Lokales

Ski fahren oder Raumschiffe basteln?

Gameboy und Co. haben den klassischen Brettspielen noch nicht das Wasser abgegraben

Heute ist Weltspieltag – ein Grund dafür, das Spieleverhalten der Menschen unter die Lupe zu nehmen. Haben klassische Gesellschaftsspiele wie Monopoly überhaupt noch eine Chance gegen Gameboy und Co.? Experten geben Antworten.

heike allmendinger

Kirchheim. Steile Skihänge hinabbrausen, beim Tennis den Ball übers Netz schmettern oder mit dem Rennauto alle Konkurrenz hinter sich lassen und als Erster durchs Ziel flitzen: All das funktioniert auch mitten im Wohnzimmer – dank Videospielkonsolen, die über Sensoren sämtliche Bewegungen des Spielers auf dem Fernsehbildschirm wiedergeben.

So spielt die Jugend von heute – da fristen klassische Gesellschaftsspiele wie Monopoly oder Malefiz wohl nur noch ein Schattendasein. „Unter Zehnjährige spielen noch immer dasselbe wie die Kinder schon vor 20 Jahren gespielt haben. Aber bei den älteren Kindern und Jugendlichen wird es für die klassischen Spiele schon schwieriger“, bestätigt Bernd Hannes. Der Geschäftsführer des Kirchheimer Spielwarenhandels Heiges will die Videospielkonsolen nicht verteufeln – im Gegenteil: Er selbst hat den „Olympischen Fünfkampf“ am Fernsehgerät bereits ausprobiert und findet ihn „richtig anspruchsvoll“. Allerdings hält Bernd Hannes von „intelligenten Spielen“ mehr, bei denen man überlegen und taktieren muss und die das logische Denken fördern. Deshalb spielt der 55-Jährige am liebsten Schach.

„Früher hat man ,Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt. Aber Computerspiele haben dieses Spiel überrollt“, weiß Klara Schad vom Spielwarengeschäft Schad in Kirchheim. Dasselbe sei bei Memory der Fall: Der Klassiker gehe nur noch selten über die Ladentheke. „Es gibt zwar noch Eltern, die sehr viel mit ihren Kindern spielen. Aber wir stellen schon fest, dass das kreative Spielen abgenommen hat“, fügt Anette Schad, die Tochter von Klara Schad, hinzu. Bei Computerspielen würde alles sehr rasant vonstatten gehen – und dafür genüge oft schon ein Knopfdruck. „So verlieren die Kinder im wahren Leben schnell die Geduld“, ist Anette Schad überzeugt. Bei klassischen Brettspielen hingegen könnten die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinschaft etwas erleben, ihre motorischen Fähigkeiten trainieren und auch lernen, wie man mit dem Verlieren umgeht.

„Es ist viel vom Elternhaus abhängig. Wenn man mit den Kindern an einen Tisch sitzt und sie an die althergebrachten Spiele heranführt, dann interessieren sie sich auch dafür“, unterstreicht Bernd Hannes, der aber nicht nur von den älteren Spielen schwärmt: „Es gibt viele neue, sehr gute Spiele“, betont der Esslinger. Und genau diese würden bei den jungen Leuten auch ganz gut ankommen, hat Bernd Hannes beobachtet. So gehe zum Beispiel das Spiel „Schlag den Raab“ nach der gleichnamigen TV-Show mit Stefan Raab „weg wie warme Semmeln“, informiert Petra Maria Kiefer, Mitarbeiterin des Spielwarengeschäfts Heiges. Gefragt sei aber auch das Detektiv-Spiel „Das Haus Anubis“.

Auch Klaus Kögler, Volker Hantschel und Rainer Piesiur – alle drei begeisterte Spieler und Mitglieder des Rollen- und Simulationsspiele Clubs Teck – favorisieren eher neuere Spiele. „Klassiker wie Monopoly spielen wir im Club nicht. Auf dem Markt gibt es so viele neue, gute Spiele – und die testen wir alle aus“, erzählt der 40-jährige Klaus Kögler, zu dessen Lieblingen das Schatzsuchen-Spiel „Tobago“ gehört. Bei Volker Hantschel hingegen steht „Galaxy Trucker“ hoch im Kurs. „Hier bastelt man sein eigenes Raumschiff und fliegt damit ein Rennen. Das ist recht lustig“, sagt der 33-Jährige schmunzelnd.

„Als Kind habe ich mit ,Mensch ärgere dich nicht‘ angefangen. Aber das wurde irgendwann langweilig. Und in Deutschland sind lange keine interessanten Spiele nachgekommen“, konstatiert Klaus Kögler. Deshalb hätten die Mitglieder des Clubs, der vor 20 Jahren gegründet wurde, zunächst ausschließlich Import-Spiele – hauptsächlich aus Amerika – gespielt. „Ende der 90er kam dann in Deutschland mit ,Siedler von Catan‘ eine große Welle“, erzählt Klaus Kögler. „Dieses Spiel ist zum Klassiker geworden. Das hat vorher lange kein deutsches Spiel geschafft.“ Und auch nach den „Siedlern von Catan“ seien hierzulande etliche spannende Spiele entwickelt worden.

Momentan zählt der Rollen- und Simulationsspiele Club Teck knapp 40 Mitglieder, die regelmäßig offene Spieletreffs im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde und in der Stadtbücherei anbieten. Doch auch die Club-Mitglieder haben den Vormarsch der Computerspiele bereits zu spüren bekommen. „Bei dem Spielertreffen ,Teck Con‘, das wir ein Mal im Jahr in der Linde veranstalten, sind früher 300 Besucher gekommen – jetzt ist es noch die Hälfte“, sagt Klaus Kögler. Das liege an den PC-Spielen, aber auch an den sogenannten Live-Rollenspielen, fügt Volker Hantschel hinzu. Bei Letzteren schlüpfen die Teilnehmer in unterschiedliche Rollen und ziehen verkleidet durch Städte.

„Manchmal muss ein Spiel nicht einmal gut sein. Das Schöne ist, dass man Gesellschaft hat und sich nebenbei auch über andere Dinge unterhalten kann“, bricht Klaus Kögler eine Lanze für Rollen- und Brettspiele. Das bestätigt Rainer Piesiur: Der 40-Jährige genießt es, zusammen mit seinen Söhnen Robin (zehn) und Maurice (sieben) bei einem Gesellschaftsspiel zusammenzusitzen und über den nächsten Spielzug nachzugrübeln. „In den Computer guckt man beruflich doch den ganzen Tag“, betont er. Und auch Volker Hantschel sind Brettspiele lieber als PC- und Online-Spiele: „Man ist viel flexibler und nicht an ein PC-Programm gebunden. Wenn man will, kann man die Regeln ändern – oder auch mal ein Auge zudrücken.“

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