Lokales

Täglich hüpfen "Miss Honeyjar" seltsame Beuteltiere über den Weg

Die 19-jährige Kirchheimerin Anja Honegger ist in der australischen Wildnis angekommen (wie berichtet) und schildert nun auf der Jugendseite des Teckboten ihre ersten Eindrücke vom Leben im Outdoorcamp. Weitere Berichte aus dem "Busch" sollen in regelmäßigen Abständen folgen.

ANJA HONEGGER

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IRONBARK Die Zeit, die ich bisher hier in Australien verbracht habe, kommt mir viel länger vor als sie tatsächlich ist. Vor ziemlich genau einer Woche habe ich Deutschland verlassen, um das nächste halbe Jahr auf dem Outdoorcamp "Ironbark" in der australischen Wildnis zu leben und zu arbeiten. Innerhalb der wenigen Tage habe ich schon einiges erlebt, viel gearbeitet und eine Menge über das Abenteuerprogramm hier erfahren.

Momentan verbringen 52 Schüler im Alter von etwa 15 Jahren auf "Ironbark" fünf Wochen voller interessanter Outdoor-Aktivitäten und intensiver Arbeitseinsätze auf der Farm. Dieses Erziehungsprogramm ist für sie obligatorisch und Teil ihrer Schulausbildung an einer australischen, lutherischen Privatschule in Brisbane. Für mich ist es jedoch nach meinem Abitur ein halbes Jahr Arbeit auf freiwilliger Basis, um das faszinierende Land Australien zu entdecken. Genauso erhoffe ich mir jedoch viel Lebenspraxis und nützliche Erfahrungen, bevor ich dann in Deutschland mein Studium beginne.

Der Tag fängt hier um 5 Uhr mit einer Andacht an, die die Schüler selbst vorbereiten. Von 6 bis 8 Uhr und abends von 16 bis 18 Uhr sind "Jobs" zu erledigen. Zum einen sind die Kühe zu melken, die Stallungen der Schweine und Pferde auszumisten und Eier von den Hühnern einzusammeln. Zum anderen muss täglich Brot gebacken, Essen gekocht, Gebäude geputzt, der Wetterbericht abgerufen und der tägliche Wasserverbrauch jedes einzelnen Schülers berechnet werden.

Gleichzeitig ist immer die Hälfte der Gruppe mit dem allmorgendlichen oder allabendlichen Joggen an der Reihe, das von den meisten Teilnehmern regelrecht gehasst wird. Im Nachhinein sind sie jedoch immer sehr stolz auf sich. Das Leben hier ist für die Jugendlichen, die beinahe alle in der Millionenstadt Brisbane aufgewachsen sind, eine große Herausforderung. Ihre Unterkünfte sind sehr primitiv, und es herrscht striktes Verbot von Handys, Musik, Zeitschriften oder Fernsehern. Die einzige Kommunikation mit zuhause ist das Briefeschreiben, das sogar Pflicht ist.

Genauso streng wird die Kleiderordnung gehandhabt. Flip-Flops sind daher genauso tabu wie Spaghettitops. Gekocht wird ausschließlich mit Holzöfen, für die man erst im Wald kleine Ästchen suchen und Holz spalten muss. Selbst das warme Wasser zum Duschen muss vorher mit Feuer beheizt werden. Den Mitarbeitern geht es da schon um einiges besser, da sie ihre eigenenHäuser auf dem Campus haben. Meine Gastfamilie ist bestens mit Fernseher, Handy (obwohl man hier keinen Empfang hat), DVD-Player, Musikanlage, Computer mit Internetanschluss und Scanner, Waschmaschine, Elektroherd, Sandwichmaker (darf in keinem australischen Haushalt fehlen), Telefon und vielem mehr ausgestattet.

Doch um ehrlich zu sein, hatte ich in der letzten Woche keine einzige Minute Zeit, um irgendeine dieser modernen Annehmlichkeiten zu nutzen. Täglich gibt es neue Dinge zu tun. So werden die Jugendlichen (und ich!) zum Zäunestreichen, Hüttenbauen, Wegebetonieren, Kuchenbacken, Gartenbepflanzen, Unkrautjäten, Buttermachen und vielem mehr eingesetzt. Die Bedingungen mögen sich etwas hart anhören, doch die Teilnehmer werden mit einem sehr abenteuerlichen Outdoorprogramm belohnt und kommen so voll auf ihre Kosten.

Nach dem Frühstück stehen Pferdereiten, Trainingswanderungen, Kanufahren, Klettern und Abseilen, Schwimmen, Hochseilparcours oder Orientierungsläufe durch den Busch auf dem Programm. Bisher war ich bei einigen "Jobs" im Einsatz, wobei ich die ersten Wochen erst einmal mehr als Mitläuferin fungiere, bevor ich die gesamte Verantwortung eines Bereichs übertragen bekomme. Es wird wohl auch eine Weile für mich dauern, bis ich mich an die Arbeit hier gewöhnt habe. Gestern habe ich zum Beispiel Tiere gefüttert. Wenn einem 20 hungrige Schafe und 30 fette Ziegen hinterherrennen, weil man ihr Futter in der Hand hat, bekommt man es schon mal mit der Angst zu tun. Dafür macht das Füttern der vielen kleinen Bordercolliewelpen besonders Spaß.

Als Betreuerin auf der Zweitageswanderung der Mädchen durfte ich die atemberaubende Natur eines Nationalparks hautnah erleben. Das Land "Ironbarks" umfasst etwa 640 Hektar und besteht hauptsächlich aus Eukalyptuswald. Fast täglich hüpfen mir verschiedene Beuteltiere über den Weg, die auf den ersten Blick wirklich seltsam aussehen. Koalabären habe ich leider noch nicht gesehen, dafür aber die kleine Känguruart Wallaby. Es gibt also noch viele Kuriositäten zu entdecken.

Die Position einer Art Lehrerin einzunehmen, ist für mich jedoch sehr ungewohnt, da ich noch vor einem halben Jahr selbst in der Schülerposition war. Daher reagiere ich manchmal gar nicht, wenn ich mit "Miss Honegger" angesprochen werde. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass die Australier eine sehr lustige Art haben, alles Unbekannte in bekannte englische Wörter umzuwandeln. So bin ich hier "Miss Honeyjar" (zu deutsch "Fräulein Honigglas").

Erwähnenswert ist das gute Klima unter den 15 Mitarbeitern von "Ironbark". Ich wurde sofort herzlich in ihre Mitte aufgenommen und zu einigen Barbecues dem Lieblingssport der Australier eingeladen. Es ist nicht schwer, sich hier schnell zu Hause zu fühlen. Ein 15-Stunden-Arbeitstag ist zwar keine Seltenheit, doch die Erfahrungen, die ich hier machen darf, und der Spaß entlohnen die schwere körperliche Arbeit. Alles hier steht in krassem Kontrast zu meinem bisherigen Leben, und ich freue mich darauf, dieses facettenreiche Australien und seine Menschen kennen zu lernen.

Das Gefühl, morgens aufzustehen, bevor die brennende Sonne aufgeht, und mich mit meinem Cowboyhut auf den Weg zur Arbeit zu machen, ist unbeschreiblich. Ich bin sehr gespannt, was für Abenteuer mich im australischen Busch in den nächsten Monaten erwarten.