Lokales

Südafrika ganz ohne Klischees

Südafrikaner aus der ganzen Umgebung haben gestern in Dettingen gemeinsam Fußball geschaut

Dettingen. „Die Welt zu Gast bei Freunden“, hieß es noch vor vier Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Inzwischen

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Andreas Volz

ist die Welt zwar weitergewandert, aber dafür war gestern Südafrika zu Gast in Dettingen: ein lockerer Zusammenschluss von Südafrikanern, die in einem Umkreis von etwa 250 Kilometern rund um Stuttgart leben. 50 bis 60 von ihnen waren in den Garten am Alten Gemeindehaus in Dettingen gekommen, um sich gemeinsam das Eröffnungsspiel anzuschauen und um sich ein Stück Heimat in der Ferne zu schaffen. Begonnen hat es – wie jedes Länderspiel – mit der Nationalhymne: „Nkosi sikelel‘ iAfrika“ (Gott segne Afrika) schmetterten die Südafrikaner im Pfarrgarten lauthals in Xhosa/Zulu, bevor dann noch Strophen in Afrikaans und Englisch folgten.

So bunt gemischt wie die Farben ihrer Flagge sind auch die Menschen aus Südafrika, und natürlich lässt es sich nicht vermeiden, auch die Hautfarbe zu thematisieren. Schließlich war das Land über Jahrzehnte hinweg vor allem wegen des Apartheid-Systems bekannt. Shirley Kienberger kann das Thema nicht mehr hören. Gleichwohl nutzt sie die Gelegenheit, um Aufklärungsarbeit zu betreiben: „Wir sind alle eins, für uns spielen die Farben keine Rolle mehr. Man muss die Leute akzeptieren, wie sie sind.“ Es gebe außerdem nicht nur Schwarze und Weiße in Südafrika, sondern beispielsweise auch viele Inder. Und sie selbst? „Ich bin gar nicht schwarz, ich bin farbig“, sagt Shirley Kienberger.

Clare Kalinka, die ebenfalls mit einem Deutschen verheiratet und folglich „für die Liebe“ nach Deutschland gekommen ist, organisiert die lockeren Treffen der Südafrikaner. Was die Hautfarbendiskussion betrifft, pflichtet sie ihrer Landsmännin voll und ganz bei: „Ich bin nicht weiß, ich bin Afrikanerin. Und mein Wunsch ist es, dass uns die Leute nicht stigmatisieren.“ Davon abgesehen, findet sie die deutsche Berichterstattung über Südafrika aber nicht ganz so schlimm und freut sich über viele ausgewogene und objektive Beiträge. Was sie dagegen gar nicht mag, das sind die furchtbaren Verzerrungen in britischen Tabloids, in der Boulevard-Presse also. Aber dort können auch die Deutschen keinerlei Objektivität für sich in Anspruch nehmen.

Ein anderes Thema, das in der europäischen Presse eine große Rolle spielt, ist die Kriminalität in Südafrika. Shirley Kienbergers Mann Andreas, der 1983 zum ersten Mal nach Südafrika kam und dabei noch Zeuge von staatlichem Apartheidsterror wurde, widerspricht den stereotypen Vorwürfen energisch. Natürlich gebe es in den Townships viel Gewalt. Das komme von den Machtkämpfen rivalisierender Gruppen, zu denen vor allem Einwanderer aus nördlicheren Ländern gehörten. „Aber wenn man weiß, man soll dort nicht hin, dann geht man nicht hin.“ Und ansonsten könne man sich in südafrikanischen Städten so sicher fühlen wie in deutschen Städten, meint Andreas Kienberger und erwähnt beiläufig den Mord an einer Taxifahrerin am Bodensee. Wenn es nur diese Nachricht aus Deutschland gäbe, dann hätte auch die Bundesrepublik weltweit ein Imageproblem. Andreas Kienberger hat 14 Jahre in Kapstadt gewohnt, seit 2002 lebt die Familie in Öhringen im Hohenlohekreis. Aber dass sie eines Tages für immer nach Südafrika zurückkehren, das steht sowohl für Andreas als auch für Shirley Kienberger außer Frage.

Charles van der Merwe stammt aus der Hauptstadt Pretoria und lebt seit vier Jahren in Aichtal. Beim ges­trigen Fußballfest schwärmte er vom deutschen Bier: „Es gibt kein besseres.“ In Namibia werde ebenfalls Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut: „Deshalb schmeckt es auch gut und gibt keine Kopfschmerzen.“ Aber dann räumt auch Charles van der Merwe mit einem Klischee auf: Eine der weltgrößten Brauereien kommt nämlich ausgerechnet aus Südafrika – SAB.

Zu trinken gab es gestern in Dettingen außer deutschem Bier noch südafrikanischen Cider sowie etliche andere Spezialitäten, natürlich auch welche ohne Alkohol. Zu essen gab es importierte Naschsachen von „South African Goodies“ und im Anschluss an das Fußballspiel südafrikanische Köstlichkeiten. Zum Büfett haben alle Südafrikaner gemeinsam beigetragen. Zu dieser südafrikanischen „Großfamilie“ gehört auch Markus Eichler, Jugendreferent der evangelischen Kirchengemeinde in Dettingen, der das gemeinsame Fußballfest veranstaltet hat. Er ist mit einer Südafrikanerin verheiratet und hat ebenfalls schon einige Jahre lang im aktuellen WM-Gastgeberland gelebt.

Ach ja, der Fußball: Der wurde gestern auch geschaut. Und besonders als die Jungs von der südafrikanischen Nationalmannschaft – „Bafana Bafana“ – zu Beginn der zweiten Halbzeit in Führung gingen, entlud sich die Begeisterung in lang gezogenen „Laduma“-Schreien. Dass das Spiel letztlich unentschieden ausging, war für die Mexikaner sicher verdient und ging für die Südafrikaner wohl auch in Ordnung. Zum Spielbeginn hatte Charles van der Merwe übrigens auf ein 0:0 getippt. Sollten seine Tipps auch weiterhin die richtige Tendenz vorgeben, dann holen die Holländer den Titel.

Bis dahin würde es aber noch einen ganzen Monat dauern. Wer vorher noch einmal kurz nach Südafrika reisen will, hat dazu am morgigen Sonntag die Gelegenheit: Um 19 Uhr beginnt im Garten neben dem Gemeindehaus in Dettingen das südafrikanische Büfett, und um 20.30 Uhr folgt die Übertragung des Spiels Deutschland gegen Australien. Markus Eichler nimmt unter der Telefonnummer 01 75/5 28 64 22 oder per E-Mail an markus.eichler@fishmart.de Anmeldungen entgegen. Die Dettinger Stimmung von gestern lässt sich übrigens am Mittwoch in der Landesschau im dritten Fernsehprogramm noch einmal erleben, irgendwann zwischen 18.45 und 19.45 Uhr.