Lokales

Sogar Herr Mehdorn hat gespendet

Liebevoll gestaltete Stele erinnert an den früheren Ötlinger Bahnhof und das Postamt

Mit viel Ausdauer hat der Ötlinger Ortschaftsrat ein ganzes Jahr lang für sein Projekt um Spenden geworben. Doch es hat sich gelohnt. Denn die schmucke zweiseitige Stele, die ab sofort auf der Festwiese ­Uracher Straße an den ehemaligen Ötlinger Bahnhof und das ehemalige Postamt erinnert, hat Kunstschmied Edmund Graeber mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

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PETER DIETRICH

Kirchheim. Rund einhundert Stunden, sagt Graeber, habe er in die Stele investiert. Um dann zu ergänzen, dass dabei die Lok, der Wagen und das Postauto noch gar nicht eingerechnet sind. Beim Zusammenbau, Transport und Aufstellen der Stele haben viele freiwillige Helfer mit angepackt. Das half zum einen Kosten sparen und war zum andern nötig, wiegt die Stele doch immerhin 230 Kilogramm. In ihrer äußeren Form entspricht sie der anderen Ötlinger Stele, die ebenfalls von Graeber gefertigt wurde und seit 2003 an der Lauter an den früheren Farrenstall und den Dreschplatz erinnert.

Der Stahl wurde vor dem Zusammenbau feuerverzinkt. Bei den Figuren kombinierte Graeber traditionelle Schmiedetechniken mit modernen Fertigungsmethoden wie Schweißen, Schleifen, Feilen und Kaltmeißeln. Die Ortswappen und Texte schnitt die Göppinger Firma Staufen Wasserstrahltechnik – ganz präzise mit einem Wasserstrahl und hartem Sand und unvorstellbaren 4000 bar Druck. Für die Pulverbeschichtung der Tafeln im Farbton Anthrazit sorgte die Firma Walter Schmidt aus Kirchheim. Graeber, der in Ötlingen wohnt, hat seine Kunstschlosserei in Holzmaden. Er schuf unter anderem das Eingangstor und das Geländer zum Wehraufgang an der Kirchheimer Bastion.

Insgesamt 7 500 Euro hat die neue Stele gekostet, die bei einer Feierstunde von der Jugend der Feuerwehrabteilung Ötlingen mithilfe eines großen Krans enthüllt wurde. Rund 60 Sponsoren haben zur Finanzierung beigetragen, die Spenden reichen von 20 bis 1 000 Euro. Ortsvorsteher Hermann Kik scheute sich auch nicht, den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn anzuschreiben und um eine Spende zu bitten. Tatsächlich erhielt er an einem Freitagnachmittag einen Anruf eines Mitarbeiters aus Mehdorns Büro, der noch einige Informationen wollte. Fünf Wochen später hatte er dann eine Spende der Bahn von 100 Euro erhalten. „Die Post hat abgesagt, sie habe andere Prioritäten“, berichtete Kik vom Ergebnis einer weiteren Anfrage. Vom Verband Region Stuttgart gab es aber ebenfalls 100 Euro. Auch viele Ötlinger Privatleute beteiligten sich, in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten Zugezogene noch bereitwilliger als die ganz alt Eingesessenen. Auf angedachte Projekte wie den Verkauf von gebackenen Lokomotiven musste der Ortschaftsrat daher nicht zurückgreifen.

„Da steckt nicht nur Handwerkskunst, da steckt viel Herzblut drin“, lobte Kik den fleißigen und kreativen Künstler. Wer genau hinsieht, kann auf der Bahnhofseite sogar die Nachbildung der Schienen erkennen. Als Vorbild für die kleine Dampflok, einem C-Kuppler, dienten Graeber zwei Modellbahnlokomotiven in verschiedenen Spurweiten. Der Bahnhof ist nach alter Schreibweise mit „Oethlingen“ beschriftet.

Das zweistöckige Bahnhofsgebäude wurde 1874 in Betrieb genommen, erst zehn Jahre nach der Bahnlinie nach Kirchheim. Davor hatte es ein Provisorium gegeben. 1892 wurde ein Güterschuppen gebaut. Als die Bahn 1965 zwischen Ötlingen und Kirchheim neu trassiert wurde, wurde der neue Bahnhof 300 Meter nach Westen verlegt, die Post kam in die Stuttgarter Straße. Alter Bahnhof und Postgebäude wurden abgerissen, auf dem Gelände entstanden mit der Zeit das Gemeindezentrum Peter und Paul, der Kindergarten Uracher Straße, eine Grünfläche und Parkplätze.

Wegen des schlechten Wetters wurde der Großteil der Feierstunde unter das Vordach des Gemeindezentrums verlegt, dazu gehörte auch der musikalische Empfang durch das Blechbläserensemble des Musikvereins Ötlingen. Nur die eigentliche Enthüllung und die Erläuterungen des Künstlers fanden direkt an der Stele statt.

Bürgermeister Günter Riemer lobte in Vertretung der Oberbürgermeisterin die Zusammenarbeit von Ideengebern, Organisatoren, Künstler und Finanziers. Für ihn ist die Gedenkstelle „ein sehr gutes Beispiel, wie man sich gemeinsam für die Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum engagieren kann“. Er erinnerte daran, dass mit der S-Bahn im Dezember für Ötlingen „ein neues Zeitalter der Eisenbahn“ anbreche. Nur über das Bahnhofschild sei er noch nicht so glücklich, auf ihm sollte Ötlingen klar zu sehen sein.

„Vielleicht, das wünsche ich mir, war es nicht die letzte Stele“, hofft Riemer auf einen weiterhin aktiven Ortschaftsrat. Als nächstes Projekt hat sich dieser die Beschilderung einiger historischer Ötlinger Gebäude vorgenommen. Das, hofft Kik, solle innerhalb des nächsten halben Jahres geschehen. Kik hofft ebenfalls, dass es später sogar Stadtteilführungen durch Ötlingen gibt.