Lokales

Starke Frauen auf Infotour

Kenianerinnen besuchen landwirtschaftliche Betriebe – Ziegen und Brot im Visier

Fünf Frauen aus Kenia sind zurzeit auf Einladung des Landfrauenverbands Württemberg-Baden zu Gast in Deutschland. Ihre Reise führte sie auch in die Region rund um die Teck.

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Iris Häfner

Kirchheim/Lenningen. In Daunenjacken oder Strickwesten eingehüllt trotzen die Frauen aus Afrika dem deutschen Sommer. Das dicht gedrängte Programm hat nichts mit Urlaub zu tun, im Gegenteil: Sie wollen sich konkrete Anregungen holen für ihre schwierige Arbeit in Kenia. Was die Frauen zu erzählen haben, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Vier von ihnen sind Witwen. „Sie sind doch alle noch so jung“, sagt eine ältere Frau fassungslos. Mitglieder des Landfrauenvereins Lenninger Tal unterhalten sich im alten Schulhaus in Schlattstall mit den Afrikanerinnen und erfahren so viel von den Problemen auf dem schwarzen Kontinent, der dank der Fußballweltmeisterschaft im Moment etwas mehr in den Fokus der westlichen Welt gerückt ist.

Die Kenianerinnen sind in Projekten engagiert, in denen es um das schwierige Thema Aids geht. Die fünf wissen, wovon sie reden: Aus diesem Grund sind sie Witwen und zwei von ihnen selbst HIV-positiv – angesteckt von den eigenen Ehemännern. „Wenn die Männer in Kenia so viel arbeiten würden wie die Frauen, ginge es unserem Land um einiges besser“, sagt eine von ihnen. Die Frauen wohnen in Lehmhäusern, kochen, waschen, suchen mühsam Feuerholz zusammen, sorgen mit einer Minilandwirtschaft für die Lebensgrundlage für sich und ihre Kinder, und für Wasser müssen sie kilometerweit laufen. Die Männer verlassen die Familien, weil sie auf bessere Arbeit in der Stadt hoffen, stecken sich dort mit Aids an und infizieren ihre Frauen zu Hause mit dieser Krankheit. Erschwerend kommt hinzu, dass Polygamie in Kenia gang und gäbe ist.

Wieder sind es die Frauen, die die ganze Last tragen müssen. Die Großmütter springen in die Bresche und erziehen die Aids-Waisen, ihre Enkel. Gibt es sie nicht mehr, kommen Frauennetzwerke zum Tragen. Sie kümmern sich um die Kranken, die Waisen, setzen sich für ein positives Leben mit der Krankheit ein und kämpfen vor allem für die Rechte der Frauen. „Frauen in Kenia sind es nicht gewohnt, Nein zu sagen. Sie wissen nicht um ihre Rechte. Wenn die Männer Sex haben wollen, stehen sie zur Verfügung“, nennt eine der Afrikanerinnen das Grundproblem. Aufklärung ist deshalb das oberste Ziel, vor allem bei jungen Mädchen, die schwächste und somit gefährdetste Gruppe.

In Deutschland holen sich die Kenianerinnen nun Anregungen für ihre Arbeit vor Ort. Das heißt in erster Linie Ideen sammeln für die Existenzsicherung der Familie. Auf Wunsch der Frauen wurden in das Besuchsprogramm Ziegen aufgenommen. Dr. Ulrich Jaudas aus Schlattstall, Ziegenhalter aus Passion sowie langjähriger Vorsitzender des Ziegenzuchtverbands Baden-Württemberg, und seine Frau Waltraud Fleischle-Jaudas decken das kleinbäuerliche Spektrum ab. Käse, egal welcher Sorte, ist den Frauen fremd, sie halten sich bei der Verkostung lieber an Fleischküchle, Wurst in jedweder Form und Rauchfleisch. Ulrich Jaudas gibt detailliert Auskunft über Ziegenhaltung und die daraus resultierenden Möglichkeiten. Da ein Fachbuch von ihm auch auf Englisch erschienen ist, überreicht er es den Frauen als Geschenk. Nächste Station ist Familie Hepperle in Kirchheim. Dort sehen die Afrikanerinnen gleich eine ganze Ziegenherde, bestehend aus etwa 70 Muttertieren samt quicklebendigem Nachwuchs. Da die junge Familie noch im Aufbau des Betriebs begriffen ist, werden täglich 50 Liter Milch zu Käse verarbeitet, den großen Rest dürfen sich die Kitze schmecken lassen.

Bereits am Morgen stand die Hofbesichtigung bei Renate Gölz in Nabern auf dem Programm. Dort beeindruckte die Afrikanerinnen vor allem die Brotbackkunst. Sie überlegen ernsthaft, in Kenia ein Backhaus zu bauen. „Dann müssen die Frauen aus Deutschland kommen, und uns zeigen, wie man richtig Brot bäckt“, sprechen sie eine Einladung aus.