Lokales

"Streiter für Sozialgerechtigkeit"

Als sich 1946 eine Handvoll engagierter Männer und Frauen zusammentaten, um den Opfern des Krieges beizustehen, war dies die Geburtsstunde eines Sozialverbandes, der heute als der bedeutendste in ganz Deutschland zählt: dem VdK. Seit nunmehr sechs Jahrzehnten setzen sich Ehrenamtliche auch im Kreisverband Nürtingen für jene ein, die in schwierigen Lebenssituationen stehen. Bei einer Feierstunde in Bempflingen wurde dieser Einsatz gewürdigt.

NICOLE MOHN

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BEMPFLINGEN 60 Jahre, eigentlich ist das ja "nur" ein "Zwischenjubiläum", wie es der Erste Landesbeamte des Kreises Esslingen, Matthias Berg ausdrückte. Im Fall des VdK-Kreisverbandes Nürtingen aber auf jeden Fall ein großer Grund zum Feiern, betonte der Vizelandrat. Denn seit sechs Jahrzehnten stünden die drei kleinen Buchstaben VdK von Nürtingen bis ins Lenninger Tal hinein für ein großes ehrenamtliches Engagement für die Schwachen und Benachteiligten. Als Interessenvertretung für die Opfer des Zweiten Weltkrieges verstand sich der VdK damals: Weniger die politische Arbeit als die praktische Hilfe habe damals im Vordergrund gestanden, erinnert Berg. "Es ging darum, die Ansprüche der Verwundeten und Versehrten, der Witwen und Waisen gegenüber den Verwaltungen durchzusetzen", so der stellvertretende Kreischef.

Längst ist der Sozialverband aber auch in der Politik zu einer wichtigen Stimme geworden, der die Menschen durch den Sozialrechtsdschungel geleite. Ein Verband, der nach wie vor das Ohr und das Herz an der Basis habe und bei der Politik im fernen Berlin dafür sorge, dass das, was benötigt werde, auch umgesetzt wird. "Sie sind im positiven Sinne des Wortes ein Streiter für Sozialgerechtigkeit", würdigte Berg die Arbeit des VdK.

Der Grundgedanke der Solidarität ziehe sich durch 60 Jahre VdK, sprach auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Arnold dem Verband Respekt aus. Eine Idee, die auch heute und morgen weiter gebraucht werde, ist der Sozialdemokrat, der auch im Namen seines CDU-Kollegen Michael Hennrich das Grußwort sprach, überzeugt. So lägen vor dem Verband neue wichtige Aufgaben beim Umbau der Sozialsysteme und der Pflegeversicherung, betonte Arnold.

Die sieht auch der CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Döpper für den VdK. Vor allem die lang anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und die demografische Entwicklung seien es, bei der das Wissen und der Einsatz des VdK gefragt sind. Ziel müsse es sein, den Sozialstaat für künftige Generationen zu erhalten und weiterzuentwickeln, erklärte Döpper, der zudem für seinen Landtagskollegen Winfried Kretschmann (Grüne) sprach. Der VdK helfe dabei, dass das Land auch für benachteiligte Menschen lebens- und liebenswert bleibe.

Der VdK stehe mit seiner Arbeit in bester Tradition des heiligen Martin von Tours, fand Theo Sauer, der im Namen des Landesverbandes Baden-Württemberg gratulierte. "Er hat nicht erst Verteilungsgerechtigkeit studiert, sondern seinen Mantel geteilt, die Hälfte dem Bettler gegeben und diesen damit vor dem Erfrieren gerettet", so der Festredner über die Anfänge des Sozialverbandes, der heute 1,4 Millionen Mitglieder zählt.

Viele der sozialpolitischen Regelungen wie die dynamische Rente, die heute als selbstverständlich erachtet werden, hat die Organisation in den sechs Jahrzehnten erstritten Erreichtes, das es nun zu verteidigen gelte. Denn was als Umbau des Sozialstaates verkauft werde, stelle aus seiner Sicht einen "Teilabbruch" dar, betonte Sauer und kritisierte den neoliberalen Trend vehement. Statements, wie Alten keine neuen Hüftgelenke mehr bezahlen zu wollen, Forderungen nach Kürzungen bei Renten, medizinischen und pflegerischen Leistungen das hält Sauer für keinen guten Weg: "Wer dem Ruf nach ungehindertem Sozialabbau folgt, setzt den sozialen Frieden aufs Spiel und gefährdet damit den Wirtschaftsstandort Deutschland." Stattdessen forderte er sozial gerechte, ausgewogene und nachhaltige Reformen.

Die plump und grob verkrusteten Strukturen im Land müssten unter die Lupe genommen werden. "Warum geht man nicht entschieden gegen den Missbrauch staatlicher Leistungen vor?" fragte er. Dazu zählt er nicht nur Sozialmissbrauch und Mitnahmeeffekte, die es einzugrenzen gelte ohne jenen Hilfe zu verwähren, die sich nicht selbst helfen können. "Steuerhinterziehung ist kein Deut besser", so Sauer. "Es mangelt nicht an pragmatischen und finanzierbaren Konzepten, sondern am politischen Mut, die Reformen gegen enorme Widerstände derjenigen durchzusetzen, denen es an nichts mangelt", sieht er für die Zukunft genügend Streitthemen, zu denen sich der VdK laut zu Wort melden müsse.

Die feierliche Stunde nutzte Klaus Maschek, um Männer und Frauen der ersten Stunde zu ehren. Der Kreisvorsitzende dankte für sechs Jahrzehnte Treue zum Sozialverband den Abwesenden Paul Berger und Helene Fischer aus Kirchheim, Hans Steudle und Wilhelm Blankenhorn aus dem Lenninger Tal, den Nürtinger Mitgliedern Hedwig Früh und Alois Ender, Karl Büttner aus Weilheim, Reinhold Scharpf aus Oberboihingen sowie Willy Schäfer aus Wendlingen. Persönlich gratulieren konnte er Walter Neuhäuser aus Dettingen, der beim Festakt das goldene Ehrenzeichen mit Stern entgegennehmen durfte.