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Statt zu Gold wurde das Eisen zum Galgen

Vor vierhundert Jahren war Kirchheim unter Herzog Friedrich I. ein Zentrum der Alchemie in Württemberg

Kirchheim. So wie in der aktuellen Finanzkrise viele Hoffnungen auf einen schnellen Gewinn durch allerlei selbst für Spezialisten schwer durchschaubare Transaktionen wie

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Werner Frasch

eine Seifenblase zerplatzt sind, war es vor vierhundert Jahren ein Trugschluss zu glauben, dass durch geheimnisvolle Verfahren künstlich Gold hergestellt und auf diese Weise finanzielle Probleme gelöst werden könnten. Während heute viele Durchschnittsbürger die Folgen der Spekulationen spüren, war es damals vor allem der württembergische Landesherr, der dem Irrglauben aufgesessen war, auf wundersame Weise zu Geld kommen zu können.

Dabei gehörte Herzog Friedrich I., der von 1593 bis 1608 regierte, zu den fortschrittlichsten Fürsten seiner Zeit. Er war wie keiner seiner Vorgänger und nur wenige seiner Nachfolger an der Wissenschaft interessiert. Besonders war ihm daran gelegen, sein Land wirtschaftlich in die Höhe zu bringen. Daher förderte er alles, was dem Gewerbefleiß zugute kam. Zu seinen seriösen Aktivitäten gehörte unter anderem der Flachsanbau, der zur Herstellung von Leinwand als begehrtem Exportgut diente. Auch die Suche nach Bodenschätzen überall im Land oder der Torfabbau im Schopflocher Torfmoor zur Gewinnung von Brennmaterial, das den hohen Holzverbrauch verringern sollte, waren – wenn auch in Maßen – erfolgreich. Hohe Kosten verursachten zahlreiche repräsentative Bauten, wie die Gründung Freudenstadts im damals unerschlossenen Schwarzwald. Riesige Geldsummen verschlang zudem eine immer aufwendigere Hofhaltung, die der fürstlichen Selbstdarstellung diente. Auch eine Außenpolitik, die Friedrichs Machtposition gegenüber dem Kaiser stärken sollte und das Land von der habsburgischen Abhängigkeit ablöste, kostete viel Geld.

Von keiner Seriosität war dagegen die Vorstellung Friedrichs geprägt, dass durch geheime Verfahren das begehrte Gold erzeugt werden könne. Wie andere Fürsten, und selbst Kaiser Rudolf II. in Prag, verfiel der württembergische Herzog daher auf den Gedanken, zur Verbesserung seiner finanziellen Lage Alchemisten zu beschäftigen, die behaupteten, sie wüssten den Weg zu künstlich erzeugtem Gold. Was heute abwegig und als leicht durchschaubarer Schwindel erscheint, wurde zu Zeiten dieser frühabsolutistischen Regenten ganz anders gesehen. Alchemie war eine anerkannte Kunst, die auf eine lange Tradition zurückblicken konnte und sich ernsthaft mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragen befasste. Sie entsprach nicht nur den wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit, sondern wurde auch von religiös geprägten Aussagen gestützt.

Im Mittelpunkt des alchemistischen Interesses stand die Gewinnung von Gold aus „unreinen“ Metallen. Die Alchemisten gingen dabei von der aristotelischen Vorstellung aus, dass alle Stoffe aus den Prinzipien Erde, Wasser, Feuer und Luft entstanden waren und nur in Gold diese Urmaterie in vollkommener Form vereint sei, während die anderen Metalle und Mineralien an ihrer Unvollkommenheit „leiden“ würden. Durch eine entsprechende „Transmutation“ sollten auch diese in Gold umgewandelt werden können. Die dazu angeblich tauglichen Prozesse wurden in gelehrten Abhandlungen oft mit Wachstumsvorgängen oder mit Zeugung, Geburt, Tod und Erlösung verglichen, wobei die Transmutationslehre als wissenschaftlich und für wahr gehalten wurde. Alchemisten sahen sich vor der Aufgabe, die Fehlerhaftigkeit von unedlen Metallen zu beseitigen. Dazu suchten sie in ihren Experimenten ganz ernsthaft nach dem Stein der Weisen, der die Metalle reifen lassen und vollkommen machen sollte. In gewisser Weise vollzogen die Alchemisten an den Metallen den Schöpfungsvorgang nach.

