Lokales

Stadtgeschichte so fesselnd wie ein Krimi

Am 24. November wird die neue Kirchheimer Stadtgeschichte im Rahmen eines großen Festakts in der Stadthalle der Bevölkerung präsentiert. Vorab stellten Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und Stadtarchivar Rainer Kilian gestern das neue Werk vor, das in der kommenden Woche in Druck geht.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Das ist ein sehr, sehr, sehr wichtiges Werk für eine Stadt, für die Bürger der Stadt und für ihre Verbindung mit der Stadt." Kirchheims Oberbürgermeisterin unterstrich gestern die Bedeutung der neuen Stadtgeschichte. Im September 1999 war sie noch als Gemeinderätin an dem einstimmigen Beschluss des Gremiums beteiligt, das Werk in Auftrag zu geben. Inzwischen gehört sie zu den ersten, die das Buch gelesen haben, ohne direkt an dessen Entstehung beteiligt gewesen zu sein. Die Lektüre im Urlaub war sicher mühsam, bestand sie doch aus einem dicken Konvolut loser DIN-A4-Blätter.

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Die Mühe hat sich indessen gelohnt. "Dieses Mal mussten die Krimis im Urlaub hinten anstehen. Die Stadtgeschichte Kirchheims ist hochinteressant, und man kann sie wirklich als Buch lesen. Der Leitfaden der Entwicklung der Stadt zieht sich wunderbar durch, und es ist fesselnd, das Werden einer Gesellschaft zu sehen von der Steinzeit an." So schwärmt die begeisterte Leserin Angelika Matt-Heidecker von der Stadtgeschichte, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen gewachsen ist und dennoch lesbar bleibt. "Es ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch schön zu lesen", bemerkt Kirchheims Oberbürgermeisterin und stellt dann sogar eine unerwartete Verbindung zum Kriminalroman her: "Das Buch ist so fesselnd, dass man wirklich wissen möchte, wie es weitergeht."

Zwischendurch wusste auch Stadtarchivar Rainer Kilian, den die Kirchheimer Rathauschefin als "Vater dieses Werkes" bezeichnete, nicht genau, wie es weitergehen sollte: Nach dem Tod von Kreisarchivar Christoph Drüppel war dessen Epoche die Zeit der Württemberger von 1381 an bis hin zum Dreißigjährigen Krieg neu aufzuteilen. Rolf Götz, der mit der ersten urkundlichen Nennung im Jahr 960 beginnt, hat nun also bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts weitergeschrieben, bis zum Beginn der Reformation unter Herzog Ulrich. Von da ab übernimmt Rosemarie Reichelt den Staffelstab der Kirchheimer Stadtgeschichte und trägt ihn weiter bis zum geschichtsträchtigen Jahr 1803, als sich das Ende des Heiligen Römischen Reiches abzeichnete und der Aufstieg des Herzogtums Württemberg zum Königreich begann.

Die neue Epoche, deren Gründung das Thema der aktuellen Landesausstellung im Alten Schloss in Stuttgart ist, beschreibt Sabine Widmer-Butz in ihrem Kapitel "Aufbruch und Umbruch der Stadt im 19. Jahrhundert". Den Schlusspunkt setzt Rainer Kilian, der die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende unter die Lupe genommen hat. Die vier genannten Kapitel umfassen jeweils etwa 200 Seiten. Voraus geht ein 80-seitiger Abriss der Vor- und Frühgeschichte, für den Rainer Laskowski verantwortlich zeichnete.

Besonders stolz ist Stadtarchivar Kilian darauf, dass die gesamte Arbeit mit "Eigengewächsen" zu leisten war, sodass auf "Einkäufe von außen" verzichtet werden konnte. Unter dem Strich hat die Arbeit an dem neuen Buch mit dem Titel "Kirchheim unter Teck Marktort, Amtsstadt, Mittelzentrum" sogar weniger Geld gekostet als ursprünglich vorgesehen. 300 000 Mark hatte der Gemeinderat einst genehmigt. Von diesen 153 000 Euro lassen sich nach der Endabrechnung rund 20 Prozent einsparen, "denn die Kosten für Druck, Honorare, Bildbeschaffung, Reprorechte und Festakt werden 122 000 Euro erfordern", wie Rainer Kilian vermeldet. Auch der Zeitplan ist eingehalten: 2006 sollte das Buch herauskommen, und daran hat selbst der Brand im Stadtarchiv vor vier Jahren nichts ändern können obwohl das Archiv danach ein halbes Jahr lang ausgelagert war.

