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"Sterbekultur morgen macht mir Angst"

"Ab in die Kiste und weg": Unter diesem provokativen Titel ging es in der sechsten Schlossgala des Fördervereins Diakonie & Gemeinde um Sterbekultur gestern, heute und morgen. Als Mitveranstalter fungierten die Arbeitsgemeinschaft Hospiz, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert, sowie die Diakonische Bezirksstelle.

ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM Sterben und Tod sind allgegenwärtig. Gesprochen wird über den Komplex allerdings nur wenig. Mit der Absicht, das Tabu zu brechen, rückten die Organisatoren der Schlossgala nach einer Reihe anderer gesellschaftspolitischer Themen die Sterbekultur in den Blick. "Der Hospiz-Bewegung ist es zu verdanken, dass über das Sterben wieder geredet wird, dass es wahrgenommen wird und dass man sich auf eine Diskussion einlässt", sagte Martin Ludwig, Vorsitzender des Fördervereins "Diakonie & Gemeinde" in seiner Begrüßung. Der Förderverein sei gegründet worden, um die diakonische Arbeit im Kirchenbezirk trotz weniger werdender Finanzen ohne Einschränkung fortsetzen zu können. "Wenn wir den Verein nicht hätten, spätestens jetzt müsste er gegründet werden."

Der Sozialamtsleiter der Stadt Kirchheim richtete in Vertretung von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ein Grußwort an die geladenen Gäste, griff den Titel des Abends auf und stellte die eher rhetorischen Fragen: "Gab es je eine Zeit, in der Sterben so weit vom Leben entfernt war wie heute?" Und: "Haben wir überhaupt noch einen Platz zum Sterben in der Gesellschaft?" Notwendig sei eine neue Dimension der Mitmenschlichkeit, so das Credo Böhringers. "Hospizgruppen gehören mit zu dieser neuen Dimension." Die Stadt sei mit der Sterbekultur stärker verbunden als angenommen, Zeugnis davon gäben das Bestattungswesen und die Friedhöfe. Böhringer rief die Diskussion um die Wiederbelegung des Alten Friedhofs in der Stadtmitte in Erinnerung und riss auch die Problematik der Kosten an. "Die Frage ist immer auch, wie viel kann den Hinterbliebenen zugemutet werden?" Dass der monetäre Gedanke zunehmend eine Rolle spiele, zeige sich unter anderem an der wachsenden Zahl an Feuerbestattungen, die inzwischen rund die Hälfte aller Bestattungen ausmachten, während sie früher die Ausnahme darstellten. Der Sozialamtschef ging auch auf den Beitrag des Bestattungswesens zur Integrationspolitik ein: "Wir ermöglichen muslimischen Bürgern, ihre Angehörigen dort zu begraben, wo sie lange gelebt haben." In Anlehnung an den Titel der Gala und im Hinblick auf den Veranstaltungsort, der früher als Sitz der herzoglichen Witwen diente, meinte Böhringer flapsig: "Vielleicht hieß es damals `ab nach Kirchheim und weg".

In mehrfacher Funktion an dem Abend beteiligt, betonte Dekan Hartmut Ellinger: "Kulturgeschichtlich betrachtet ist das Sterben heute auch emotional aus der Mitte an den Rand gedrängt worden." Der Begriff des Obszönen habe sich gar vom Bereich des Sexuellen auf den des Sterbens verlagert. "Weil das Sterben aber zum Leben gehört, ist es wichtig, darüber zu sprechen."

Sterbekultur gestern rückte Andreas Haussmann mit dem Grimmschen Märchen "Gevatter Tod" in den Blick. Der Tod erscheint darin personifiziert als einer, der die Unterschiede zwischen Armen und Reichen nivelliert. Gleichzeitig aber auch als Figur, die sich nicht um ihr "Eigentum" betrügen lässt auch nicht durch einen Arzt. Damit war elegant übergeleitet zum nächsten Block. Im Rahmen eines Interviews mit Dr. Christian Taut, Arzt in der onkologischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses Stuttgart, wurden Facetten der Sterbekultur heute unter die Lupe genommen. Taut berichtete von ganz unterschiedlichen Krankheitsverläufen bei Krebspatienten. Die Medizin unternehme alles, um Symptome wie Schmerzen und Luftnot zu lindern. Auch wenn es auf das Ende zugeht: "Wir hören nie auf zu behandeln." Das Stichwort der Palliativ-Care aufgreifend wies Taut darauf hin, dass die rein medizinische Behandlung nicht ausreiche. Notwendig seien andere Berufsgruppen, die sich auch um das Befinden des Patienten kümmern.

"Was ich gefunden, gelesen, gesehen habe zum Thema Sterbekultur morgen macht mir Angst". Der Teologe und Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, Joachim L. Beck, hatte sich dem Thema via Science Fictions genähert. Drei verschiedene Tendenzen machte er aus: Zum einen werde das Sterben herbeigeführt eine "schöne Inszenierung". "Dass Sterben auch Loslassen und Trauer bedeutet ist nicht mehr da", monierte Beck. "Wirf die Pille ein und es geht dir gut", so die Lösung, wie sie in Aldous Huxleys gesellschaftskritischem Roman "Brave new world" dargestellt wird. "Zunehmend werden Menschen aber auch elendig leiden, wenn sie sterben", so eine zweite von Beck gezeichnete Linie. Der Blick in die Krankenhäuser und Heime, in die Wohnungen und unter die Brücken ließ den Theologen zu diesem Ergebnis kommen. Und das nicht, weil es die Medizin nicht anders könnte, sondern weil die Kluft in der Gesellschaft zwischen denen, die es sich leisten können und den Habenichtsen auseinandergehen werde. Zum Dritten entwickelten sich immer neue Berufsbilder und Angebote: Sterbebegleiter, die zum "guten Sterben" helfen wollen, "die angeblich wissen, wie ich sterben soll da gefriert mir das Lachen." Becks Referat mündete in der Erkenntnis: "Wir brauchen jemanden, der unseren Weg begleitet, keinen, der vorangeht, aber Menschen, die mitgehen."

Der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Eberhard Haussmann nutzte das Forum, um drei Menschen zu danken, die vor zehn Jahren erkannten, dass gehandelt werden muss und die Arbeitsgemeinschaft Hospiz ins Leben riefen: Elisabeth Mögelin, Martin Maier und Christoph Hermann.

"Whisper not" "Unterhalten Sie sich über das, was Sie bewegt", lautete schließlich der Aufruf von "Jazz and More", der Gruppe, die den Abend musikalisch umrahmt hatte. An Stoff zum Reden fehlte es nach einer solchen Veranstaltung wahrlich nicht.