Lokales

Sinnsuche an den Grenzen von Schöpfung und Irrwitz

KIRCHHEIM Auf Einladung des Kirchheimer Aktionskreises Behinderte (AKL) gastierte das Theater Lindenhof in der Waldorfschule in der Fabrikstraße in Ötlingen. Gemeinsam mit behinderten Darstellern aus den Heimen Mariaberg gelang den Melchinger Theaterleuten mit Georg Büchners Stück "Leonce und Lena" eine äußerst gelungene Aufführung.

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BRIGITTE GERSTENBERGER

Das Theaterprojekt soll mit dazu beitragen, Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen abzubauen. Gleichzeitig bietet es Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten neu zu entdecken.

So stehen sie dann mit unübersehbarer komödiantischer Spielfreude auf der Bühne, die schauspielbegeisterten Menschen mit und ohne Behinderung, um gemeinsam in das Königreich aufzubrechen, in dem Georg Büchners "Leonce und Lena" an den Grenzen von Schöpfung und Irrwitz wohnen.

Ein Theaterstück, das von der Sehnsucht nach einem sinnerfüllten und selbstbestimmten Leben handelt. Wenngleich sich hinter der Fassade einer heiteren Verwechslungskomödie mit Anklängen an William Shakespeare eine sarkastische Satire verbirgt. So sind die Angriffspunkte auf die damalige Gesellschaft nicht zu überhören. Dabei erscheint das "Reich Popo" des recht vertrottelten Königs Peter (Berthold Biesinger, Theater Lindenhof) mit lächerlich kleinem Territorium, bewacht von zwei herumalbernden Polizisten (Salvatore Bauer und Oliver Nepper, Mariaberg), "ein Hund, der seinen Herrn sucht, ist durch das Reich gelaufen", unverkennbar als Karikatur der damaligen deutschen Kleinstaaterei.

In dieser kleinen aber feudalen Welt eingesperrt, langweilt sich der blasierte Prinz Leonce (Oliver Moumouris, Theater Lindenhof) reichlich. "Die Bienen sitzen so träge an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang. Müßiggang ist aller Laster Anfang".

Der sich in Langeweile verzehrende Prinz wird aus seiner Lethargie jäh herausgerissen als er erfährt, dass sein Vater König Peter für ihn die Hochzeit mit Prinzessin Lena ( Elisapet Theodoridou, Schülerin) aus dem Reiche Pipi arrangiert hat. Um der Zwangsheirat zu entgehen und nachdem er sich von seiner Geliebten Rosetta ( Linda Schlepps, Theater Lindenhof) verabschiedet hat, flieht er zusammen mit dem Herumtreiber Valerio (Norbert Löffler, Mariaberg und Gerd Plankenhorn, freier Schauspieler) nach Italien.

Der Auftritt der beiden, deren Rolle als die des Shakespearschen Narren verstanden werden kann, wurde zur Begeisterung des Publikums von Löffler und Plankenhorn bravourös in Szene gesetzt. Auf das Vortrefflichste teilen sie nicht nur die Grillen ihres Herrn, sondern überhöhen sie noch und steigern sie gekonnt ins Lächerlich-Groteske. Auch Prinzessin Lena entzieht sich der unfreiwilligen Hochzeit. Lieber will sie in romantischer Verklärtheit versunken in der Fremde sterben, und flieht mit ihrer Gouvernante (Rosemarie Holder, Mariaberg.)

Auf dem Weg nach Italien begegnen sich nun die Königskinder, ohne jedoch ihre wahre Identität zu kennen. Leonce verliebt sich in Lena, doch seine Liebe wird nicht erwidert. Daraufhin will er Selbstmord begehen, wird aber von Valerio davon abgehalten, der ihn spöttisch bittet, diese "Leutnantsromantik" sein zu lassen. Schlussendlich verliebt sich Lena dann doch noch in Leonce.

Szenenapplaus auch im letzten Akt, der König und sein abstruser Hofstaat (Klaus-Dieter Häuser, Mariaberg, Heinz Kaufmann, Mariaberg und Christian Sunkel, freier Schauspieler) sowie die Hofdamen (Renate Gutmann, Mariaberg und Linda Schlepps) nehmen sorgfältig Aufstellung. Während der Zeremonienmeister den Zustand des Reiches Popo beklagt "Verfall von Sitte, Haltung und Ordnung" lässt König Peter die Grenzen beobachten, ob nicht doch noch der verschwundene Prinz erscheint. Er ist wild entschlossen, seinen Beschluss umzusetzen: "Heute wird geheiratet, sich zu freuen ist Pflicht".

Da aber kein Hochzeitspaar da ist, ist "Melancholie vorgeschrieben". Doch plötzlich tauchen am Horizont des überschaubaren Reiches mehrere Personen auf. Valerio tritt als alternativer Zeremonienmeister auf und stellt der Hofgesellschaft die beiden maskierten Königskinder als "Automaten" vor und führt diese wortreich als parodistischen Schöpfungsakt in die menschliche Gesellschaft ein.

Eine Hochzeit "in effigie" scheint für König Peter die Lösung des Problems und im Schnelldurchlauf findet die Zeremonie mit den Automaten als Braut und Bräutigam statt. Leonce und Lena nehmen die Masken ab und erkennen, dass sie sich gefunden haben, indem sie versuchten, sich zu entkommen.

"Zufall" oder "Vorsehung", mit komischer Ironie akzeptiert Leonce sein Los als König über ein Reich gehorsamer Untertanen. Valerio seinerseits, sofort zum Staatsminister ernannt, kündigt parodierend die zukünftige gesellschaftliche Situation an, die bestehende Ordnung im Chaos versinken zu lassen und auf individuellen Genuss auszurichten. Ganz in der Tradition des Schlaraffenland-Idylls bittet Valerio in seinem Schlusswort um "Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und um eine kommode Religion."