Lokales

Sprache als Schlüssel zur Integration

Vor gut zwei Jahren ist das Zuwanderungsgesetz in Kraft getreten, und mit ihm auch die Integrationskursverordnung. Inzwischen liegt ein Gutachten über die Sprachkurse vor, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte. Eva Vogelmann von der Kirchheimer Volkshochschule hat das Gutachten nun im Integrationsausschuss vorgestellt und mit den Erfahrungen in Kirchheim verglichen.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Kirchheims Sozialamtsleiter Roland Böhringer nannte im Integrationsausschuss zunächst die Voraussetzungen für einen Kursbesuch. Zur Teilnahme berechtigt seien Zuwanderer mit einer erstmaligen Aufenthaltserlaubnis. Der Kursbesuch sei in diesem Fall die Voraussetzung für eine spätere dauerhafte Niederlassung. Zur Kursteilnahme verpflichtet zu werden, das könne wiederum sogenannten "Bestandsausländern" passieren, die schon länger in Deutschland leben. Das Ausländeramt stelle den entsprechenden Bedarf fest, oder aber ein Jobcenter rege den Kursbesuch an. Wer in solchem Fall nicht rechtzeitig eine Anmeldung zum Kurs vorlegen könne, müsse mit Konsequenzen bei der "Leistungsgewährung" nach Hartz IV rechnen.

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Andererseits haben die Empfänger von Arbeitslosengeld II und Spätaussiedler den Vorteil, dass sie keinen Eigenanteil zum Integrationskurs beisteuern müssen, wie Eva Vogelmann, die zuständige Fachbereichsleiterin an der Kirchheimer Volkshochschule, erläuterte. Vielfach scheitere eine Kursteilnahme nämlich an den finanziellen Bedingungen: Einen Euro pro Unterrichtsstunde beträgt der Eigenanteil, den jeder Einzelne zu übernehmen hat. Bei 600 Stunden, die ein Kurs in der Regel dauert, ist das eine einfache Rechnung: 600 Euro. "Das ist vielen zu viel", erklärte Eva Vogelmann und nannte in diesem Zusammenhang noch eine weitere Schwierigkeit für die Volkshochschule: "Wir als Kursträger müssen den Eigenanteil selbst eintreiben. Wenn nicht bezahlt wird, dann fehlt das Geld uns."

Die Kosten für den Eigenanteil wollte Ausschussmitglied Gundhard Racki in der anschließenden Diskussion aber etwas relativieren: "Wir haben vielleicht zu lange zu wenig gefordert." 600 Euro auf ein halbes Jahr verteilt, das müsse für alle machbar sein, die finanziell über dem ALG II-Niveau liegen. Wenn jemand einen vergleichbaren Kurs komplett selbst zu zahlen hätte, müsse er dafür immerhin 3 500 Euro bezahlen.

Andreas Kenner sah weniger den Eigenanteil als Problem, sondern eher die Perspektivlosigkeit: "Zuwanderer in England oder in Irland müssen einen Englisch-Kurs machen und kriegen im Anschluss daran einen Job." In Deutschland dagegen fehle es meistens an einer vergleichbaren Motivation: "Man schließt den Deutsch-Kurs mit einer Prüfung ab, um dann hinterher wieder im gleichen Jobcenter zu sitzen und immer noch keinen Job zu haben."

Was diese Abschlussprüfung betrifft, so unterscheidet sich die Erfolgsquote in Kirchheim deutlich von dem, was bundesweit für das Gutachten angegeben wurde. Vieles deute darauf hin, "dass etwa die Hälfte der Teilnehmenden nach 600 Unterrichtsstunden das anvisierte Sprachniveau von B 1 erreicht", heißt es im Gutachten. Etwas realistischer beschrieb es Eva Vogelmann: "Etwa 15 Prozent erreichen diesen Stand in Kirchheim." Warum das so ist, erklärte sie ebenfalls: "Wer bei null anfängt, kann das in 600 Unterrichtsstunden kaum schaffen."

Bevor es die Integrationskurse gab, habe die Kirchheimer Volkshochschule B-1-Prüfungen fast ausschließlich für Au-pair-Mädchen aus Osteuropa angeboten. In Polen könne man mit diesem Zertifikat Deutsch in der Grundschule unterrichten. Eines Tages selbst zu unterrichten, ist aber sicher nicht das Ziel für die Teilnehmer eines Integrationskurses. Sie sollen in erster Linie lernen, sich flüssig auf Deutsch zu unterhalten.

Ergebnisse des Gutachtens dagegen, die Eva Vogelmann aus ihrer Erfahrung an der Kirchheimer Volkshochschule heraus bestätigen kann, betreffen den ungeheuren Verwaltungsaufwand der Kursträger, der künftig reduziert werden soll. Eine weitere Verbesserung würde Eva Vogelmann ebenfalls begrüßen: Teilnehmer, die vor dem eigentlichen Sprachkurs erst noch einen Alphabetisierungskurs benötigen, bekommen bislang den Stundenaufwand für die Alphabetisierung von den 600 Sprachkursstunden abgezogen. Das Gutachten empfehle in diesem Fall, den Vorkurs voranzustellen, ohne dass er das Stundenkontingent für den Hauptkurs beeinträchtigt.

Immerhin freute sich die vhs-Fachbereichsleiterin, dass es überhaupt die Möglichkeit für Alphabetisierungskurse gibt. In Kirchheim hat jetzt ein solcher Kurs mit acht Teilnehmern begonnen, von denen mittlerweile drei in den "normalen" Integrationskurs gewechselt haben. Mit den verbleibenden fünf Teilnehmern dürfe die vhs weiterhin im Alphabetisierungskurs arbeiten.

Die Teilnehmerzahlen gibt generell das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit Sitz in Nürnberg vor. Bis zu 25 Personen sollen sich demnach in einem Deutschkurs tummeln. Eva Vogelmann zufolge sind es in Kirchheim durchschnittlich 19 bis 20: "Unter 15 rechnet es sich gar nicht mehr für uns." Bei entsprechender Gruppengröße sei natürlich auch das jeweilige Niveau sehr unterschiedlich, was den Unterricht für Kursleiter wie -teilnehmer erschwere.

Um die Kurse künftig für möglichst alle Teilnehmer erfolgreicher gestalten zu können, hat sich der Kirchheimer Integrationsausschuss auf eine Resolution geeinigt, die an das Bundesinnenministerium gerichtet ist. Darin verlangt der Ausschuss unter anderem, dass die Kursdauer im Einzelfall von 600 auf 900 Stunden angehoben werden kann und dass die Gruppengröße verringert werden soll.