Lokales

Spagat zwischen Bildungsauftrag und finanziellen Zwängen

Der Aufwand war gewaltig, das Ergebnis begeisterte, die Kosten hielten sich im Rahmen und die Werbung in eigener Sache ist eigentlich unbezahlbar. Mit einem Festakt im "erweiterten Kreis von Freunden" wurde in der Schlosskapelle der Dienstantritt von Susanne Voigt gefeiert und zugleich Gerhard Fink und dem gesamten Mitarbeiterteam dafür gedankt, wie gut die Interimszeit gemeistert wurde.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Das eindrucksvolle Büffet konnte fast vergessen machen, dass es mit den Finanzen der Volkshochschule tatsächlich nicht gerade zum Besten steht. Die seit Januar schon amtierende Volkshochschulleiterin Susanne Voigt nutzte die Gelegenheit, im Kreis ihrer Gäste den Dank an die für die multikulturellen Köstlichkeiten verantwortlichen Dozentinnen und Kursteilnehmer mit einer intensiven Einladung zu einem der vielen von der Volkshochschule angebotenen Koch- und Backkurse zu verbinden.

Ludwig Kirchner, der durch den Abend führte, konnte als Vorsitzender des Vereins Volkshochschule anschließend allen Besuchern in seinem explizit angekündigten "Werbeblock" nur wärmstens empfehlen, möglichst rasch Mitglied des Fördervereins zu werden, weil das derzeit noch überhaupt nichts koste. "Sollte irgendwann doch . . ." ein geringer Beitrag eingeführt werden müssen, werde der sicherlich durch entsprechende Nachlässe bei den Kursgebühren mehr als kompensiert.

Vanessa Wünsch und Florian Dehling warben zunächst mit Marimbafon und Vibrafon später noch mit einem Set-Up aus Percussionsinstrumenten für ihre Musikalität und machten damit auch geschickt auf die untrennbar mit der Volkshochschule verbundenen Aktivitäten des Kulturrings aufmerksam.

Landtagsvizepräsident und Innenminister a. D., Frieder Birzele, warb vor allem in seiner Funktion als Präsident des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg dafür, durch lebenslanges Lernen den längst stattgefundenen Schritt in die Wissensgesellschaft mit zu vollziehen. Das einst gängige Sprichwort, dass Hans nicht mehr lernt, was schon Hänschen nicht lernte, gelte längst nicht mehr, denn heute müssten "Hänschen und Hans" ständig lernen und unentwegt darum kämpfen, mit der immer rasanteren Entwickung der Wissensgesellschaft einigermaßen Schritt halten zu können.

Wie berichtet, hatte sich die neue Volkshochschulleiterin Susanne Voigt im Kreis von über 170 Mitbewerberinnen und -bewerbern behauptet und war mit 14 anderen vom Vereinsvorstand zum Interview geladen worden. Die in Freiburg geborene Diplom-Pädagogin hatte sich bei der Mitgliederversammlung dann schon im ersten Wahlgang klar durchsetzen können.

Schon seit Jahresbeginn als Leiterin der Kirchheimer Volkshochschule tätig, warb sie bei ihrer offiziellen Amtseinsetzung vor allem für Vertrauen, dass der Spagat zwischen Bildungsauftrag und finanziellen Zwängen und die Herausforderungen der Zukunft gemeistert werden können. Den hohen Wert der "Ware Bildung" und die hervoragende Qualifikation der Dozentinnen und Dozenten gelte es, noch stärker nach draußen bewusst zu machen. Das Image der Volkshochschule weiter zu verbessern, sieht sie als wichtige Herausforderung an, die Kommune und Weiterbildungseinrichtung nur gemeinsam meistern könnten.

Ganz deutlich hob sie hervor, dass die Volkshochschule auch Leistungen in sozial-politischen Bereichen erbringt. Die gesellschaftspolitisch ungemein wichtigen Integrationskurse würden schließlich zu Bedingungen angeboten, die unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum zu rechtfertigen wären. Alphabetisierungskurse würden überhaupt nicht gefördert, müssten aber zwingend angeboten werden, weil Menschen, die weder lesen noch schreiben können, überhaupt keine Chance haben.

Dass mit solchen Kursen nicht viel zu verdienen ist, versteht sich von selbst. Dass sich solche Beiträge zur Integration von Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund nicht vielleicht doch auf Jahre für die Kommunen rechnen, lautete die rhetorische Frage, die Susanne Voigt in diesem Zusammenhang in den Raum stellte. Im Blick auf die wie begründet tatsächlich unerlässlichen Zuschüsse der Kommunen warb sie darum, keine "Zwangsehe" einzugehen, sondern eine "Lebensgemeinschaft auf der Basis gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung" zu gründen.

Im Kreis von Kollegen, Vertretern von Schulen und benachbarten Volkshochschulen, von der Familienbildungsstätte und dem Bürgerbüro, von AOK und IKK, von städtischen Einrichtungen, Kunstbeirat, Filmtheaterbetrieb und weiteren Kooperationspartnern warb Susanne Voigt für die hohe Qualität der Weiterbildungsangebote der Volkshochschule, deren unglaublich gutes Preis-Leistungsverhältnis nicht zuletzt von der Stiftung Warentest eindrücklich bestätigt worden sei.

Die Botschaft, dass die Volkshochschule eine starke Partnerin auf dem Weiterbildungssektor ist, solle daher auch von jedem Besucher weiter verbreitet werden, nicht nur von "Weltmeister" Rudi Völler, der derzeit vor allem für die vhs-Sprachenschule wirbt. Berufliche und kulturelle Bildung, Wissenschaft und Forschung, Fremdsprachen und Gesundheitsbildung, Kreativität und Innovation, Interkulturalität und Interregionalität sieht Susanne Voigt nicht nur als "Zauberworte" an, sondern als "echte Perspektiven in einer globalisierten Welt, denen es sich zu stellen lohnt und an denen wir uns bereichern können".

Albert Einstein zitierend, der seinen Forscherdrang damit begründet hatte, "immer nur neugierig gewesen" zu sein, stellte Susanne Voigt fest, dass Fantasie wichtiger ist als Wissen, "denn Wissen ist begrenzt". Die Bedeutung von Neugierde und entsprechendem Engagement hatte zuvor schon Landtagsvizepräsident Frieder Birzele betont, der sich ohne Einschränkung Max Frischs Aufforderung anschloss, dass man sich nicht genug "in die eigenen Angelegenheiten einmischen" könne.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker, die wie Ludwig Kirchner auch an die schwierigen Anfänge der fast 60 Jahre bestehenden Einrichtung erinnerte, machte deutlich, dass im Blick auf Stichworte wie "lebenslanges Lernen" oder Bildung als Standortfaktor" für sie die Volkshochschule auch weiterhin eine wichtige kommunale Einrichtung darstelle. Neben der Fortbildung komme dabei zunehmend auch der Vermittlung von interkultureller Kompetenz besondere Bedeutung zu.

Besonders dankbar war auch sie Gerhard Fink und dem engagierten Mitarbeiterteam dafür, dass er sich in der harten Zeit des "Interregnums" unermüdlich für die Belange der Volkshochschule eingesetzt habe. Dafür erhielt er nun aus der Hand von Ludwig Kirchner einen Blumenstrauß, der so gebunden sei, dass er die ihm zugedachten Blumen seiner bescheidenen Art entsprechend gleich mit den Mitarbeiterinnen teilen könne. Nicht nur für die Stadt, auch für die Vereinsvorstandschaft der Kirchheimer Volkshochschule gilt wohl die Erkenntnis: "Wir sind arm, aber nicht schäbig . . ."