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"Singen wie der Engelchor bei der Geburt"

"Weihnachten ist eine schöne Zeit", sang einst der Wiener Kabarettist Georg Kreisler für die Erwachsenen und meinte es nicht ganz ernst. Für Kinder dagegen ist Weihnachten nach wie vor die schönste Zeit im Jahr, auch wenn Kritik aus Kindermund nicht gänzlich ausbleibt. "Wir werden immer gezwungen, Gedichte aufzusagen", lautet eine der Beschwerden.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Geschenke sind das Wichtigste an Weihnachten. Das meinen jedenfalls viele Erwachsene, wenn sie versuchen, das Fest mit Kinderaugen zu sehen. Und die vielen Geschenke, die über die Ladentische wandern und schließlich unter unzähligen geschmückten Nadelbäumen landen, scheinen diese Vermutung zu bestätigen. In Wirklichkeit fallen den Kindern aber ganz schnell die unterschiedlichsten Dinge ein, die sie an Weihnachten genauso wichtig finden wie die Geschenke. Viertklässler der Kirchheimer Freihof-Grundschule zählen bei Pfarrerin Susanna Herr im Religionsunterricht folgendes auf: "Essen", "Jesus ist geboren", "die Familie kommt zusammen", "Schnee", "Tannenbaum", "Skifahren", "Schlitten", "die Krippe aufbauen am Morgen", "dass Jesus uns beschützt".

Die Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit, nach Schutzengeln und schützenden Händen kommt auch in den Bildern zum Ausdruck, die die Grundschüler zum Thema "Weihnachten" gemalt haben. Aber ganz ohne Geschenke wäre das Fest natürlich doch kein "richtiges" Weihnachten.

Sie selbst haben dieses Jahr schon ein bisschen Weihnachtsmann gespielt und sich in der Diakonischen Bezirksstelle an der "Einpackaktion" beteiligt: Für Obdachlose und Bedürftige in Kirchheim packten sie große Papiertüten. Die Otto-und-Eugen-Ficker-Stiftung hat die Lebensmittel finanziert. Hinzu kamen Socken, gespendet von der Strumpffabrik Kettenbach aus Frickenhausen. Die 60 roten Weihnachtstüten sind bereits in den vergangenen Tagen verteilt worden, sodass die Empfänger nicht bis heute warten mussten im Gegensatz zu den Kindern.

"Das Warten ist blöd, aber spannend", erkennt ein Junge Vor- und Nachteile eines langen Tages, der allein dem Namen nach gar kein "Tag" sein dürfte "Heiligabend". Eigentlich warten die Kinder ja schon viel länger. Wichtiger als der Adventskranz ist dabei der Adventskalender. Am 1. Dezember fällt für die meisten Kinder der Startschuss zum langen Warten.

Worauf warten sie? Sicher auf die Geschenke, aber auch auf die Rituale. Die Viertklässler erzählen immer wieder dieselbe Geschichte, wie sie "nach oben" oder "aufs Zimmer" geschickt werden, bevor Christkind oder Weihnachtsmann ihre Arbeit im Verborgenen tun können. Fast alle Kinder schauen dabei durchs Schlüsselloch und durchschauen die Tricks der Erwachsenen. Nur in einem Fall gab jemand offen zu: "Ich weiß nicht, wie die unsere Geschenke da reinbringen, wenn wir draußen sind. Das geht eigentlich gar nicht."

Andere Rituale sind der gemeinsame Kirchgang, das Festessen (das nicht allen Kindern wirklich schmeckt) und die Weihnachtslieder. CD und Kassette gehören häufig zum festen Bestandteil des Weihnachtsabends. Mehrheitlich erzählen die Viertklässler aber davon, dass die Familie selbst singt und auf allen möglichen Instrumenten dazu spielt. "Das Singen ist nicht schlimm", meint ein Mädchen und liefert gleich die Begründung nach: "Wir singen wie der Engelchor bei der Geburt." Das trifft indessen nicht auf alle Familien zu: "Wenn meine Oma zu hoch singt, dann singe ich nicht gern mit", stellt ein anderes Mädchen fest, und eine ganz Gewiefte erzählt: "Ich bewege nur die Lippen."

Das wird auch Philipps kleiner Bruder von heute an so halten müssen. Für den Vierjährigen war der Adventskalender nämlich nicht nur Grund zur Freude: Er hat sich auf die Abmachung eingelassen, dem Christkind an Heiligabend seinen Schnuller zu geben, sozusagen als Gegenleistung für die Geschenke. Die müssen dann schon üppig ausfallen, wenn der Kleine auch schnullerfrei noch sagen soll: "Weihnachten ist eine schöne Zeit."