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"Spaß gibt es schon genug"

Jugend und Gemeinderat begegnen einander kaum bis gar nicht. Dabei hat der Gemeinderat über viele Fragen zu entscheiden, die auch oder gerade die Jugendlichen betreffen. Über Möglichkeiten, wie sich die künftigen Wahlberechtigten schon jetzt verstärkt für politische Themen begeistern lassen, diskutierten Gemeinderäte und Jugendliche im Kulturkeller der Linde.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Politikverdrossenheit ist ein Phänomen, von dem inzwischen große Teile der Bevölkerung aus allen Gesellschaftsschichten betroffen sind. Aber jede Art von Verdrossenheit setzt zunächst einmal ein grundsätzliches Interesse voraus. Was nun "die Jugend" betrifft, so sieht sie sich häufig mit dem Vorwurf mangelnden Interesses oder gar kompletter Ahnungslosigkeit konfrontiert.

Bei denjenigen, die der Einladung der Stadträte Tonja Brinks (SPD) und Andreas Schwarz (Grüne Alternative) zum "Runden Tisch" in der Linde gefolgt waren, trifft dieser Vorwurf sicher nicht zu. "Politik klingt zu abstrakt. Wir müssen deutlich machen, dass es um die Stadt und um uns geht. Raucherecke, Mensa, Skaterplatz das geht uns an und gehört genauso zur Politik wie Steuern", sagte die Zehntklässlerin Marisa. Die gleichaltrige Teresa blickte dabei sogar schon in die Zukunft: "Wenn wir uns als Jugendliche nicht für Politik interessieren, geht es uns als Erwachsenen wohl genauso."

Um den Runden Tisch fortzusetzen, schlug sie vor, einen regelmäßigen Jugendpolitiktreff einzurichten. Dabei sollte es dann vor allem themenorientiert zugehen. "Das muss ja nicht total trocken sein", meint Teresa, "aber es wäre auch falsch, nur Disco, Spaß, Party anzubieten und hinterher noch ein bisschen über Politik zu reden." Ihr Fazit schließlich widerspricht jedem gängigen Vorurteil über die uninteressierte Fun- und Event-Generation: "Spaß gibt es schon genug."

Allgemein wurde im Kulturkeller der Linde, wo sich zusätzlich auch die Stadträte Gregor Küstermann (CDU) und Christoph Tangl (Grüne Alternative) eingefunden hatten, bedauert, dass es seit etwas mehr als zwei Jahren keinen Jugendgemeinderat mehr gibt. Im Juni 2003 hatte sich mit einer Wahlbeteiligung von 17,98 Prozent das erforderliche Quorum von 20 Prozent nicht erreichen lassen. Den Jugendlichen in Kirchheim fehlt somit ein Sprachrohr, fehlen die Ansprechpartner für Probleme, aber auch für Anregungen.

Matthias Altwasser, Hausleiter in der Linde, verwies darauf, dass das Jugendhaus eigentlich auch ein Sprachrohr sei. Als Alternative zum fehlenden Jugendgemeinderat brachte er Modelle wie "Zukunftswerkstatt" oder "Jugendforum" ins Spiel: "Das hat Projektcharakter und ist zeitlich beschränkt. Ein Jugendgemeinderat ist dagegen etwas Langfristiges."

Christian, 23 Jahre alt und einziger jugendlicher Diskussionsteilnehmer, der nicht mehr zur Schule geht, war davon sofort begeistert: "Das ist eine tolle Idee, zeitlich begrenzt mit vollem Eifer an etwas zu arbeiten, was einen interessiert." Dadurch ließe sich vielleicht auch das Argument entkräften, mit dem der 18-jährige Tom-Philipp die Politikverdrossenheit zu erklären versucht: "Viele denken, da wird nur geredet, aber nichts umgesetzt."

Am "Runden Tisch" trafen sich fast ausschließlich Gymnasiasten, die bekannten, nur zu besonderen Veranstaltungen ins Jugendhaus zu kommen, weil ihre Bekannten tagsüber dort nicht anzutreffen seien. Deshalb setzte sich der 18-jährige Waldorfschüler Wolfgang für ein Gremium mit Jugendlichen aller Schularten ein: "Das könnte dem Gemeinderat gegenüber eine Vorreiterrolle spielen und dann vielleicht auch andere überzeugen." Was die Überzeugungsarbeit betrifft, forderten die Jugendlichen die Stadträte dazu auf, persönlich in Klassenzimmern oder auf Pausenhöfen für mehr kommunalpolitisches Interesse der Schüler zu werben.

Wer sich angesprochen fühlt, über Themen wie Hallenbad, Jugenddisco, öffentliche Nahverkehrsmittel, Radwege oder rauchfreie Kneipen untereinander sowie mit Stadträten zu diskutieren, ist jetzt schon zum nächsten Termin eingeladen: Am Montag, 28. November, steht im Jugendhaus um 19 Uhr wieder ein "Runder Tisch" auf dem Programm. Vielleicht entwickelt sich daraus schon der erste "Jugendpolitiktreff".