Lokales

Spielerischer Umgang mit der Schwerkraft

Der Meister des Pas de deux, Eric Gauthier, verabschiedete sich nach elf erfolgreichen Spielzeiten im Sommer dieses Jahres vom Stuttgarter Ballett. Zu Beginn seiner Intendanz brachte Reid Anderson den charismatischen und profilierten Tänzer des kanadischen Nationalballetts mit nach Stuttgart. Seit Oktober widmet sich Gauthier neuen künstlerischen Herausforderungen und unter seiner Leitung ist die Resident Dance Company des Theaterhauses Stuttgart entstanden.

BRIGITTE GERSTENBERGER

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KIRCHHEIM Neben den dortigen Vorstellungen unternimmt Gauthier Dance Mobil Auftritte von ganz besonderer Art. Mit seinem Tanzensemble transportiert er im wahrsten Sinne des Wortes den zeitgenössischen Tanz zu all jenen, die sonst keine Möglichkeit haben, sich an dieser Kunstform zu erfreuen. Nach mehreren Auftritten in Jugendhäusern, in einem Seniorenheim und in einer Behinderten-Werkstatt war die Dance Company nun am Donnerstag zu Gast in der Janusz-Korczak-Schule für Erziehungshilfe der Paulinenpflege.

Mit der Jugendkultur des Hip Hop, dem Rap und des Breakdance kennen sich die Schüler der Klassen fünf bis zehn der Janusz-Korczak-Schule bestens aus, zeitgenössischen Tanz hatten sie seither jedoch noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Tänzer des Ensembles, von renommierten internationalen Tanzkompanien kommend, sind allesamt klassisch ausgebildet und bieten somit eine hervorragende technische Grundlage für die Stücke und Choreografien von Gauthier.

Erzählt werden kleine Geschichten voller bewegender Lebensfreude, zuweilen anrührend und komisch. Themen, die den jugendlichen Zuschauern nicht fremd sind. Beispielsweise das Stück "Conversation Piece", bei dem sich die Tanzenden Marianne Illig und William Moragas auf das Dynamischste anbaggern. Ein prosaischer Tanz, zärtlich und verlegen zugleich, der dreist endet. Plötzliche Handyklingeltöne verwirren Lehrer und Schüler gleichermaßen, erstauntes Schulterzucken zum Nachbarn hin. Spannungsgeladen verstreicht die Zeit, endlich zieht der Tänzer mit gelassener Überheblichkeit sein Handy aus der Hosentasche. "Hallo Schatz", meldet er sich schnöselig. Worauf mit tanzender Empörung die jugendliche Schöne frustriert von dannen zieht.

Mit einem maßgeschneiderten Repertoire, das in jedem Raum tanzbar ist, gab Eric Gauthier in der Sporthalle der Paulinenpflege kurze Einführungen zum jeweiligen Stück. Viel Gelächter erntete die akrobatisch-burleske Choreografie "Du Or" zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Grotesker, liebenswerter Unfug, bei dem zwei Tänzer auf der Bühne der Gedanke kommt, was wohl geschehen würde, wenn sie plötzlich aus ihrer üblichen Rolle fallen und nur noch baren Unsinn fabrizieren würden. Dabei sorgten die Grimassen schneidenden Tänzer Armando Braswell und Alexis Dupuis-Le Blance für größte Erheiterung mit einem offensichtlich hohen Wiedererkennungswert unter den Schülern.

Aktive Teilnahme und spielerischer Umgang mit der Schwerkraft war angesagt bei "Ball Passing", einem fröhlich quirligen Stück, zu dem Schaumstoffbälle hin und her getauscht wurden.

Gauthier, Sohn eines kanadischen Neurologen mit Spezialisierung auf Alzheimer und Parkinsonsche Krankheit, verbrachte als Kind viel Zeit in der Praxis seines Vaters. Daher ist für ihn der Kontakt zu Menschen, ob alt und demenzkrank oder jung und mit Verhaltensauffälligkeiten, besonders wichtig. "Ich möchte diesen Teil unserer Bevölkerung am Tanz teilhaben lassen, der ihm genauso zusteht wie anderen Gesellschaftsgruppen auch. Wenn sie nicht ins Theaterhaus kommen können, dann gehen wir zu ihnen."

Den Tanz so zu "befreien" und dadurch Menschen zu bewegen und ihr Leben zu bereichern, ist eines der wichtigsten Ziele von GauthierDance Mobil. "Wie Rock 'n' Roll eben", fügt er noch schmunzelnd hinzu, denn parallel zu seiner Karriere als Tänzer schreibt er für seine Stuttgarter Rockband "Royal Tease" die Texte, spielt Gitarre und singt.

Die beweglichen und farbenreichen Stücke begeisterten die Schüler zweifelsfrei. Trotz mancher Konzentrationsschwierigkeiten war für die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler die Aufführung einfach "geil" und "super" und einige stellten nach der Show neugierig und unerschrocken Fragen an das Ensemble. Denn zum Konzept von Gauthier Dance Mobil gehört es auch, dass die Tänzer sich nach der Vorstellung mit ihrem Publikum zusammensetzen und mit ihm sprechen.

Kontaktmöglichkeit: bea.kiesslinger@theaterhaus.com.