Lokales

Spekulatius zu Weihnachten und Spekulationen zum Wetter

Wer dieser Tage über das Wetter redet, dem ist nicht zwangsläufig der sonstige Gesprächsstoff ausgegangen. Tatsächlich stellen sich die Kirchheimer bei dem Schritt vor die Tür und dem Blick auf den Kalender die Frage, ob sie "im falschen Film" sind oder, besser gesagt, in der falschen Jahreszeit.

ALEXANDRA BOGER

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KIRCHHEIM Was für ein Jahr! Abgesehen von der Fußballweltmeisterschaft war auch das "Wetter" gemüts- und gesprächsbestimmend. So viel Unerwartetes, wie Petrus im Jahr 2006 in petto hatte, gab es schon lang nicht mehr und das Jahr ist noch nicht vorbei. Auch die letzten Wochen des Jahres sind so gar nicht das, was man vom Dezember erwartet und wollen nicht so recht zu Glühwein und Lebkuchen passen.

Das Jahr begann mit einem Winter, der mit viel Schnee bis in den März hinein aufwartete. Der kälteste Tag war der 23. Januar mit Temperaturen bis unter minus 34 Grad in der bayrischen Ortschaft Funtensee. Der Frühling brachte Hochwasser und einen Sturm in Hamburg, der schon als kleiner Tornado zu bezeichnen war. Zur Fußball-WM gab es dann beinahe tropische Temperaturen von bis zu 40 Grad, und der Herbst ist laut Deutschem Wetterdienst in Stuttgart der wärmste seit Beginn der dortigen Aufzeichnungen, also seit 200 Jahren.

Dass einen beim Schritt aus der Tür ein eher spätsommerliches bis herbstliches Gefühl überkommt, ist für Angang Dezember nicht nur ungewöhnlich, sondern vielleicht auch schon Besorgnis erregend. Hypothesen dazu gibt es haufenweise. Angefangen beim Ozonloch, dem Schmelzen der Polkappen und dem Treibhauseffekt bis hin zur nächsten Eiszeit oder zur nächsten Dürre ließen sich Ursachen und Wirkungen finden. Andererseits gibt es einigermaßen zuverlässige Aufzeichnungen über das Wetter erst seit knapp zwei Jahrhunderten. So wäre die Hypothese naheliegend, dass das derzeit warme Wetter als Folge einer periodischen Entwicklung auftritt, an der nichts Ungewöhnliches ist.

Auch die Kirchheimer Weihnachtsmarktbesucher beschäftigen sich eher mit Spekulationen zum Wetter als mit Spekulatius zu Weihnachten. In Kirchheim ist man sich einig: Ursache ist der Klimawandel. Maria Exl aus Wendlingen ist froh darüber, dass es nicht so kalt ist: "Ich brauch keinen Schnee, aber die Kälte kommt schon noch", vermutet sie. "Als ich 1954 nach Wendlingen gezogen bin, lag sehr viel Schnee, seither gab es nie wieder so viel", erinnert sich die Rentnerin.

Brigitte und Siegfried Freiburg aus Gütersloh, die den Kirchheimer Weihnachtsmarkt auf der Durchreise besuchen, finden, dass Glühwein trotz der Wärme schmeckt. Für das Ehepaar ist dieses Wetter, das jetzt vier Wochen andauert, nicht normal. Sie vermuten, dass sich die Jahreszeiten verschieben werden: "Vielleicht werden bei uns im Teutoburger Wald in 20 Jahren Palmen wachsen", meint Brigitte Freiburg.

Kurt Röck aus Weilheim erinnert sich an letztes Jahr, als zu diesem Zeitpunkt Schnee lag: "Und jetzt blüht bei uns auf der Terasse der Enzian, und bis vor ein paar Tagen haben auch noch ein paar Rosen geblüht", bestätigt er seine Vermutung, die für die kommenden Jahre einen Klimawandel vorsieht, der den Turnus der Jahreszeiten beeinträchtigen wird.

Aus Holzkirchen in der Nähe von München angereist, besuchen Olaf Günzrodt und Jana Gora den Weihnachtsmarkt und kommen zum gleichen Schluss: "Normalerweise liegt bei uns seit einem Monat Schnee. Dieses Jahr nicht, das ist nicht normal", meint der gebürtige Göppinger. "Anscheinend gab es vor 20 Jahren schon mal ein ähnlich warmes Klima, aber es ist nicht normal, dass es so lange anhält," gibt Jana Gora zu bedenken. Für die Zukunft sieht das Paar weitere Probleme: "Das Wetter wird weiter spinnen, es wird wärmer und irgendwann wird es zur Wasserknappheit kommen. Vielleicht gibt es schon bald Tornados in London."

Christian Rau hat seit zweieinhalb Jahren eine Wetterstation in seinem Garten in Notzingen, die Wetterdaten nach Stuttgart liefert. Ihm ist aufgefallen, dass es dieses Jahr wenig Niederschlag gab. Schnee hat er letztes Jahr Mitte Novemer verzeichnet, dieses Jahr noch keinen. Auch der Bodenfrost lässt noch auf sich warten, dabei heißt das für Christian Rau: "Wenn man den Fußabdruck auf dem Boden noch sieht, ist er nicht gefroren." Letztes Jahr gab es am 11. November den ersten Bodenfrost, und ab dem 10. Dezember brachte der Winter 2005 jede Nacht gefrorenen Boden.

Genau darauf wartet Jürgen Völker, Leiter des Kirchheimer Grünflächenamtes. Er braucht den Bodenfrost für die Arbeiten, die im Winter anliegen. Würde man die Grünflächen in nicht-gefrorenem Zustand mit Maschinen befahren, würde das großen Schaden anrichten. Auch benötigen die Pflanzen eine Ruhephase im Winter, damit sie beschnitten werden können. Für andere Pflanzen, die Frostblüher, ist der Frost wichtig, um blühen zu können. Für den Fall, dass das Wetter so bleibt, hieße das für Jürgen Völker, das alles nächstes Jahr aufzuarbeiten. Für die Pflanzen, die jetzt schon wieder Knospen treiben, wie die Kirschblüte oder den Winterschneeball, sieht der Diplom-Ingenieur der Landschaftspflege keine Nachteile. Generell hielt sich der Mehraufwand, den er bisher zu leisten hatte, in Grenzen, für bedenklich hält er die Situation auch nicht: "Das ist nicht der erste warme Winter. Man kann diese einzelnen Phänomene nicht generalisieren. Bis jetzt mussten wir lediglich die Wiesen, Rasenflächen und Sportplätze öfter mähen. Normalerweise ist Ende Oktober das letzte Mal."

Im Augenblick sieht es jedoch immer noch nicht nach Wintereinbruch aus: "Am Wochenende kommt wieder etwas kältere Luft in die Voralbregion, doch zur Mitte der Woche hin kann es wieder bis zu 10 Grad werden", prognostiziert Rudolf Blohm, Meteorologe beim Deutschen Wetterdiensat in Stuttgart. Zum Thema "weiße Weihnachten" kann er nicht viel sagen: "Da liegt die Trefferquote ähnlich wie beim Würfeln." Doch einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es: "Nur weil es mild ist, würde ich den Winter nicht gleich abblasen. Kernzeit ist im Januar. Der Winter kommt sicher noch." Sein Wort in Petrus' Ohr.