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Sprache als wertvolle Eintrittskarte in die Gesellschaft

"Von der Gastarbeiterpolitik zur Integrationspolitik" lautete das Thema eines Vortrages, den Manfred Stehle, Leitender Verwaltungsdirektor beim Städtetag Baden-Württemberg, vor dem Integrationsausschuss hielt. Eva Vogelmann, Fachbereichsleiterin der Kirchheimer Volkshochschule, informierte im Anschluss über Integrationskurse nach dem neuen Zuwanderungsgesetz.

MARIA GLOTZBACH

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KIRCHHEIM Von den 7,3 Millionen Ausländern in Deutschland leben 1,25 Millionen in Baden-Württemberg, das ist ein Ausländeranteil von zwölf Prozent und damit der höchste unter den Bundesländern, erklärte Manfred Stehle. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ergänzte, dass in Kirchheim der Ausländeranteil 15 Prozent beträgt, da-runter 7 000 Vertriebene, welche die Stadt aufgenommen hat. Zu den Einwanderern gehören ehemalige Gastarbeiter, Vertriebene, Aussiedler sowie Spätaussiedler, die seit 1950 in Deutschland aufgenommen worden sind. Mit dem neuem Zuwanderungsgesetz werde mit einem Rückgang des Zuzugs vom Spätaussiedlern gerechnet, zeigte sich Manfred Stehle überzeugt.

Ein Grund dafür sei der Sprachtest, dem sich alle unterziehen müssen, die nach Deutschland einwandern möchten. Vor Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes mussten nur deutschstämmige Aufnahmebewerber einen Sprachtest absolvieren, nun aber die ganze Familie.

Mangelnde Integration drückt sich in Baden-Württemberg bereits dadurch aus, dass immer mehr Ausländerkinder bei ihrer Einschulung kaum oder überhaupt nicht deutsch reden können. Es gibt überproportional viele ausländische Hauptschüler und rund 15 Prozent von ihnen bleiben ohne Schulabschluss. 20 Prozent der Arbeitslosen sind Ausländer, weshalb Manfred Stehle ein sofortiges Eingreifen fordert, um die Kluft zwischen "wachsenden Ansprüchen des Arbeitsmarktes und dem Bildungsniveau bei jugendlichen Zuwanderern" zu beheben.

Bei der Eingliederung müsse auf die Integrationsfähigkeit der Kommunen und der Gesellschaft geachtet werden. Manfred Stehle bedauerte, dass selten dieses Gleichgewicht bestehe, weil die Politik zu spät oder nur halbherzig gehandelt habe. Elementare Grundvoraussetzungen einer gelungenen Integration seien nicht Assimilation, sondern friedliches Zusammenleben, gute Nachbarschaft, der Wille, die deutsche Sprache zu lernen und die Auseinandersetzung mit der deutschen Rechts- und Werteordnung.

Dabei solle das am 1. Januar in Kraft getretene neue Zuwanderungsgesetz einen Perspektivewechsel in der Migrationspolitik vollziehen. Es fördere das Gleichgewicht zwischen Zuwanderung und Integration. Als wesentliche Ziele aus kommunaler Sicht nannte Manfred Stehle die Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern, die Regelung der Zuwanderung zu Erwerbszwecken, die Vereinfachung des Ausländerrechts sowie die Förderung der Integration von nicht mehr schulpflichtigen Ausländern und Spätaussiedlern.

"Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wird die Integration von Ausländern und auch von Spätaussiedlern durch ein staatlich finanziertes Grundangebot von Inte-grationsleistungen den Integrationskursen unterstützt", betonte der Referent. Diese Kurse sollen die Voraussetzungen das Erlernen der deutschen Sprache für die Eingliederung verbessern. Bei erfolgreicher Teilnahme könne die Einbürgerung von acht auf sieben Jahre gekürzt werden. Ausländer, die vor dem 1. Januar 2005 nach Deutschland gekommen sind, haben einen Anspruch auf Sprachkurse. Die betreffenden Personen müssen sich an die Ausländerbehörde wenden, die entscheidet, ob ein Anspruch vorliegt oder nicht.

"In Kirchheim gibt es eine große Nachfrage an den Kursen und das Interesse liegt dabei im Vergleich zu anderen über dem Durchschnitt", betonte Claus Kuchelmeister von der Ausländerbehörde. Langzeitarbeitlose mit mangelnden Sprachkenntnissen könnten sich auch einen Sprachkurs durch die Agentur für Arbeit vermitteln lassen.

Die Kurse bestehen aus 300 Basis- und nochmals 300 Aufbausprachkursen, die in Kirchheim durch die Volkshochschule angeboten werden. Zuvor wird ein 30-stündiger Orientierungskurs besucht, um die Kenntnisse der Interessenten festzustellen. Die 600 Unterrichtseinheiten sollen in zirka einem halben Jahr absolviert werden. Daraufhin erfolgt eine Abschlussklausur und eine mündliche Prüfung.

Ausgebildete Lehrkräfte mit Erfahrung in der Erwachsenenbildung unterrichten dann die neuen Schüler. "Es wird keine abstrakte Grammatik beigebracht, sondern handlungsorientiert unterrichtet", macht Eva Vogelmann deutlich, dass dabei nicht nur die deutsche Sprache gelernt, sondern auch die Kultur des Landes vermittelt werde. Während es zuvor eher homogene Kursangebote gab, würden in den Integrationskurse unterschiedliche Teilnehmer zusammengeführt. Das habe einerseits den Vorteil, dass sich die Teilnehmer der deutschen Sprache bedienen müssen, um sich mit den anderen im Kurs unterhalten zu können und andererseits fördert es den Kontakt und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen.

Sprache garantiere zwar nicht die Integration, sei aber eine wertvolle Eintrittskarte in die Gesellschaft machte der Leitende Verwaltungsdirektor beim Städtetag Baden-Württemberg abschließend deutlich.