Die alchemiegläubigen Fürsten waren von der Vorstellung fasziniert, dass sie zum kleinen Kreis der Wissenden und Auserwählten gehören, denen Gott die Gnade gewährt, die Zusammenhänge zwischen Mensch und Universum zu verstehen und schließlich durch den Stein der Weisen alle Welträtsel lösen zu können. Nur durch Demut vor Gott und Sündlosigkeit konnte man dieses Ziel erreichen. Die Beschäftigung mit der Alchemie war eine dem Landesherrn angemessene Tätigkeit, betrachtete er die Suche nach Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit doch als einen Weg zur Gotterkenntnis, der zudem die Auserwähltheit des Fürsten unterstrich.

Als Herrscher des frühen Absolutismus fühlte Friedrich I. sich durch die alchemistische Gedankenwelt in seiner Auffassung bestätigt, dass sein Hof ein Abbild der göttlichen Weltordnung darstelle und er der Mittelpunkt der Macht über Geist und Materie sei. Gerade die Höfe der tief gläubigen protestantischen Fürsten wurden häufig zu Stätten alchemistischer Experimente, die auch von religiöser Seite unterstützt wurden. In Württemberg waren vor allem der Königsbronner Abt Johann Andreae und Hofprediger Lukas Osiander sowie dessen Söhne wichtige Verfechter dieser Auffassung.

Herzog Friedrich I. richtete nicht nur in seinem Stuttgarter Lusthaus, das auf dem Platz des heutigen Neuen Schlosses stand, ein umfangreiches alchemistisches Zentrallabor ein, in dem sein Hofprediger Osiander als Laborationsinspektor tätig war. Als sich im Dezember 1598 bei ihm Heinrich Nüscheler aus Zürich vorstellte und vorgab, Silber in Gold verwandeln zu können, schenkte ihm der Herzog Vertrauen, obwohl er bereits früher Betrügern aufgesessen und trotz vieler Versuche noch nie in den Besitz von Gold kam, das auf alchemistischem Weg hergestellt worden war.

Nüscheler stammte aus einer ratsfähigen Familie, die in Graubünden Silberbergwerke besaß, und war für den württembergischen Herzog schon deshalb glaubwürdig. Der Alchemist Nüscheler, der von seinem Bruder unterstützt wurde, war lange Zeit selbst davon überzeugt, im Besitz einer geheimnisvollen Tinktur zu sein, die ihm zu dieser alchemistischen Fähigkeit verhalf.

Offenbar war die Kapazität des Stuttgarter Alchemie-Labors erschöpft, in dem mehr als vierzig Laboranten unter wechselnden Alchemisten metallurgische Versuche mit Quecksilber, Schwefel, Blei, Alaunwasser, weißem und gelbem Arsenik und zahlreichen anderen Zutaten in Destillierkolben aus Glas, Tiegeln aus Ton und gemauerten Öfen durchführten. Nüscheler erhielt vom Herzog bald den Kirchheimer Freihof zugewiesen, in dessen stattlichem Gebäude ein Labor nach dem Stuttgarter Vorbild eingerichtet wurde.

Kirchheim wurde so für einige Jahre zum zweiten Zentrum der alchemistischen Umtriebe in Württemberg. Nacheinander waren hier drei Alchemisten tätig. Keinem gelang allerdings, worauf der Herzog gehofft hatte. Nur einmal fanden sich nach einem der geheimnisvollen Prozesse in den Tiegeln tatsächlich geringe Spuren des Edelmetalls. Das rührte aber nicht von alchemistischen Künsten her, sondern verdankte seine Existenz einem Trick, den die Schwindler unter den Alchemisten immer wieder angewandt hatten. Wegen der beim Schmelzen entstehenden giftigen Dämpfe musste der Herzog nach Anweisung der Quacksalber das Laboratorium verlassen. Ein in einem Schrank versteckter Gehilfe praktizierte dann ein wenig Gold in die heißen Tiegel, das der Herzog nach seiner Rückkehr vorfand. Diesen Betrug gestanden die Alchemisten aber erst unter der Folter, der sie ausgesetzt wurden, nachdem sie erfolglos geblieben waren.

Zwei der in Kirchheim tätigen Alchemisten bezahlten ihre Schwindeleien mit dem Leben. Sie wurden in Stuttgart an einem Galgen erhängt, der aus dem Eisen gefertigt war, das Alchemisten in Silber oder Gold hätten verwandeln sollen. Mit dem Tod Herzog Friedrichs I. im Jahr 1608 endete auch der Glaube an die Fähigkeit, Gold künstlich herstellen zu können. Seine Witwe, Herzogin Sibylla, die selbst in der Arzneikunst bewandert war, und sein ältester Sohn, Herzog Johann Friedrich, beschäftigten weiterhin Alchemisten, allerdings nicht um Gold herzustellen, sondern um vertiefte Naturerkenntnisse zu erlangen. Die Experimente hierzu fanden nicht mehr im Kirchheimer Freihof statt, sondern im Leonberger Schloss.