Lokales

Spektakulärer Felsweg

Eine Wandergruppe des SVL Kirchheim hat eine zweitägige Bergtour im Unterengadin unternommen. Von Sur En ging es zur Sesvenna-Hütte und am folgenden Tag über den Sesvenna-Gipfel nach S-charl.

KIRCHHEIM Im sonnigen Sur En, dem Ausgangspunkt der zweitägigen Bergtour, wurden die Rucksäcke ausgeladen und der leere Vereinsbus nach S-charl, dem Endpunkt der Tour, gebracht. Eineinhalb Stunden Wartezeit vergingen wie im Flug. Die Zeit war fast zu kurz um von der alten Innbrücke zu schauen, Kaffee zu trinken und sich aus dem Materialrucksack des Wanderführers einen passenden Gurt für die Gletscherbegehung auszusuchen.

Anzeige

Zunächst ging es ins durchgehend sehr enge, dicht bewaldete Uina-Tal auf breitem, geschottertem Weg hinauf bis Uina Dadaint, einem typischen, einzeln stehenden, noch bewirtschafteten, alten Engadiner Sommerberghof. Das zweistöckige steinerne Wohn- und Wirtschaftshaus mit frei stehendem Stall liegt inmitten gepflegter Wiesen auf 1 772 Metern Höhe.

Bei der kurzen Rast wurde ein Mitglied der Gruppe von der Wirtin mit seinem Vornamen begrüßt. Die junge Wirtin entpuppte sich als ehemalige Sportkameradin aus Denkendorf. Sie bewirtschaftet mit Mann und zwei kleinen Buben seit einigen Jahren von Anfang Mai bis Ende Oktober diesen Sommerberghof mit Kühen, Gänsen und Schweinen. Als Zuverdienst betreibt sie eine Vesperstation für Bergwanderer und Mountainbiker.

Nach Uina Dadaint wurde der Weg alpiner und kurzweiliger. Nach Überschreiten der Baumgrenze wetteiferten gelb und rot gefärbte Büsche an den Hängen mit dem stahlblauen Himmel und den fast schwarzen, über 800 Meter hohen Felswänden des obersten Uina-Tales. Spektakulär war die Begehung des über einen Kilometer langen, bis zu 100 Meter über dem Schluchtgrund in die Felswände hineingesprengten Wanderwegs durch die Uina-Schlucht. Nach der feuchten, kühlen Schlucht bummelten die Kirchheimer Wanderer vorbei am größten Hochgebirgsmoor Südtirols hinauf zum Schlinigpass (2 309 Meter) und dann hinab zu der auf italienischem Gebiet liegenden Sesvenna-Hütte des Alpenvereins Südtirol, mit ihrer grandiosen Aussicht auf das tief verschneite Ortlermassiv.

Gut ausgeschlafen startete die Gruppe am anderen Tag bei fast wolkenlosem Himmel in Richtung Sesvenna-Gipfel. Kurz vor der Sevenna-Scharte machte eine Kolonie Alpenschneehühner mit karrenden Lauten auf sich aufmerksam. Nachdem der tiefblaue Föllasee passiert war, erreichten die Kirchheimer bald den Fuß des kleinen, flachen Sesvenna-Gletschers. Ins Seil eingebunden stiegen sie über den mit zirka zehn Zentimeter Neuschnee bedeckten, weißen Gletscher hinauf zu einer Scharte im Ostgrat. Von dort auf 3 050 Metern Höhe ging es in leichter Kletterei ohne Rucksäcke zum Sesvenna-Gipfel hinauf.

Alle Teilnehmer erreichten den 3 204 Meter hohen Gipfel. Die viel gerühmte Rundumsicht wurde von Wolken teilweise beeinträchtigt. Klar zeigten sich im Norden die Berge der Silvretta, des Verwall und die höchsten Lechtaler Gipfel. Der Ortler im Süden und die Ötztaler im Osten spickten immer wieder durch Wolkenfenster hindurch. Die Bernina im Westen versteckte sich jedoch hinter dunklen Regenwolken. Nach der Rückkehr zu den Rucksäcken begann der meist in der Falllinie verlaufende Abstieg zum Cruschetta-Pass.

Als die Teilnehmer die Passhöhe erreicht hatten, waren die drohenden Regenwolken nach Süden abgezogen, sodass die Gruppe bei Sonnenschein durch das liebliche, herbstlich gefärbte Val Plazer auf bequemem Pfad nach S-charl hinabwandern konnte. S-charl, auf 1 810 Metern Höhe, war früher ein abgelegener Bergwerksort. Heute ist es ein gepflegter Ferienort für Bergwanderer, Mountainbiker und Skitourengeher. Allen Teilnehmern ermöglichte diese Zweitagestour ein unvergessliches Bergerlebnis.

däu/cro