Lokales

Singstunde war zuerst ein Stolperstein

Sangeslustige Bäcker haben einen berufsbedingten Nachteil zu bewältigen. Sie müssen tief in der Nacht bereits die Arbeit aufnehmen, wenn die Mitglieder von normalen Gesangvereinen vielleicht gerade den Heimweg antreten. Vor 100 Jahren fand ein kluger Kopf unter den Kirchheimer Bäckermeistern einen Ausweg. Er gründete zusammen mit einer Reihe von Kollegen einen eigenen Gesangverein mit Probenzeiten, die dem Beruf angepasst waren.

FRICKENHAUSEN So kam es, dass der Bäckergesangverein Nürtingen-Kirchheim jetzt sein 100-jähriges Bestehen begehen konnte. Das Jubiläumskonzert fand am Samstag in der schmuck dekorierten Otto-Maisch-Halle in Linsenhofen statt. Drei Chöre bestritten das hörenswerte Programm, der Jubiläumsverein, der Liederkranz Linsenhofen und der Bäckergesangverein Esslingen.

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Die zahlreichen Besucher, die es an zustimmendem Beifall nicht fehlen ließen, kamen voll auf ihre Kosten. Drei Stunden lang beherrschten Sang und Klang die Szene. Die Solistinnen Sylvia Heermann und Angela Hack setzten dem abwechslungsreichen Programm die Glanzlichter auf. Sie traten solistisch und in Begleitung der Chöre auf. Vor allem den Abendsegen von Engelbert Humperdinck sangen sie mit bewundernswürdiger Innigkeit und feinem Gespür für die Entwicklung und Farbwerte der getragenen Melodie. Es war interessant zu verfolgen, wie die verschiedenen Chöre unterschiedliche Aspekte der Chorliteratur kultivieren. Der Esslinger Bäckergesangverein zum Beispiel sang fast ausschließlich Lieder zu ironischen oder humorvollen Texten. So kam im ursprünglichen Sinne des Wortes ein abwechslungsreiches Programm zustande.

Hermann Blank aus Linsenhofen ist seit 16 Jahren Vorsitzender des Bäckergesangvereins Nürtingen-Kirchheim. Er skizzierte mit der Geschichte die Höhen und Tiefen des Vereins, dessen Mitglieder nicht nur aus den zwei Städten, sondern bald auch aus den umliegenden Gemeinden kamen. Besonders willkommen hieß er den Ehrenpräsidenten Werner Schäfer, den früheren Vorsitzenden Erich Kiebele sowie Erika Barth aus Nürtingen. Alfred Barth, ihr Mann, war nicht weniger als 35 Jahre Leiter des Chores.

Zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins hatten sowohl Kirchheim wie Nürtingen noch eigene Innungen. Zahlreiche Mitglieder blieben auf den Schlachtfeldern der zwei großen Kriege. In Nürtingen nahmen 1952 die Bäckermeister die Proben wieder auf (in Kirchheim erst 1957). 1958 erfolgte der Zusammenschluss der zwei Bäckergesangvereine. Unter dem Dirigenten Alfred Barth wurden in der Folge zahlreiche Konzerte mit großem Erfolg gegeben. Chorleiter seit nunmehr 14 Jahren ist Werner Krämer, in dessen Händen am Samstag auch die Gesamtleitung des Jubiläumskonzerts lag.

Frickenhausens Bürgermeister Bernd Kuhn fand es in seinem Grußwort erstaunlich, wie bei all dem Wandel, den das Bäckerhandwerk in den zurückliegenden Generationen über sich ergehen lassen musste, der Chor letztlich doch bestehen bleiben konnte. Den Grund dafür sah er in der Freude am Gesang.

Waldemar Volz, Vorsitzender des Württembergischen Bäcker-Sängerbundes, kam ebenfalls auf die tiefgreifenden Änderungen zu sprechen, die das Bäckerhandwerk in den zurückliegenden 100 Jahren erfahren musste. Dass trotz allem Wandel die Freude am Gesang unverändert stark geblieben sei, habe man dem ehrenamtlichen Einsatz vieler Mitglieder zu danken.

Wilhelm Gamm, der Vorsitzende des Esslinger Bäckergesangvereins, nannte die Einladung zum Jubiläumskonzert eine große Ehre. Er weiß, dass der Chorgesang ein freudiges Herz und ein heiteres Gemüt voraussetzt. Sein Wunsch war, dass es noch lange so bleiben möge. Obermeister Johannes Schultheiß fand es eine enorme Leistung, wie hier in 100 Jahren Kunst und Kultur gepflegt wurden. Aber die Bäcker sind zäh und haben Stehvermögen. Von diesem Willen zum Beharren könne sich mancher ein Stück abschneiden. Es gebe, stellte der Obermeister fest, kaum einen anderen Berufsstand, der mit einem eigenen Chor aufwarten und eigene Konzerte gestalten könne. Das lasse letztlich doch mit Zuversicht in die Zukunft blicken, trotz der nicht zu übersehenden Schwierigkeit, mit der sich der Berufsstand konfrontiert sehe.

Musikalisch war das Jubiläumskonzert ein Abend der schönen Melodien. Die ausgewählten Kompositionen boten etwas für Herz und Gemüt. Den Auftakt bildeten Edvard Elgars großartige Klänge der Freude, die, wenn es in England etwas zu feiern gilt, unweigerlich vom ganzen Publikum aus vollem Herzen und überschwänglich mitgesungen werden. Italien, dem Sehnsuchtsland aller Deutschen, wurde musikalisch ausgiebig Tribut gezollt. Es konnten aber auch schon mal Melodien gesungen werden, die noch heute so ansteckend und beliebt sind wie "Wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt" oder "Das gibt's nur einmal". Der unverwechselbare Friedrich Silcher, Johann Strauß und Jacques Offenbach sind nur einige der Komponisten, denen an dem Abend die Ehre gegeben wurde. Den Jubiläumsverein dirigierte Werner Krämer, den Liederkranz Linsenhofen Sigrid Uhle-Wettler und den Esslinger Bäckergesangverein Siegfried Abel. Für die Begleitung am Klavier sorgte kongenial Gunter Schaich.

Gastgeber Hermann Blank dankte allen, die zum Gelingen des Abends beigetragen hatten. Als Dank überreichte er den Dirigenten und Solisten keine Blumen, sondern etwas Gebackenes, wie es sich für Bäcker gehört.

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