Lokales

Sinnbild der Gerechtigkeit

„Frauen helfen Frauen“ und Volkshochschule präsentieren Ausstellung im Spital

Kirchheim. Stolz und mutig steht sie da, das Schwert in der rechten, die Waagschale in der linken Hand, die Augen verbunden: Justitia, Sinnbild der Gerechtigkeit. Warum aber ist Justitia eine Frau? Sind Frauen am Ende die gerechteren Menschen? Antworten auf diese Fragen gibt eine Ausstellung, die im Rahmen der Kirchheimer „FrauenKulturTage“ von der Volkshochschule und dem Verein „Frauen helfen Frauen“ im Spital präsentiert wird.

BRIGITTE GERSTENBERGER

Die Ausstellung zeigt Kaiserinnen wie Livia und Theodora und fragt nach der Beziehung zwischen Muttergöttinnen und Maria sowie deren Rolle in dem jeweiligen historischen Gerechtigkeitsdiskurs. Darüber hinaus würdigt die Ausstellung das Wirken der großen Gerechtigkeitsdenkerinnen in der Geschichte wie Hildegard von Bingen, Christiane de Pizan, Flora Tristan und Hedwig Dohm.

23 000 Jahre Gerechtigkeitsge­schichte aus Sicht der Frauen, übertragen auf zwölf Tafeln, die im ­schmalen Treppenhaus der Volkshochschule einen Einblick in die Räume der Gerechtigkeit geben – angefangen bei den matriarchalen Zeiten über die ägyptische Gerechtigkeitsgöttin Maat und die griechischen Göttinnen Demeter und Athene.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Unrechtssystem des Faschismus und den Gerechtigkeitshoffnungen der Gegenwart, so die Leiterin der Volkshochschule, Susanne Voigt, die zur Eröffnung der Ausstellung die überwiegend weiblichen Besucher – unter ihnen auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer – begrüßte.

Für den Verein „Frauen helfen Frauen“ gab Eva Vogelmann einen kurzen Einblick in die Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre im Blick auf Gewalt an Frauen. „Wer Gewalt erfährt, sehnt sich nach Gerechtigkeit“. Eva Vogelmann bedauerte, „dass die Justiz immer noch vorrangig von Männern dominiert wird“.

Mit dem Vorurteil, dass Justitia eine Frau, aber offensichtlich blind ist, wie gemeinhin gedacht wird, räumte die Historikerin Tatjana Pfau auf, die durch die Ausstellung führte. „Die Augenbinde, die Justitia trägt, soll nicht heißen, dass die Gerechtigkeit blind ist, sondern die Binde meint das Gegenteil: Justitia ist gerecht. Nicht der äußere Schein, das Ansehen einer Person ist für ihr Urteil von Bedeutung, sie urteilt ohne Ansehen der Person“.

Die Waage hingegen mit ihren zwei Schalen symbolisiert das Für und Wider eines Sachverhaltes und das Schwert ist ihr Richtschwert, denn Recht sprechen ist nur das eine, es durchzusetzen das andere.

Die erste Tafel zeigt ein Bild der „Frau von Laussel“. Das Relief zeigt eine nackte Frau. Die Verbindung zwischen einer umfassenden Weltsicht, den Naturgesetzen des weiblichen Körpers und dem Wunsch, sich „ein Bild zu machen“ steht am Anfang einer Kulturentwicklung, die Gerechtigkeit als zentralen Aspekt von Beziehungen sieht. So führen die heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit zurück auf die ägyptische Kultur und deren Gerechtigkeitsgöttin Maat. Sie verkörperte in Ägypten ein umfassendes Lebensprinzip, ohne das kein Pharao regieren, kein Mensch ins Reich des Jenseits treten konnte.

In den folgenden Tafeln werden die griechischen Göttinnen Themis mit ihren Töchtern Eirene (Frieden), Dike (Recht / Gerechtigkeit) und Eunomia (gute Ordnung), die das Leben der Menschen bestimmten, aufgeführt. „Wenn sie (die Frauen) uns gleichgestellt sind, so sind sie uns überlegen“, begründete Cato der Ältere (234 bis 149 vor Christus) die frauenfeindliche Gesetzgebung im antiken Rom. Eine unglaublich vielfältige Gerechtigkeitskultur entwickelte das Mittelalter und entdeckte auch die von Frauen geprägten jüdischen, griechisch-römischen und ägyptischen Wurzeln neu. Gerechtigkeit wurde zu einer der wichtigsten Tugenden, die die Menschen, ähnlich wie die ägyptische Maat, durch ihr Leben leiten und begleiten sollten, betonte die Historikerin Pfau.

Die Ausstellung im Spital geht aber auch auf alte und neue frauenfeindliche Angriffe, wie etwa unterdrückende Gesetze und Todesurteile gegen Frauen in den jeweiligen historischen Epochen, ein.

Eine der berühmtesten Frauen, Jeanne d`Arc, warnte in ihrem Prozess im 15. Jahrhundert ihre Richter: „Ich sage Euch, die ihr Euch meine Richter nennt, denn ihr ladet Euch eine schwere Last auf und ihr mutet mir zuviel zu“.

Mit der Französischen Revolution begann eine neue Etappe im Verhältnis der Geschlechter. Obwohl Frauen mit ihrem Marsch auf Versailles im Oktober 1789 den wichtigsten Anstoß für die revolutionäre Entwicklung gaben und mit der Forderung nach „Brot, Freiheit und Verfassung“ die Revolutionsziele präzise beschrieben, wurden sie bei der Erklärung der Menschenrechte bewusst ignoriert und die Menschenrechte als Männersache definiert.

In der Ausstellung werden Frauen vorgestellt wie Olympe de Gouges, die Verfasserin der Erklärung der Menschenrechte für die Frau und Bürgerin. Sie wurde zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet, weil sie diesen Ausschluss als Grundmakel der Demokratie anprangerte. Die Rechtskämpfe im 19. und 20. Jahrhundert sind geprägt von dem Widerstand gegen diese Ungerechtigkeit, machte Tatjana Pfau deutlich.

„Justitia weint“ lautet die Überschrift der vorletzten Tafel, die aufzeigt, wie verheerend und katastrophal sich der deutsche Faschismus auf die Hoffnungen auf Gerechtigkeit auswirkte und „dass wir uns in unseren Gerechtigkeitsvorstellungen von dieser Zeit immer noch nicht ganz erholt haben“.

Die letzte Tafel stimmt hoffnungsfroh, zeigt sie doch „die weltweite Suche nach Gerechtigkeit“ und den Versuch, die Welt mit den Mitteln des Rechts friedlicher zu machen, denn eine demokratische Gerechtigkeitskultur zwischen den Geschlechtern ist hierbei der wichtigste Baustein.

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