Außerdem findet es der Stadtarchivar im Vergleich zu ähnlichen Werken bemerkenswert, dass sein Autorenteam keine Schwerpunkte gesetzt hat, auf deren Kosten andere Bereiche vernachlässigt worden wären: "Das Buch ist ein Längsschnitt durch die Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart wird alles abgedeckt." Ein weiteres Bestreben der Autoren bestand darin, dass sie "keine Geschichte der Obrigkeit" schreiben wollten. Vielmehr sollte es um die Geschichte von unten gehen. "Wie haben die ,kleinen Leute' das erlebt?" fragt Rainer Kilian und zählt dabei entsprechende Stichworte auf, zu denen das Frauenbild im Lauf der Jahrhunderte oder die wirtschaftlichen Umbrüche ebenso gehören wie die Revolution von 1848, das "Dritte Reich" oder auch die Integration von Heimatvertriebenen in der Nachkriegszeit.

Eine wichtige neue Erkenntnis stammt wiederum aus dem Mittelalter. "Kirchheim ist keine Gründung der Zähringer", betonte Rainer Kilian gestern. Und selbst wenn die Kirchheimer damals nach Freiburg reisen mussten, um bei Rechtsstreitigkeiten die höhere Instanz anrufen zu können, bleibt der Stadtarchivar bei seinem kategorischen Nein: "Das hat mit den Zähringern nichts zu tun." Die Stadterhebung Anfang des 13. Jahrhunderts sei durch die Herzöge von Teck erfolgt. Zuvor war Kirchheim ein Marktort, worauf der Untertitel der neuen Stadtgeschichte explizit verweist.

Die erste urkundliche Erwähnung unter dem Namen "chiriheim" stammt aus einem Tauschvertrag, den Bischof Hartbert von Chur 960 mit Otto dem Großen abgeschlossen hat. Der Vertrag ist bis heute in Chur aufbewahrt und stellt natürlich eine der wichtigsten von rund 4 200 Quellen dar, die die fünf Kirchheimer Stadtgeschichtsschreiber in den vergangenen sechseinhalb Jahren seit der Unterzeichnung ihrer Autorenverträge untersucht haben. Dieses intensive Erforschen der Archivmaterialien ist für Rainer Kilian ein wichtiger Beleg für die wissenschaftliche Grundlage des gesamten Werks. Hinzu kommt ein umfangreicher Anhang. Dort lassen sich nicht nur sämtliche Anmerkungen finden, sondern auch Hinweise zu Maßen, Münzen und Gewichten und vor allem ein umfassender Orts-, Personen- und Sachindex.

Gerade dieser Index macht das Buch zum idealen Nachschlagewerk für alle Benutzer. Insbesondere können auch Schulen davon profitieren, wenn es um heimatkundliche Themen geht. Auch sonst ist das Buch mit seiner Auflage von 3 200 Exemplaren, das im Hause GO Druck Media Verlag in Kirchheim hergestellt wird, sehr anschaulich und gebrauchsorientiert gestaltet. Rainer Kilian schwärmte gestern von einem "Top-Buch", was das Layout betrifft. Unter anderem werde jedes Farbbild auch farbig gedruckt, und selbst die Tabellen seien farbig.

So kommt das neue Kirchheimer Geschichtsbuch, das vom Festakt am 24. November an verkauft wird, also ausgesprochen modern daher. Das ist auch die Absicht, die Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker mit dem gesamten Werk verbindet. "Wir müssen der Bevölkerung eines klarmachen: Das ist eure Vergangenheit, aber auch eure Zukunft. Bewahrt euch eure Vergangenheit, denn daraus entsteht die Zukunft."