Lokales

Streitpunkt Baumwipfelpfad

Für die einen eine einmalige touristische Chance – Für die anderen Kommerz auf Kosten der Natur

Was Göppingens Landrat und Wiesensteigs Bürgermeister als Chance für Kreis und Stadt bejubeln, lehnt das neu gegründete Aktionsbündnis als kapitalen Eingriff in die Landschaft ab: den geplanten Baumwipfelpfad zwischen Wiesensteig und Neidlingen.

Blick vom Reußensteinhof über die Straße zum Feldkopf (am Horizont) mit dem ¿Bronnenwald¿. Dort soll der Baumwipfelpfad auf eine
Blick vom Reußensteinhof über die Straße zum Feldkopf (am Horizont) mit dem ¿Bronnenwald¿. Dort soll der Baumwipfelpfad auf einer Länge von 1,3 Kilometern entstehen.Foto: Jörg Bächle

Neidlingen/Wiesensteig. Der Land­kreis Göppingen lässt zurzeit ein Tourismuskonzept erarbeiten, das als Handlungsempfehlung für Politiker und Wirtschaft gedacht ist. Dabei sind pfiffige Ideen gefragt. Dazu gehört für den Göppinger Landrat Edgar Wolff und für Wiesensteigs Bürgermeister Gebhard Tritschler der geplante Baumwipfelpfad zwischen Reußenstein und Wiesensteig im Gewann Brunnen. Beide sprechen von einer einmaligen Chance für den Tourismus im Göppinger Ländle.

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In das Projekt investieren will auf diesem Gebiet kein Unbekannter: die Erlebnis-Akademie Bad Kötzting. Sie verwirklichte bereits in Neuschönau im Bayrischen Wald sowie auf der Ostseeinsel Rügen ähnliche Projekte. In Neuschönau lockte der dortige Baumwipfelpfad gut eine halbe Million Besucher in anderthalb Jahren an.

Genau dies ist der Knackpunkt für die Gegner des Projekts, die sich in dem Aktionsbündnis „Baumwipfelpfad – nein danke“ formierten. „Wir waren in Neuschönau vor Ort“, berichtet Andreas Pohl, Leiter und Inhaber des Jagd- und Naturschulzent­rums in Wiesensteig. „Es war erschreckend – ein riesen Rummelplatz, bis zu 6 000 Besucher täglich“, schlägt der erklärte Gegner eines solchen Projekts die Hände überm Kopf zusammen. „Die Waldparkplätze im Gebiet Wiesensteig, Reußenstein, Bahn­höfle und Neidlinger Steige sind jetzt schon völlig überlastet.“ Und baue der Investor noch einen Gastro-Tempel dazu, reichten die geplanten Parkplätze „vorne und hinten nicht aus“, ist Pohl überzeugt. „Außerdem haben davon weder die Wiesensteiger noch die Neidlinger Wirte etwas“. Er befürchtet, dass bei schönem Wetter Pulks von Motorradfahrern die Neid­linger Steige als Rennstrecke benutzen und im Restaurant am Baumwipfelpfad kurz Boxenstopp machen.

Ähnliche Sorgen plagen Renate Rothfuß vom Reußensteinhof. Auch sie ist Gründungsmitglied des Aktionsbündnisses und hat mit einem Baumwipfelpfad nichts am Hut. „Das ist hier oben etliche Nummern zu groß und hat mit sanftem Tourismus nichts zu tun“, meint sie. Erstaunlich findet sie es, dass sich Naturschutzverbände wie der NABU oder BUND noch nicht zum geplanten Baumwipfelpfad äußerten. Dafür meldet sich Hubert Natter, privater Naturschützer und NABU-Mitglied aus Wiesensteig, umso deutlicher zu Wort. „Ich habe nichts gegen Tourismus und Natur. Aber dass man da droben die Perle des Bronnenwalds kaputt macht, das lassen wir uns nicht bieten.“

Der Nachbar im anderen Tal, Neidlingens Bürgermeister Rolf Kammerlander, verfolgt derweil mit In­teresse die Diskussion. Auch in seinem Gemeinderat ist das Thema virulent. Ob es denn stimme, dass das Restaurant und das Waldinformationszentrum abwassertechnisch an die Gemeinde Neidlingen angeschlossen werden sollen? „Das Thema Abwasser ist kein Thema“, sagte der Bürgermeister unserer Zeitung gegenüber. „Im Moment kann ich mir‘s nicht vorstellen“. Rolf Kammerlander wird auf jeden Fall am Mittwoch im Wiesensteiger Schloss hören, was der Investor des Baumwipfelpfads bei einer öffentlichen Bürgerversammlung zu sagen hat.