Lokales

Statt Parteien zählt die pünktliche Persönlichkeit

Kommunalpolitik gestern und heute – Gespräch mit „Alt-Stadtrat“ Uwe Kiedaisch über die Gepflogenheiten im Owener Gemeinderat

Drei Listen gibt es, die in Owen Kandidaten zur Kommunalwahl aufgestellt haben. Aber eigentlich ist es egal, wer auf welcher Liste zu finden ist. Die Owener scheinen unabhängig von der Listenzugehörigkeit zu wählen. Selbst Uwe Kiedaisch, der 33 Jahre lang im Owener Gemeinderat saß und aus sechs Wahlen jeweils als Stimmenkönig hervorging, weiß auf Anhieb nicht mehr genau, welcher Liste er selbst einmal angehört hat.

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Andreas Volz

Owen. Uwe Kiedaisch spricht von „zwei Männerlisten“ und einer Frauenliste. Die Frauenliste sei 1975 erstmals zur Kommunalwahl angetreten, sagt Owens kommunalpolitisches Urgestein. Die Owenerinnen wollten dadurch die Chance erhöhen, dass Frauen in den Gemeinderat gewählt werden. Das hat seither auch ganz gut funktioniert: Von den 14 Sitzen im Gemeinderat nehmen die beiden „Männerlisten“ normalerweise je fünf ein, und vier entfallen auf die Frauenliste.

Die „Männerlisten“ schließen Frauen übrigens nicht kategorisch aus, meint Uwe Kiedaisch. Seit es aber die Frauenliste gibt, hat es sich wohl so ergeben, dass keine Frau mehr für die anderen Listen kandidiert. Was die Namen dieser Listen betrifft, erinnert sich Uwe Kiedaisch vor allem an die „Schwabenstüb­le-Liste“, die nach ihrem Stammlokal so genannt wurde. Damit gab es also in Owen eine lebendige Tradition, die bis zur Frankfurter Nationalversammlung von 1848 zurückreicht. Bekanntlich leiteten deren politische Gruppen ihre Namen ebenfalls von den Gasthäusern ab, in denen sie jeweils zu tagen pflegten.

Die drei derzeitigen Listen – offiziell die „Unabhängige Wählervereinigung“, die „Bürgerliche Wählervereinigung“ und die „Freie Frauenliste“ – machen sich nach Aussage von Uwe Kiedaisch gegenseitig keine Konkurrenz. „Rivalität gibt es höchstens in dem Sinn, dass man will, dass die eigene Liste am Wahltag möglichst viele Stimmen kriegt. Nachher in den Sitzungen geht es dann darum, dass man Mehrheiten für Meinungen kriegt. Da muss man eben besser argumentieren als andere.“ So etwas wie Fraktionszwang kommt im Owener Gemeinderat erst gar nicht auf. „Bei uns zählt nicht die Partei, sondern die Persönlichkeit“, meint Uwe Kiedaisch und bezeichnet die Gemeinderatswahl in Owen denn auch als „reine Persönlichkeitswahl“.

Einmal, so weiß Uwe Kiedaisch aus dem Nähkästchen zu plaudern, habe es in seiner 33-jährigen Gemeinderatszugehörigkeit zwischen 1971 und 2004 doch eindeutige Fronten bei einer Abstimmung gegeben: „Da ging es 1:14 aus, und die eine Stimme kam vom Bürgermeister.“ Doch auch solche Dinge werden nicht allzu lange persönlich genommen und – wie manche andere Meinungsverschiedenheit auch – bei der Nachsitzung wieder ausgeräumt.

Was Uwe Kiedaisch auf Nachfrage einräumt, ist die Uhrzeit, zu der die „längste Nachsitzung“ zu Ende ging: Halb fünf war es einmal geworden, wobei nicht ganz klar ist, ob diese Erinnerung Allgemeingültigkeit beanspruchen kann oder ob es nicht doch auch längere Nachsitzungen gab.

Was die Owener Kommunalpolitiker dagegen seit vielen Jahren für sich beanspruchen können, das ist der früheste Beginn der Nachsitzung im gesamten Lenninger Tal. Anfangs sei es auch mal vorgekommen, dass die nichtöffentliche Sitzung bis halb eins gedauert habe. Aber dann habe sich der Owener Gemeinderat – der ein Musterbeispiel für Sitzungsdisziplin und -effizienz darstellt – auferlegt, dass die gesamte Sitzung, also der öffentliche samt dem nichtöffentlichen Teil, spätestens um halb elf zu Ende sein soll. „Da ist man doch schon in der Wirtschaft angemeldet“, meint Uwe Kiedaisch. Und der pünkt­liche Beginn um exakt 19.30 Uhr ist ja bereits bei der öffentlichen Sitzung so etwas wie eine „Heilige Kuh“.

