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"Stadt muss verpflichten Die Gemeinschaft kann es nur selber richten"

Allen Unkenrufen zum Trotz: Professor Dr. Franz Pesch vom Städtebauinstitut der Universität Stuttgart sieht auch Chancen für die Innenstädte. Unter einer Prämisse: Die Bürger müssen sich einsetzen für ihre Stadt und sich Gedanken machen, wie sie ihre Stadt weiterbringen möchten.

ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM Professor Dr. Franz Pesch beglückwünschte Kirchheim zu der Veranstaltungsreihe "Herausforderungen der Stadtentwicklung". "Es ist allen Städten angeraten, sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, denn wir haben gemerkt, dass das meiste nicht Gevatter Trend zuzuordnen ist, sondern von Entscheidungen abhängt. Sie sollten deshalb möglichst auf einer guten Grundlage gefällt werden."

Mit den fünf Stadtforen zu Themen wie demografischer Wandel, Mobilität der Zukunft und Wirtschaftsstandort Kirchheim: Quo Vadis? soll ein breit angelegter Dialog zur Entwicklung der Teckstadt initiiert werden. In seinem halbstündigen Vortrag zur "Zukunft des urbanen Raumes" lud der Experte vom Städtebauinstitut der Universität Stuttgart die Besucher des zweiten Stadtforums mit Hilfe von Bildern zum Blick über den Tellerrand ein. Das Ausbilden "öffentlicher Räume" habe zu tun mit Angewiesenheit und Selbstorganisation. Gerichte und Märkte hätten immer auf engstem Raum stattgefunden. In der historischen Stadtkultur herrschte der bürgerliche Konsens: "Wir bauen uns eine schöne Stadt, möglichst die schönste."

Um die gewandelten Lebensbedingungen darzustellen, die gemäß Professor Pesch immer auch ein Spiegelbild der Lebensweise sind, montierte er ein Bild von einem Flaneur aus einer Pariser Passage des 18. Jahrhunderts, der aus Lustprinzip in die Stadt geht, in Fotos von modernen Städten. Das Ergebnis: Pure Ironie. Pesch machte auf ein weiteres Phänomen aufmerksam: Seit 1950 geht die Siedlungsentwicklung stark in die Fläche hinein. Die Grenzen der einzelnen Städte verwischen mehr und mehr. Am Beispiel Lindaus verdeutlichte der renommierte Stadtplaner, wie sich auch die Zentren im Laufe der Jahrzehnte verschieben. Zeichnete sich die Stadt am Bodensee Anfang des 20. Jahrhunderts noch durch ihre Lage auf einer Halbinsel aus, so liegt der Inselbahnhof Lindaus inzwischen an der Peripherie. Im Trend auch: "Sekundäre Zent-ren" wie Breuningerland, die inzwischen genauso viel Kaufkraft absorbieren wie die Innenstädte. Fast food und Billigkaufhäuser bestimmen mehr und mehr das Erscheinungsbild der Städte. Auch die Kontrollmöglichkeiten des öffentlichen Raums werden verstärkt Thema. "Das bürgerliche Selbstverständnis ist mit in die Außenbereiche gewandert", gab Pesch zu bedenken und: "Wir müssen sehen, es ist unsere Stadt. Wir erreichen sie durch Pluralität unserer Lebensstile. Am Ende werden wir wieder beim Thema Stadt und Arbeit landen." Die Arbeitsplätze der Zukunft im Dienstleistungssektor und in der Informationswirtschaft würden sich hervorragend in den urbanen Raum einpassen. Als weitere These stellte er in den Raum: "Warum sollen wir nicht wieder anknüpfen an die Tradition städtischen Wohnens?" Pesch brach eine Lanze für gemischte Nutzungsformen, für eine Mixtur beispielsweise aus Läden, Dienstleistungen, Arztpraxen und Wohnungen. "Es geht darum, mit dem Wandel von Flächen in der Stadt kreativ umzugehen." So müssten zum Beispiel ehemalige Bahnflächen in Wert gesetzt werden. Größere Areale ließen sich möglicherweise in einen Park umfunktionieren. Vorbildcharakter hat für den Stuttgarter Planer eine Aktion in Santa Monica in Los Angeles. Mit Hilfe einer lokalen Steuer wurde dort eine heruntergekommene Promenade wieder herausgeputzt. Pesch appellierte an die Bürger, der Mobilität sozusagen zu trotzen. "Stadt muss verpflichten. Wir müssen als Städter empfinden. Es sind unsere Räume, unsere Nachbarschaften. Die Gemeinschaft muss es selber richten, zumal die Förderlandschaft nicht mehr dieselbe ist wie noch vor Jahren."

