Lokales

„Strukturen sind zu altmodisch und zu streng“

Umfrage in der Kirchheimer Innenstadt zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

Jahrzehntelang war das Thema tabu. Jetzt ist es in aller Munde: der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen in Einrichtungen der katholischen Kirche. Der Teckbote hat Passanten in der Kirchheimer Innenstadt gefragt, was sie über die Missbrauchsfälle denken, wie sie die Stellungnahme des Papstes dazu beurteilen und ob das Zölibat heute überhaupt noch zeitgemäß ist.

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Bianca Lütz-Holoch

Kirchheim. Für Jutta Oderinde steht fest: „Das Zölibat gehört abgeschafft.“ Zwar glaubt die 52-Jährige aus Ötlingen nicht, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern in katholischen Einrichtungen allein der Ehelosigkeit der Pfarrer zuzuschreiben ist. „Schließlich gibt es Missbrauch nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in evangelischen und anderen Einrichtungen“, sagt sie. Dennoch müsse die katholische Kirche ihre Strukturen überdenken. Jutta Oderinde selbst hat dem katholischen Glauben schon lange den Rücken gekehrt. „Ich bin vor 15 Jahren aus der Kirche ausgetreten“, erzählt sie. Grund war unter anderem deren Haltung zum Thema Abtreibung. Als sie später begann, als Familienpflegerin für die Diakonie zu arbeiten, trat sie in die evangelische Kirche ein. „Die ist viel offener“, sagt sie. Um Missbrauchsfällen in Zukunft entgegenzuwirken, wäre aus Sicht von Jutta Oderinde mehr Kontrolle nötig. „Man sollte besser auf die Kinder achten“, sagt sie. So sei es notwendig, offen mit den Kinder zu sprechen, sie zum Erzählen zu ermutigen und verstärkt Kinderpsychologen vor Ort in den Einrichtungen einzusetzen.

„Dass das Thema wieder auf die Tagesordnung gekommen ist, finde ich phänomenal“, freut sich Klaus Pesl. „Ich bin begeistert, dass man es jetzt aufarbeiten muss.“ Alles andere als erfreulich findet der 57-Jährige aus Lindorf jedoch, was sich in Einrichtungen der katholischen Kirche abgespielt hat. Es sei furchtbar und enttäuschend, dass sich ausgebildete Pfarrer und Jugendbetreuer an Minderjährigen vergangen haben: „Wem soll man denn sein Kind noch anvertrauen?“ Die Ursache ist seiner Ansicht nach in den veralteten, engen Strukturen der katholischen Kirche zu suchen: „Die sollten endlich an die heutige Zeit angepasst werden.“ Dass etwa katholische Pfarrer nicht heiraten dürfen, sei sicherlich ein Grund für die Probleme. Klaus Pesls Befürchtung ist jedoch, dass die bislang aufgedeckten Missbrauchsfälle nur die „Spitze des Eisbergs“ sind: „Da ist vieles noch gar nicht ans Tageslicht gekommen“, glaubt er.

„Das ist eine Sauerei“, findet Christine Schad aus Ötlingen klare Worte für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. „Man kann es gar nicht fassen, dass so viele Kinder über so viele Jahre hinweg sexuell missbraucht worden sind.“ Ob das allerdings mit dem Zölibat zusammenhängt oder nicht – da mag sich die 30-Jährige kein abschließendes Urteil bilden. Auf jeden Fall jedoch stört auch sie sich an den Strukturen der katholischen Kirche: „Zu altmodisch und zu streng“, findet sie. Den Hirtenbrief des Papstes, in dem sich das Kirchenoberhaupt explizit nur auf die Fälle in Irland bezieht, hält sie für nicht weitgehend genug: „Da müsste noch mehr kommen.“

Theresia Kammermeier sieht die nun aufgedeckten Missbrauchsfälle, die ja schon einige Jahrzehnte zurückliegen, nicht nur als ein kirchliches Phänomen, sondern auch als ein Phänomen dieser Zeit. „Kinder waren damals noch nicht so viel wert wie heute“, glaubt sie. Zudem seien früher noch viel mehr Einrichtungen als heute in kirchlicher Hand gewesen. Sie selbst erinnert sich noch an eine Zeit, die sie in ihrer Jugend wegen einer schweren Krankheit in Quarantäne verbringen musste. Damals sei sie zwar nicht sexuell missbraucht, wohl aber gequält worden. Nach Meinung der 61-jährigen Katholikin aus Aichtal ist es wichtig, dass die Kirchen den Missbrauch thematisieren. „Im Hirtenbrief hätte aber auch eine Entschuldigung drin sein sollen.“