Lokales

Steinerne Zeugen vergangener Jahrhunderte

Zu den Neidlinger Kleindenkmalen gehören die 1652 erbaute Konrad-Widerholt-Mühle und Weinbau-Trockenmauern

„Neidlingen ist unsere Heimat – und die Erfassung von Kleindenkmalen ist Heimatpflege“ – so sagten sich Ruth Krebber und Bernd Hepperle und folgten dem Aufruf des Kreisarchivs, Kleindenkmale zu erforschen, sie aufzuspüren, zu beschreiben, auszumessen und zu fotografieren.

Norbert Häuser

Neidlingen. In der Neidlinger Kirchstraße steht die historische Konrad-Widerholt-Mühle – früher auch Herrschafts-, Schloss- oder Obere Mühle genannt – mit der Inschrift im Dachgiebel „erbaut 1652 von Konrad Widerholt“ und dem markanten Mühlenwappen, bestehend aus zwei Mühlrädern, die von zwei Löwen gehalten werden. Auch die Inschrift im Türsturz des Mühleneingangs mit den Initialen „C W“ für Conrad Widerholt erinnert an den Feldherrn aus dem Dreißigjährigen Krieg, der das seinerzeit heruntergekommene Mühlenanwesen gründlich erneuert hatte. Bereits 1430 wurde die Mühle erstmals urkundlich erwähnt, sie war keine Bannmühle und existierte wahrscheinlich bereits im Frühmittelalter.

Wie kam der tapfere Verteidiger des Singener Hohentwiels K(C)onrad Widerholt – was ihn zu einer bedeutenden Figur der württembergischen Geschichte machte – ausgerechnet in das kleine Neidlingen? Der württembergische Herzog Eberhard III. hatte zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 den „Oberkommandanten des Hohentwiel“ in Würdigung seiner Verdienste zum Obervogt von Kirchheim ernannt und ihn gleichzeitig mit der Herrschaft Neidlingen einschließlich Ochsenwang und Randeck belehnt. Am 15. Januar 1650 legte Widerholt den Lehenseid in Stuttgart ab, vier Tage später fand die feierliche Einsetzung im Neidlinger Schloss statt – so schrieb Chris­toph J. Drüppel im Neidlinger Heimatbuch. In dem nach dem Dreißigjährigen Kriege verwüsteten Land schien „Neidlingen eher eine magere Belohnung für außergewöhnliche Dienste des treuen Obristen Widerholt zu sein.“ Von ehedem 150 Bürgern gab es 1650 nur noch 30, der durchschnittliche Bevölkerungsrückgang während des Krieges wird mit 65 Prozent für Württemberg angegeben.

Nach dem Tode Widerholts im Jahr 1667 blieb Neidlingen als herzogliches Kammerschreibereigut in begrenztem Maße selbstständig und wurde nicht dem Kirchheimer Amt einverleibt, sondern bis 1807 als eigenständige württembergische Verwaltungseinheit – die Vogtei Neidlingen – geführt. Das Schloss wurde danach als Amtssitz des Vogtes aufgegeben und in den Jahren 1821 bis 1825 abgerissen. Eine Rest-Außenmauer in der Kirchstraße erinnert noch an das einstige Wasserschloss.

Die Widerholtmühle wird heute noch bewirtschaftet. Albert Hitzer betreibt sie mit seiner Frau. Gemahlen werden vor allem Weizen und Dinkel. Das über 100 Jahre alte eiserne oberschlächtige Mühlrad wird – sofern der Wasserstand ausreicht – von einem abgeleiteten Kanal der Lindach gespeist, ansonsten wird die Mühle mit elektrischem Strom betrieben.

In der Reihe der Neidlinger Vögte ist Georg Friderich Gerok wohl der bedeutendste. Der Neubau der Kirche im Jahr 1746 fällt in seine Amtszeit (1736–1767). Von seinem Wirken zeugen die Gedenkplatten an der Südseite der Neidlinger Kirche. Eine der drei Tafeln widmeten die neun zur damaligen Zeit noch lebenden Kinder des Ehepaares Gerok ihrem Vater anlässlich seines Todes am 13. Januar 1793. „Hier ruhet die Asche eines würdigen Greises, eines Christen, eines Freundes Gottes und der Menschen. Dem würdigsten Greise und treuesten Vater widmen dieses Grabmal dessen hinterlassene 9 Kinder“. Es waren dies sechs Frauen und drei Männer. Die Tafel nennt auch die Berufe der drei Söhne Geroks: Diakon in Weilheim (Christoph Friderich), Diakon in Kirchheim (Gottlob Friderich) und Oberamtmann in Alpirsbach (Amandus Friderich).

Eine Besonderheit ist auch, dass Neidlingen seit Widerholts Zeiten bis zum Jahre 1807 einen eigenen Vertreter in die Stuttgarter „Landschaft“ entsenden durfte. In die Landschaft waren Vertreter der Städte und Ämter berufen worden, die den württembergischen Fürsten auf Landtagen beraten sollten. Mit der Neuorganisation Württembergs – gewissermaßen unter napoleonischem Diktat – entmachtete der erste württembergische König Friedrich I. die Landstandschaft und löste sie auf.

