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Strenge Sitten herrschten einst im Klassenzimmer wie im Wannenbad

357 Jahre lang sind die Jesinger Kinder im Rathaus zur Schule gegangen. Im Frühjahr 1930 kam dann die entscheidende Veränderung: Die Schule bezog zum ersten Mal ein Gebäude, das hauptsächlich für Unterrichtszwecke erstellt worden war. Heute und morgen feiert die Grund- und Hauptschule deshalb ihren "75. Geburtstag" mit Musicalaufführung und Schulfest.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Etwas abseits von der belebten Verkehrsstraße inmitten herrlicher Obstbäume ist dem Schulhaus ein Platz eingeräumt worden, der, wenn auch am Rande der Ortschaft gelegen, doch als der weitaus geeignetste und zugleich billigste Bauplatz bezeichnet werden muss." Was der Teckbote im Oktober 1929 zum Richtfest des Jesinger Schulgebäudes schrieb, hat größtenteils auch heute noch seine Gültigkeit: Wenn auch die "belebte Verkehrsstraße" mittlerweile recht nahe am Pausenhof verbeiführt, so hat das Schulgelände im rückwärtigen Teil immer noch Grünflächen zu bieten, die ebenso groß wie idyllisch sind.

Wesentlich mehr hat sich in den vergangenen 75 Jahren an der Inneneinrichtung der Schule verändert, die 1929 noch folgendermaßen beschrieben worden war: "Im 1. Stock befinden sich drei große, lichte und für je 60 Schüler vorgesehene Schulräume und daneben noch ein weiterer, für Handarbeitszwecke bestimmter, etwas kleinerer Raum. Im Erdgeschoss zunächst 2 Vorhallen, eine aus 2 Räumen bestehende Haushaltungsschule, daneben ein Auskleideraum nebst Brausebad für die Schüler und auf der Nordseite mit besonderem Eingang 2 Wannenbäder und Brause für die Bürgerschaft."

Das Gemeindebad war bis etwa 1965 in Betrieb. Danach waren immer mehr Wohnhäuser mit eigenen Bädern versehen, sodass die Nachfrage nach einem Wannenbad im Schulhaus immer stärker nachließ. Zu Glanzzeiten muss der Andrang aber enorm groß gewesen sein. Die heutigen Sechstklässler haben sich während der vergangenen Projektwoche zum Thema "Der 75. Geburtstag" intensiv mit der Geschichte ihrer Schule befasst und ältere Jesinger Mitbürger befragt. Demnach haben im Wannenbad ähnlich strenge Sitten geherrscht wie im Klassenzimmer: Die Badezeit betrug zehn Minuten. Nach Ablauf dieser Zeit wurde unerbittlich an die Tür geklopft. Schließlich standen draußen die Badewilligen stundenlang Schlange.

Die Berichte über die frühere Strenge im Unterricht haben die Sechstklässler nachhaltig beeindruckt. Kopfnüsse und Tatzen waren für sie ebenso fremde Begriffe wie Schiefertafel und Griffel. Mit letzterem haben sie sich inzwischen jedoch angefreundet und auf einer der wenigen erhaltenen alten Schulbänke fleißig Texte aus alten Fibeln in Sütterlinschrift nachgeschrieben. Die Schulbank war auch Gegenstand eines "Streichs", von dem die Jesinger Schüler erfuhren: Ein Junge hatte die langen Zöpfe seiner Vordersitzerin mit der Rücklehne verknotet. Das Mädchen merkte davon allerdings so lange nichts, bis es aufgerufen wurde und ordnungsgemäß aufstehen wollte. Zwei Tatzen sorgten anschließend dafür, dass der "Streich" für den Jungen ebenso schmerzhaft endete wie für sein Opfer.

Auch im Elternhaus konnten schulische Strafen noch ihre Fortsetzung finden, wie die derzeitigen Sechstklässler erfuhren: Ein Schulschwänzer musste einmal zuhause eine Stunde lang auf einem Erbsensack sitzen. Ob es das war, was Oberregierungsrat Erb vom damaligen "Kultministerium" im Sinn hatte, als er in seiner Ansprache zur Einweihung des Schulgebäudes am 18. Mai 1930 forderte, "daß das Elternhaus mit der Schule Hand in Hand gehe und die Erziehung und Arbeit der Schule unterstütze", sei dahingestellt. Grundsätzlich aber wirkt diese Mahnung erstaunlich aktuell.

Überraschend aktuell klingt auch, was Schulrat Wankmüller vom Bezirksschulamt damals zur versammelten Festgemeinde sagte: "Unsere württembergischen Schulgemeinden befanden sich in ihrer Mehrzahl schon früher in keiner angenehmen finanziellen Lage. Heute vollends sind die allermeisten in schwerster Geldnot. Die Umlage steigt, die notwendigen Ausgaben erreichen ungeahnte Höhen, der Staat kann auch nicht mehr so helfen, wie es erwünscht wäre."

