Lokales

Statt Beliebigem aus dem Katalog etwas Maßgeschneidertes

KIRCHHEIM Sich bis zum hohen Alter von einhundert Jahren in guter Obhut wissen zu dürfen, ist ein Segen. Wie aber geht es dabei den Familienangehörigen, die sich um das

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BARBARA IBSCH

Wohlbefinden des Betagten zu kümmern haben, ihm die Last des Alters erleichtern wollen? Sie versuchen in der Regel viel zu lange diese schwere Aufgabe zu schultern, bis sie selbst nicht mehr können. Dabei wäre es so leicht, sich helfen zu lassen. Die Familie Hentschel hat diesen Schritt getan und davon profitiert haben alle: der zu pflegende Hochbetagte, seine siebzehn Jahre jüngere Frau und die berufstätige Tochter der beiden.

Zu Hause ist es am schönsten, was aber ist, wenn das Leben immer beschwerlicher wird? Dann sind ihm

O:STERN.TI_immer noch schöne Seiten abzugewinnen vorausgesetzt es gibt Hilfestellung, Zuspruch, persönliche Nähe. All dies gehört mit zum Netzwerk Betreutes Wohnen zu Hause, dem sich die 28. Weihnachtsaktion des Teckboten in diesem Jahr widmet. Drei Vereine hat sie dazu unter ihre Fittiche genommen: das "Lenninger Netz", den Verein "Soziales Netz Raum Weilheim" und das Kirchheimer "buefet", dessen griffiges Kürzel für Beratung und Experteninformation für eine selbstständige Lebensführung steht. Exemplarisch für alle drei Vereine ist die Situation einer Kirchheimer Familie.

Einen Artikel über buefet, erschienen im Frühjahr, betrachtet Dorothea Hentschel noch immer als Wink des Schicksals. "Darum muss ich mich jetzt kümmern", sagte sich die 83-Jährige damals und setzte sich zugleich ein zeitliches Limit. Noch vor dem im Juni ins Haus stehenden einhundertsten Geburtstag ihres Mannes sollte es sein. Werner Hentschel, knapp drei Jahrzehnte Leiter des Orchesters der Volkshochschule Kirchheim und entsprechend bekannt in der Stadt, lebte zu dieser Zeit noch zu Hause, aber die pflegerische Situation wurde immer schwieriger, auch wenn die Tochter nach besten Kräften half. Für Gisela Hentschel kam erschwerend hinzu, in Stuttgart zu arbeiten. Sie konnte nicht sofort zur Stelle sein, wenn etwa ihr Vater gestürzt war und ihre Mutter dem schweren Mann nicht auf die ohnehin schon wackeligen Beine helfen konnte. Ein Alptraum in vielen Familien.

"Der Artikel über buefet hat bewirkt, dass wir uns Gedanken über unsere Lage gemacht haben", erinnert sich Gisela Hentschel. Die 43-Jährige betrachtet dies als entscheidenden Einstieg. Schon der erste Besuch von Monique Kranz-Janssen, bei der die Fäden zusammenlaufen, brachte eine neue Struktur in den anstrengend gewordenen Alltag. "Der Rote Faden war da, wir mussten nur noch mitspielen." Das tat auch der Vater und gemeinsam wurde mit einem passenden Heimplatz eine adäquate Lösung gefunden. In familiärem Kreis durfte dort noch gemeinsam Geburtstag gefeiert werden. Vor wenigen Wochen hat Werner Hentschel seinen Lebensweg vollendet.

Dorothea und Gisela Hentschel haben erlebt, in schwieriger Situation nicht entscheiden zu können, welcher Schritt jetzt der sinnvollste ist. Da braucht man schon jemanden, der aus neutraler Position heraus einem die Richtung aufzeigt. Für sich selbst benötigt die Mutter derzeit noch ein wenig Abstand, muss zu sich selbst finden, in der neuen Situation erst einmal ankommen. Sie will aber den Kontakt zu buefet nicht abreißen lassen und hat die Anwartschaft aufrecht erhalten, mit der regelmäßige Besuche bei ihr sowie Treffen mit anderen verbunden sind. Zugleich bedeutet dies die Sicherheit, sofort einen Ansprechpartner zu haben, "wenn es einmal nicht mehr so geht".

Auch den Notrufanschluss hat sie behalten, was die Tochter ruhiger schlafen lässt. Nicht weniger wichtig ist für sie der kurze Draht zu buefet, beruhigt sie doch die Sicherheit, "dass da jemand da ist für alle Fälle". Gisela Hentschel ist es wichtig, Ansprechpartner mit Fachwissen zu haben, auf professionelle Helfer zugehen zu können.

Den Alltag haben die beiden im Griff, aber sie denken weiter und haben insofern vorgesorgt, als sie sich Partner geholt haben, die über Erfahrung verfügen und die richtigen Kontakte innerhalb des Netzwerkes Betreutes Wohnen herstellen können. "Wann man das braucht, ist mir egal", sagt Gisela Hentschel, ihr ist es wichtig, mit buefet einen beruhigenden Faktor zu haben. Wird dann Hilfe notwendig, sitzt man wieder zusammen und sucht nach dem passenden Angebot nichts aus einem beliebig zusammengestellten Katalog, sondern etwas Maßgeschneidertes. Noch eines ist der Tochter wichtig: "Man hat Ansprechpartner, zu denen man Vertrauen hat und muss sich nicht rechtfertigen, selbst etwas nicht tun zu können."

Für Mutter und Tochter hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen, in dem auch der Verstorbene seinen Platz hat. Musik spielt nach wie vor eine große Rolle und so erzählt Dorothea Hentschel strahlend von ihrer Freude auf ein Konzert mit ihrer Tochter als Flötistin. Diesmal nicht im Ausland in einem großen Orchester unter Leitung eines namhaften Dirigenten, sondern in Kirchheim und endlich mit der Mutter im Publikum.