Der Leiter des Kirchheimer Planungsamtes Dr. Hermann-Lambert Oediger nahm im Anschluss die Lage Kirchheims unter die Lupe. Demnach hat sich die Siedlungsfläche zwischen 1950 und dem Jahr 2000 von 319 auf 924 Hektar fast verdreifacht, während die Zahl der Einwohner "nur" um 72,3 Prozent gestiegen ist. Der Entwicklung versuche die Stadt entgegenzusteuern durch verschiedene Instrumente wie das Schließen von Baulücken und konkrete Unterstützung wie beispielsweise bei der Neubebauung des Müller-Areals, durch das Aktivieren von Restflächen, wie der Bau des Lidl-Zentrallagers zeige. Anhand von acht Thesen arbeitete Oediger die Bedeutung der "Innenentwicklung" einer Stadt heraus. Heute schon werde Kirchheim dem Anspruch "Innen vor Außen" gerecht." Als Beweis führte der Planungsamtschef die beantragten Wohneinheiten im vergangenen Jahr an. 40 Anträgen in Neubaugebieten stünden 123 im Innenbereich gegenüber. Mittelfristig sollten in Kirchheim von fünf Wohneinheiten vier im Innenbereich realisiert werden. Eingriffe in Natur und Landschaft würden dadurch vermieden, allerdings gehe Innenentwicklung teilweise zu Lasten gewerblich genutzter Flächen. "In Zukunft gilt es, so weit möglich und sinnvoll, aufgegebene gewerbliche Betriebe und Flächen verstärkt gewerblich nachzunutzen." In die Fläche zu gehen stoße an die Grenze der Bezahlbarkeit, so lautete eine weitere These Oedigers, da die Kosten für Erschließung und Infrastruktur kaum noch zu tragen seien. Die Verkehrsbelastung werde durch Innenentwicklung minimiert und die historische Funktion des Zentrums als Einkaufs-, Wohn- und Arbeitsort sowie als Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens gestärkt.

Der Leiter des Grünflächenamts, Jürgen Völker, beschäftigte sich unter anderem mit den Kosten für Grün unterschiedlichster Art: Die mit Abstand teuerste Variante ist demnach die Wechselbepflanzung mit jährlich 26 Euro pro Quadratmeter. Dagegen schlagen Grünflächen, die beispielsweise mit Bodendeckern und Sträuchern bewachsen sind, lediglich mit 90 Cent pro Quadratmeter zu Buche.

Für die weitere Entwicklung Kirchheims hält Völker die Verknüpfung der Innenstadt mit dem Außenbereich für wichtig. Potenzial sieht er dafür beispielsweise in der Linie Bahnho

f, Nägelestal, Herdsteiger-See, Talwald auf der einen Seite Ziegelwasen, Freibad, Raunerschule, Grünflächen bei der Bohnau samt Rückraum zwischen Jesingen und Autobahn auf der anderen Seite. Innerstädtisch böte sich die Möglichkeit, das Areal hinter der Kreissparkasse bis zum Postplatz attraktiver zu gestalten. Völker regte eine Stadtbiotopkartierung an, die ähnlich wie der Kinderleitplan Möglichkeiten aufzeigen könnte. Denn Untersuchungen bewiesen: "Eine Stadtwildnis findet keine Akzeptanz in der Bevölkerung."

Rege beteiligten sich die Zuhörer an der anschließenden Diskussion. Darin spielte auch der angedachte Einbahnverkehr auf dem Alleenring eine Rolle. Mit Blick auf eine noch nicht veröffentlichte Studie ließ Bürgermeister Günther Riemer anklingen, dass die Idee sehr große Chancen für die weitere Entwicklung der Stadt auch in punkto Flächengewinn berge, die Kosten allerdings im siebenstelligen Bereich lägen. In seiner nächsten Sitzung wird sich der Technische Ausschuss mit dem Thema hinter verschlossenen Türen befassen, bevor der Gemeinderat darüber beraten wird.