Dagegen sollte sich die 75 Jahre alte Aussage von Schultheiß Spanney, dass es gelungen sei, "die mißlichen Schulverhältnisse ein- für allemal endlich und gründlich abzustellen", nicht bewahrheiten. Der Teckbote vom 19. Mai 1930 zitiert weiter aus der Rede des Bürgermeisters: "Es darf als ein Glück bezeichnet werden, daß die vor wenigen Jahren noch aufgetauchten Vorschläge der Erstellung einer Schulbaracke nicht zur Verwirklichung kamen, denn dies wäre doch nur Stück- und Flickwerk gewesen und hätte sicherlich nie die Freude und Befriedigung bereitet, wie der heutige Bau, mit welchem nun auf viele Jahre hinaus weitestgehenden Ansprüchen genügt ist und der so als Markstein in der Geschichte des Schulwesens der Gemeinde Jesingen bezeichnet werden darf."

Spätestens mit dem Zustrom von Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es aber zunehmend enger im Jesinger Schulgebäude, das einst errichtet worden war, um für die bevorstehende Einführung des achten Volksschuljahres gerüstet zu sein. Bevor die Schule allerdings den notwendigen Erweiterungsbau erhielt, sollten noch etliche Jahre vergehen. Erst im Juli 1966 gab es dann die nächste Einweihung. Die Schule musste sich mit den neuen Gebäudeteilen auf das künftige neunte Pflichtschuljahr einstellen, von dem bei der Planung allerdings noch niemand etwas geahnt hatte. So zumindest schildert es der heutige Schulleiter Hans Gregor: "Der Anbau war kaum fertig, da wurde in Stuttgart die Hauptschule aus der Schublade gezogen. Der jetzige ,Mittelbau' war also von Anfang an zu klein, und außerdem fehlten die Fachräume."

Trotzdem stand zur Einweihung am 2. Juli 1966 im Teckboten folgende Einschätzung des Bürgermeisters Erwin Junginger zu lesen: "Die beiden Schulgebäude bieten, aus der Sicht der Gemeinde gesehen, ausreichend Platz für den Schulbetrieb in den nächsten Jahren, auch bei Einführung des 9. Pflichtschuljahres, und ermöglichen damit den Ausbau der Volksschule Jesingen als Vollanstalt. Selbst bei Einrichtung einer Hauptschule als Nachbarschaftsschule in Jesingen, zusammen mit den Gemeinden Holzmaden und Ohmden, ist der Raumbedarf bei den gegenwärtigen Schülerzahlen zunächst gewährleistet." Die Hauptschule kam tatsächlich nach Jesingen, und seit 1966 kommen deshalb auch die Ohmdener Hauptschüler in den Nachbarort, was Schulleiter Gregor zufolge bis heute für ein gutes Verhältnis zwischen Jesingern und Ohmdenern sorgt.

Bürgermeister Junginger sollte 1966 allerdings auch prophetische Fähigkeiten beweisen, als er schrieb: "Alle Anzeichen deuten aber darauf hin, daß es sich um einen vorläufigen Abschluß handelt, der die Verwirklichung eines weiteren Gebäudeteiles sozusagen in Fortsetzung des jetzigen Schulhausneubaues mit 8 10 Klassenräumen auf vorhandenem Schulareal ermöglichen läßt." Zu dieser "Fortsetzung" kam es dann aber erst Anfang der 90er-Jahre. Als 1994 der Neubau eingeweiht wurde, stand wieder ein neues Schuljahr unmittelbar bevor das zehnte der Werkrealschule.

Ein Wunsch, den die Schüler schon vor zehn Jahren hatten, ging nun rechtzeitig zur Feier des "75. Geburtstags" in Erfüllung: Diese Woche wurde im Hof zwischen Alt-, Mittel- und Neubau ein Kastanienbaum gepflanzt, den Optik Fielmann gespendet hat. Bevor die Schüler den Baum "begießen" durften, rief ihnen Rektor Hans Gregor zukunftsorientiert zu: "Ihr könnt dann bei den Jubiläumsfeiern zum 100- oder 125-jährigen Bestehen der Schule sehen, was aus dem Baum geworden ist."

Zunächst einmal geht es jedoch an der Jesinger Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule darum, das aktuelle Jubiläum zum 75-jährigen Bestehen des Altbaus zu feiern. Und wie bei den einstigen Erweiterungen der Pflichtschuljahre haben die Jesinger dabei wieder einmal die Zukunft der Bildungspolitik im Blick: Ein Teil der Ausstellungen zum Schulfest am morgigen Samstag befasst sich ausführlich mit den Veränderungen, die der neue Bildungsplan seit Anfang dieses Schuljahres bereits mit sich gebracht hat.

INFODie Jubiläumsfeierlichkeiten der Jesinger Schule beginnen am heutigen Freitag um 19 Uhr in der Gemeindehalle Jesingen mit der Aufführung des Musicals "Der Traumzauberbaum". Das Schulfest am morgigen Samstag wird um 11 Uhr eröffnet. Bis zum Abend stehen Tanz-, Musik- und Theatervorführungen auf dem Programm sowie verschiedene Ausstellungen in den Klassenzimmern. Am Nachmittag gibt es außerdem noch eine große Spielstraße.