Dass der Weinbau in Neidlingen einst eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielte, kann man an den Hängen des Butzenbergs heute noch erkennen. Ruth Krebber und Bernd Hepperle haben die noch gut sichtbaren, auf mehreren Terrassen angelegten Weinbau-Trockenmauern als Kleindenkmale für diese Zeitepoche erfasst.

Die Landwirtschaft bildete lange die wirtschaftliche Grundlage Neidlingens. „Der Weinbau, seit 1551 bezeugt, reicht bis ins Mittelalter zurück“ – so steht es im Heimatbuch Neidlingens. „Der Lichtenstainer“ aus Neidlingen wurde wohl auch an der Hoftafel Herzog Friedrichs gerne getrunken. Als weitere Neidlinger Weinlagen nennt das Heimatbuch die Stücke Schafflitzel, In der Clara und Im Bräuhaus. Ein Großteil der Lichtensteiner Weinberge gehörte der Herrschaft, 1700 verkaufte man sie an die Neidlinger Bürger, die für den Neuerwerb „den Zehnt“ an die Herrschaft zu zahlen hatten.

In der herzoglichen Kelter – sie wurde als Bannkelter betrieben – waren zwei bis drei Kelterknechte beschäftigt, die einen oder mehrere Kelterbäume bedienen mussten. Das maschinelle Ausquetschen der Trauben auf der Kelter – im Bodensee-raum auch „Torkel“ genannt – erfolgte üblicherweise mithilfe des hölzernen Kelterbaums, der mit Druck auf das Lesegut wie eine Presse wirkt. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch in Neidlingen bis über das Mittelalter hinaus vor dem Pressverfahren mit dem Kelterbaum noch die Methode der „Tretkelter“ angewandt wurde, das heißt, das Lesegut wurde mit bloßen Füßen ausgetreten, wobei mit diesem „Vorlass“ eine höhere Weinqualität entstehen konnte. Bei der mehrfachen Tresterpressung mit dem Baum entstanden mehr Gerbstoffe, da dort unreife Trauben, Stiele und Kerne mitgepresst wurden. Der Kelterschreiber wachte darüber, dass der herrschaftliche „Teilwein“ – gegebenenfalls aus beiden Keltermethoden – abgezweigt wurde. Das Heimatbuch nennt hier „sechs Maß von jedem Eimer“ für die Herrschaft, wobei das Flüssigkeitsmaß „1 Eimer“ 16 Imi oder rund 294 Liter und „1 Maß“ vier Schoppen oder 1,84 Liter entsprach. Rechnerisch betrachtet betrug der Wein-Zehnt also nur etwa drei bis vier Prozent.

Im 19. Jahrhundert wurden die Weinbauflächen in Württemberg immer kleiner, dagegen nahmen die Obstbauflächen ständig zu. Zum einen erkannte man, dass in den Randlagen des Weinbaus bessere Erträge durch den Obstbau erzielt werden konnten, zum anderen bot der Ausbau des Eisenbahnnetzes zusätzliche Vertriebsmöglichkeiten für Tafel- und Mostobst. Schließlich stürzte der Weinbau durch die Zunahme von tierischen und pflanzlichen Schädlingen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Krise. Gegen die Reblaus gab es letztlich kein Mittel, außer dass man rodete und mit reblausresis­tenten Sorten neu anbaute. Der Rückgang des Neidlinger Weins begann jedoch bereits im 18. Jahrhundert. In den meisten Lagen ist laut Heimatbuch der Grund in der allzu schädlichen Bodennässe zu suchen. So hielt sich der Weinbau nur noch am Butzenberg, wo heute wieder fleißige Wengerter – neben dem Obst- und Gemüseanbau – am Werk sind.

Das Bannrecht war ein Zwangsrecht in verschiedenen Gewerben, das den Auftraggeber in festgelegten Gebieten zwang, seinen Auftrag an bestimmte Betriebe zu vergeben. Dieser „Kontrahierungszwang“ war aus der Feudalherrschaft entstanden. Der weltliche oder kirchliche Feudalherr sah sich auch als Aufseher über das Gewerbe und widersprach damit der Gewerbefreiheit und den Grundsätzen der Marktwirtschaft. Aus diesem Grund wurden die Bannrechte im 19. Jahrhundert abgeschafft. Das am meisten verbreitete Bannrecht war der Mühlenbann, bei dem die Einwohner verpflichtet waren, ihr Getreide ausschließlich bei der Bannmühle mahlen zu lassen. Der Weinkelterbann verpflichtete die Weinbauern einer Gegend, ihr Trauben auf der Bannkelter zu keltern oder wenigs­tens die festgesetzte Abgabe (Kelterwein) dafür zu entrichten.

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