Bei der Auswahl der Wirtschaft für die Nachsitzung achten die Owener streng auf Parität. Einer der wichtigsten Posten im Owener Gemeinderat ist denn auch der des „Wirtschaftsministers“. Er ist dafür zuständig, die passende Wirtschaft auszuwählen. – Parität ist indessen bereits das Prinzip der Sitzverteilung am Ratstisch. Für Laien völlig undurchschaubar, bringt Uwe Kiedaisch ein wenig Licht ins Dunkel: Es geht – allerdings zu beiden Seiten des runden Tischs – nach der Stimmenanzahl, die ein Gemeinderatsmitglied für sich verbuchen konnte. Außerdem sollen auch die Listen jeweils gleichermaßen bedacht werden, sodass es durchaus vorkommen kann, dass jemand mehr Stimmen hat als der Sitznachbar, aber dennoch weiter entfernt vom Bürgermeisterstuhl sitzt. Immerhin zeigt sich daran, dass der Fraktionszwang schon deshalb nicht funktionieren könnte, weil die Listen wild im ganzen Ratsrund verstreut sind.

Aber dennoch geht alles mit rechten Dingen zu, denn Uwe Kiedaisch legt Wert auf die Feststellung, dass die Verteilung nach dem d‘Hondt‘schen Verfahren erfolgt. Das Demokratieverständnis ist in Owen also kaum hoch genug anzusiedeln. Das gilt auch für die Basisdemokratie, die der Gemeinderat in Uwe Kiedaischs Anfangszeiten eingeführt hat: „Wir haben in den 80er-Jahren die Ausschüsse abgeschafft. Unser Gemeinderat ist mit 14 Leuten ja nicht so groß, und man hätte sowieso alles nur zwei Mal beraten.“ Sitzungseffizienz ist also schon seit vielen Jahren ein wichtiger Grundsatz in Owen.

Deshalb haben die Owener auch die Raucherpause in den Sitzungen abgeschafft. Nötig geworden war diese Pause, nachdem das Rauchen während der Sitzungen unüblich geworden war. „Als auch Bürgermeister Siegfried Roser das Rauchen aufgehört hatte, war die überwiegende Mehrheit im Gemeinderat Nichtraucher“, erinnert sich Uwe Kiedaisch. Aus heutiger Sicht – wo selbst bei der Nachsitzung nicht mehr geraucht wird – ist es kaum mehr vorstellbar, dass es Zeiten gab, in denen der gesamte Sitzungssaal regelmäßig verqualmt war.

Inzwischen herrschen aber in jeder Hinsicht andere Zeiten: Im Gegensatz zu den frühen 70er-Jahren gibt es in Owen schon lange Sitzungsgelder. Diese werden allerdings nicht ausbezahlt, sondern für die gemeinsamen Ausflüge angespart. Und mittlerweile hat Uwe Kiedaisch, der seine Gemeinderatskarriere noch unter Bürgermeister Otto Heinz begonnen hatte, als „Alt-Stadtrat“ auch die Vereidigung von Bürgermeisterin Verena Grötzinger miterlebt – in der Teckhalle, deren Bau er selbst einstens mitbeschlossen hatte.

Einen Generationenwechsel sieht Uwe Kiedaisch nun auch auf den Gemeinderat zukommen, auch wenn nahezu alle aktuellen Ratsmitglieder zur Wiederwahl antreten. „Mich freut es, dass wir dieses Mal etliche Kandidaten haben, die um die 30 sind. Ich hoffe, dass das viele junge Leute anspornt, zur Wahl zu gehen“. Denn auch das ist eine demokratische Tradition in Owen: die vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung.

Profitiert von dieser Wahlbeteiligung und von seinem großen Bekanntheitsgrad als Owener Vereinsmensch hatte einstens in sieben Kommunalwahlen der Kandidat Uwe Kiedaisch. Aus dem Teckboten-Archiv geht übrigens hervor, dass er seinerzeit für die Unabhängige Wählervereinigung angetreten war. Aber wie gesagt: Es handelte sich jedes Mal um eine echte Persönlichkeitswahl.