Lokales

Suchtvorbeugung fängt im Kindergarten an

Was wie eine Weiterbildungsveranstaltung begann, entwickelte sich rasch fort vom Frontalunterricht zum intensiven Gedankenaustausch über ein wichtiges Thema. Auch wenn eigentlich vor allem die illegale Hanfdroge "Cannabis" im Mittelpunkt stehen sollte, wurde doch ein viel umfasssenderes Feld beackert und beredt belegt, dass auf diesem Gebiet tatsächlich großer Informations- und Gesprächsbedarf besteht.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Da das Thema Drogen auch in Ötlingen zunehmend Eltern, Lehrer und andere im pädagogischen Bereich tätige Personen beschäftigt, war zu einem Informationsabend in das Evangelische Gemeindehaus geladen worden. Der Besuch zeigte, dass tatsächlich sehr großes Interesse besteht, sich mit dieser Thematik intensiv auseinanderzusetzen. Ganz bewusst lag der Schwerpunkt bei der Problematik des Konsums der Cannabis-Produkte Haschisch und Marihuana, da das "Kiffen" als erschwingliche Modedroge immer weitere Kreise zieht.

Mit großer Sorge wird dabei beobachtet, dass sich diese illegalen Hanfprodukte unter Kindern und Jugendlichen nicht nur immer stärker zu verbreiten scheinen, sondern auch das Einstiegsalter weiter sinkt. Der von Teilen des Ötlinger Stadtteilarbeitskreises dringend gesehene Beratungsbedarf wurde durch den regen Besuch der Informationsveranstaltung im Evangelischen Gemeindehaus dann auch mehr als bestätigt.

Vertreter des Sozialen Dienstes der Stadt, der Jugend- und Drogenberatung des Landkreises Esslingen, der Ötlinger Schulen, der Kirchengemeinden, des Vereins Brückenhaus, der Gemeinwesenorientierten offenen Jugendarbeit der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Kirchheim (Go-JEG) und des Jugendmigrationsdienstes, die im Ötlinger Stadtteilarbeitskreis zusammenwirken, hatten an diesem Abend eine gute Gelegenheit, sich den vielen interessierten Besuchern vorzustellen und als mögliche Ansprechpartner bei individuellen Fragestellungen anzubieten.

Nach der Begrüßung durch Hermann Sommer vom Sozialen Dienst der Stadt direkt zuständig für Ötlingen und Lindorf hatten zunächst Holger Kiedaisch und sein Kollege Mario Walter die Bühne für sich, um das Thema "Cannabis" intensiv zu durchleuchten. Während die beiden Rauschgiftexperten auch in der anschließend sich entwickelnden lebhaften Diskussion vor allem die fatalen Folgen des Konsums illegaler Drogen aufzeigten und über leidvolle Erfahrungen aus ihrer täglichen Polizeiarbeit berichteten, war Christiane Heinze von der Jugend- und Drogenberatung des Landkreises Esslingen ganz besonders wichtig, die vielen Besucher vor allem für das Thema Prävention zu sensibilisieren.

Wichtiger, als Strategien dafür zu erarbeiten, was getan werden muss, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sei schließlich, dafür zu sorgen, dass es gar nicht so weit kommt. Eltern müssten Vorbilder sein und das, was sie von ihren Kindern fordern auch vorleben. Betont wurde auch, wie wichtig es ist, das Selbstwertgefühl der Kinder zu steigern, indem man ihnen Vertrauen schenkt und durch positive Rückmeldungen immer wieder Anerkennung ausdrückt. Für ganz wichtig sieht Christiane Heinze es an, Jugendlichen ihrem Alter entsprechend Verantwortung zu übertragen und ihnen nicht im rund um die Uhr geöffneten "Hotel Mama" wirklich jeden Stein aus dem Weg zu räumen.

"Suchtvorbeugung fängt schon im Kindergarten an", machte Christiane Heinze deutlich, dass eigentlich nicht früh genug mit der so genannten "Beziehungsarbeit" und den Bemühungen um ein intensives Beziehungsklima in der Familie begonnen werden kann. Aktiv zu sein und gemeinsam etwas erleben und unternehmen zu wollen, miteinander zu reden, offen zu sein und Interesse zu zeigen für die Welt der Kinder und Jugendlichen ist dabei ein entscheidender Erfolgsgarant, der in der Theorie sicher weit leichter zu verwirklichen ist als in der Praxis. Loslassen können, das betonte Christiane Heinze ist dabei möglicherweise genauso wichtig, wie Halt zu geben. Dass sie freilich keine Patentrezepte geben könne, musste sie bei der Veranstaltung bedauernd einräumen.

Jede Familie oder Lebensgemeinschaft muss dabei ihren eigenen Weg finden und vor allem auch klar und konsequent definieren. Nur feste Grenzen können eine verlässliche Orientierungshilfe für alle Beteiligten geben, wobei einige wenige aber fest vereinbarte Regeln sicher einem zu umfassenden "Verhaltens-Katalog" klar vorzuziehen seien.

"Hinschauen statt wegsehen" war ein weiterer, ungemein wichtiger Punkt, der ebenfalls viel Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander voraussetzt. Wer sich nie allzu intensiv darum gekümmert hat, wie und mit wem ein Kind seine Freizeit verbringt, setzt sich schließlich schnell dem Verdacht aus, das Kind bespitzeln zu wollen, wenn erst in einer Konfliktsituation plötzlich Fragen gestellt werden und Interesse am Wohlergehen des Kindes erkennbar wird.

Nichts zu vertuschen, sondern Auffälligkeiten ernst nehmen, nicht gleich in Panik und Hysterie zu verfallen, sondern gegebenenfalls mit Vertrauenspersonen über die gemachten Wahrnehmun gen zu reden oder auch die Angebote professioneller Beratungsstellen anzunehmen war ein Rat, der ernst gemeint war und auch ernst genommen wurde.

In der sich anschließenden und von Pfarrer Wilhelm Keller geführten Gesprächsrunde wechselten sich Statements zum Gehörten mit ganz konkreten und ganz persönlichen Fragen ab. Dass ein Mann, der sich vor 40 Jahren mit dem Thema "Cannabis" beschäftigte, offen mit einem jugendlichen Besucher auseinandersetzen konnte, der heute mit dieser Problematik konfrontiert ist, sprach sicher für die Qualität der Veranstaltung und für eine Atmosphäre des einander Ernstnehmens und des gegenseitigen Vertrauens.

Dass man im Gespräch bleiben und die begonnene Diskussion weiterführen muss, darüber waren sich wohl alle Anwesenden einig. Die facettenreiche Diskussion hatte schließlich auch gezeigt, dass sich die Sorgen und Ängste nicht auf das derzeit vielleicht ganz akute Thema "illegale Drogen" begrenzen lässt.

INFODie Jugend- und Drogenberatung des Landkreises Esslingen ist in der Marktstraße 48 in Kirchheim zu finden und unter der Rufnummer 0 70 21 / 97 04 30 zu erreichen. Geöffnet ist montags bis freitags von 9 bis 12 und donnerstags von 16 bis 19 Uhr. Der für Ötlingen und Lindorf zuständige Vertreter des Sozialen Dienstes der Stadt Kirchheim ist unter der Rufnummer 0 70 21 / 50 23 50 zu sprechen.