Lokales

Streifzug durch die "rauhe Alb"

MÜNSINGEN "Man kann nur hinkommen, wenn man nichts weiß. Etwa: Einen Pfingststrauß pflücken . . ." So beginnt Margarete Hannsmanns 1968 geschriebener Begleittext zu dem Alb-Liebesbuch "Grob, fein & göttlich", das sie gemeinsam mit dem Holzschneider HAP Grieshaber herausgegeben hat.

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Nach Gruorn, dem zerschossenen, ausgesiedelten Dorf, machten sich rund 30 Wanderer auf, darunter etliche aus Kirchheim und dem Lenninger Tal. Günter Randecker, Vorsitzender des Wilhelm-und-Louise-Zimmermann-Geschichtsvereins, hatte eingeladen, im Jahr eins nach Auflösung des Münsinger Truppenübungsplatzes einen alten, vor 70 Jahren aus der Landkarte gestrichenen Wanderweg von Aglishardt nach Gruorn wieder aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken.

Im "Times Atlas of the World" heißt der Fleck Erde zwischen Römerstein und Münsingen, wo einst das blühende Albdorf Gruorn stand, nach wie vor "Rauhe Alb", wie vor 1933.

Im Hofgut Aglishardt, das heute zur Tessinschen Gutsverwaltung gehört, erläuterte der "Rauhe-Alb-Wanderführer" Günter Randecker die wechselvolle Geschichte. So verkaufte das Herzogtum Württemberg 1620 Aglishardt an die Gemeinde Böhringen für 12 000 Gulden. Kriegs- und Pestzeiten überlebten von den 600 Böhringern nur sechs Prozent, die die Restschuld von 6 000 Gulden nicht tilgen konnten. So ging ganz Aglishardt wieder an Württemberg zurück, ohne dass von der bereits gezahlten Summe auch nur ein Kreuzer zurückerstattet wurde. Heute präsentiert sich Aglishardt fast menschenleer.

Die "Rauhe-Alb-Wanderung" führte weiter über die erst vor wenigen Jahrzehnten gebaute ehemalige Panzerringstraße, durch das Bruck- und Katzental nach Gruorn, wo durch eine Bürgerinitiative Stephanuskirche und Schulhaus gerettet werden konnten.

"Was geht's uns an, es ist nicht unser Dorf, wir sind hier nicht in die Schule gegangen, wir wurden hier nicht getauft, getraut; nicht unsere Leute liegen in diesen Gräbern . . . wir wollten nur einen Wiesenstrauß pflücken, verloren haben wir höchstens, was Heimat ist" Worte der hochbetagten, in Stuttgart lebenden Schriftstellerin Margarete Hannsmann über dieses Dorf, das in Deutschland liegt, das kein Dorf mehr ist, aber dennoch weiterlebt.

Günter Randecker zeigte in der Gruorner Kirche auf, was alles aus diesem alten Gotteshaus verschwunden, das heißt "entliehen" ist. Da ist zum Beispiel der 500 Jahre alte Taufstein, der in der Münsinger Martinskirche steht. Erhaben auf einem Schild verewigte sich der Meister mit seinem Zeichen und der Jahreszahl 1506. Der Steinmetz dieses markanten Teils der Stephanuskirche zugleich wohl der Erbauer des Chors gehörte einst zum engen Gehilfenkreis Peters von Koblenz, Baumeister in Diensten des württembergischen Grafen Eberhard im Barte. Dasselbe Steinmetzzeichen ist auch an Werksteinen des Weilheimer Chors zu finden.

Auch das spätgotische Gruorner Kruzifix ist von den Münsingern ausgeliehen worden. Allerdings wurde die Inschrift des Gruorner Stifters entfernt: "1692 Hat Christian Brüstle Kastenpfleger dahier dieses gestiftet zum Gedächtniß". Weiteres Leihgut: Heiligenfiguren und eine alte Glocke. Wertvollstes Schmuckstück der Kirche war einst das Fresko "Das jüngste Gericht" von 1380.

Zum Schluss zitierte Günter Randecker noch einmal Margarete Hannsmann aus dem Jahr 1968: "Die Sonne scheint, laß uns nach Gruorn fahren!" Ihr Begleiter HAP Grieshaber schnitt die Gruorner Begegnung in Holz. Seine Worte von damals sind auch heute noch aktuell: "Grab den Tag in dein Gedächtnis ein, es kommt eine Zeit, in der wir ihn brauchen."

kh