass er diesen Vorgang nicht verhindern konnte. "Das war wunderschönes Unland. Es gab Silberdisteln und Enzian. Mit viel Aufwand kann es vielleicht wieder so werden wie es war", hofft der Gemeinderat und erinnerte sich an viele unterhaltsame Stunden auf dem einstigen Spiel- und Zeltplatz. "Das passt genau in unser Konzept. Über kurz oder lang stellt sich dieser Zustand wieder ein", ist Christian Küpfer überzeugt, da es sich in diesem Gebiet um recht schlechte Böden handele. "Sieben Koppeln sind zwar besser, aber auch zeitaufwendiger, mit Variante zwei tut sich ein Schäfer in der Praxis leichter", so die Einschätzung von Herbert Hiller. Als nächstes soll daher ein Schäfer ausgewählt werden. Mit ihm werden dann die weiteren Pläne ausgearbeitet und zwar solche, die sowohl dem Schäfer als auch der Natur etwas bringen. "Der Gemeinderat ist angetan", zog Bürgermeister Flogaus Resümee. Auf der Basis dieses Planes soll nun weitergearbeitet werden.