Lokales

Stopps bei "Investitionen, die keiner bemerkt"



IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Oberbürgermeisterin hatte den Business-Anzug gegen Shorts und Top getauscht. Mit knallrotem Proviantrucksack "bewaffnet" hieß sie die bunte Schar aus rund 30 Bürger willkommen. Diese zeigten sich radbegeistert und kommunalpolitisch interessiert. Sie hatten sich nicht etwa nachmittägliches Hitzefrei gegeben, sondern traten lieber zur lehrreichen Kirchheim-Tour an. Eine "gemütliche" Radrunde stellte ihnen Angelika Matt-Heidecker in Aussicht und hielt ihr Versprechen: Die Tour diente weniger dem Ehrgeiz durchtrainierter Sportskanonen, dafür sprach sie verstärkt die Damenwelt unter den Hobby-Pedaleuren an.



Wenn auch die Strecke eher leicht war, so war es beileibe keine leichte Kost, die die Rathauschefin ihren Mitradlern offenbarte. In sengender Sonne, aber im Schatten der Haushaltsvorbereitung ging es stets um eines: ums Geld. "Wo wird investiert, und keiner sieht's", lautete der wichtigste Aspekt, den Matt-Heidecker verdeutlichen wollte. Dazu gehören zahlreiche Sanierungsmaßnahmen, vor allem im Bereich des Kanalsystems. Immer wieder stoppte die Gruppe, um sich Investitionen vergegenwärtigen zu lassen, die von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet quasi unterm Asphalt verschwinden.



Zwar durchweg unter dem Blickwinkel anfallender Kosten, aber dennoch mit Herz und persönlicher Verbundenheit leitete die Oberbürgermeisterin den Tross aus funkelnden Stahlrössern durch die Stadt. Haltepunkt eins war die Herdfeldbrücke beim Finanzamt - "für mich eine der schönsten der hundert Brücken Kirchheims", wie Matt-Heidecker bekannte. Begeistert machte sie die Mitradelnden auf die hübschen Ausblicke von der Brücke aufmerksam, und riss sie sogleich unsanft aus allen Tagträumen: Die Sanierung des Bauwerks soll stolze 285 000 Euro verschlingen.



Die sechsstelligen Beträge purzelten nur so auf der Runde von Kirchheim über Ötlingen und Lindorf wieder nach Kirchheim. Sei's bei der Neukonzeption des Ziegelwasens, der 144 Parkplätze bietet, bei der Vorleistung der Stadt für die Erschließung des Baugebiets Ötlinger Halde II oder beim Lehrerzimmeranbau an der Ötlinger Mörike-Schule.



Um Millionensummen geht es gar bei Maßnahmen wie der Brandschutzsanierung an der Freihofrealschule, der Bahnhofsplatzgestaltung, der Sanierung der Boschstraße oder auch der Eduard-Mörike-Halle in Ötlingen. "Ich werde sie nach der Tour fragen, wo wir sparen sollen", meinte die Oberbürgermeisterin lakonisch. Angesichts leerer Kassen machte sie keinen Hehl daraus, dass viele Projekte wohl weiter Wunschvorstellungen bleiben müssten oder allenfalls in abgespeckter Form Chancen auf Realisierung haben.



Natürlich kamen in der geselligen Radlerrunde, die zum großen Teil aus Bürgerbüro-Radlern bestand, nicht nur bauliche, sondern auch gesellschaftliche Probleme aufs Tapet. So zum Beispiel im Angesicht des Au-Kindergartens, in dem ein Sprachhilfe-Programm nicht nur ausländischen Kindern, sondern auch deutschem Nachwuchs die Sprache nahebringen soll. In Kleingruppen wird dort eine Art Konversation betrieben, um fehlende Kommunikation im Elternhaus auszugleichen. Dafür gibt es Landesgelder, jedoch steigt das Land nach drei Jahren aus der Finanzierung aus. "Wir haben keine Wahl, wie müssen das machen", meinte Matt-Heidecker unter Verweis auf die PISA-Studie.



Auf der Radtour ging es beileibe nicht nur um Faktenwissen, angesagt war auch Genussradeln. So zum Beispiel entlang der merklich kühlenden Lauter oder aber auf der Höhe zwischen Kirchheim und Lindorf, wo nicht nur der Blick zur Teck die Anstrengung belohnte, sondern auch ein erfrischender Wind blies. Ganz ohne Befahren verkehrsreicher Straßen kamen die Radler jedoch nicht aus. "Auch das ist charakteristisch für Kirchheim", räumte Matt-Heidecker ein und plädierte für farblich abgehobene Radstreifen, um wenigstens ein Mindestmaß an Sicherheit für die Pedaleure zu erreichen. Auch die raderfahrenen Tourteilnehmer lobten einerseits die einladenden Radwege durch die Teckstadt, kritisierten andererseits aber die mangelnde Vernetzung derselben.



Nach knapp 20 Kilometern waren die mitgeführten Flüssigkeitsvorräte restlos geleert und die kommunalpolitischen Wissensspeicher prall gefüllt. Wohlbehalten trafen die Drahteselreiter zum Abschlusshock im Teckkeller ein. Unter schattenspen-denden Kastanien ließ sich noch trefflich über Sparpotenziale fachsimpeln oder einfach die Vorfreude auf weitere bildende Reisen in diesem oder einem anderen Sommer auskosten.

Radtour mit vielen Facetten: Infos im Angesicht der Freihof-Realschule, Erfrischung im Lindorfer Brunnen.