Lokales

Tätiges, tüchtiges Schaffen und viel Bewegung

Mit der Vielfalt der Bildungslandschaft haben sich Kirchheimer und Ortschafts- und Gemeinderäte am Wochenende auseinandergesetzt: Die Waldorfschule hatte zu einem Informationsrundgang durch ihre Räumlichkeiten in der Ötlinger Fabrikstraße geladen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Obwohl sich die Waldorfschule in vielerlei Punkten deutlich von staatlichen Schulen unterscheidet, gibt es auch einiges an Gemeinsamkeiten aufzuweisen. So wurden Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und diverse Ratsmitglieder unter anderem durch Räume für den Unterricht an Computern oder in naturwissenschaftlichen Fächern geführt, die an jeder anderen Schule auch stehen könnten von Grundrissen, Baumaterialien und Farbgebung einmal abgesehen. Selbst die Schulküche dient nicht mehr so sehr als Unterscheidungsmerkmal, seit die staatlichen Bildungseinrichtungen dabei sind, in punkto Mensa aufzuholen. Außerdem lassen sich in Ötlingen mittlerweile dieselben Abschlüsse erwerben wie an jeder anderen Schule: Die jetzige 13. Klasse ist die erste, die an der Kirchheimer Waldorfschule das Abitur ablegen wird.

Große Unterschiede ergeben sich allerdings aus dem Stellenwert, den Kunst und Handwerk an der Waldorfschule einnehmen. "Tätiges, tüchtiges Schaffen" nannte Werner Ehringfeld Lehrer und Vorstandsmitglied der Freien Waldorfschule Kirchheim als eine der Grundsäulen der Erziehung. Neben dem "klassischen" Werkunterricht, in dem geschnitzt, gehobelt, gesägt und gehämmert wird, kümmern sich die Erben Rudolf Steiners auch intensiv um alte Handwerkstechniken aus dem häuslichen Bereich, die anderswo allenfalls noch in der Museumspädagogik künstlich am Leben erhalten werden: Spinnen und Weben.

Dass gerade diese alten Beschäftigungen, die im Alltag schon längst durch maschinelle Fertigung abgelöst sind, trotzdem voll und ganz den pädagogischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen, machte Werner Ehringfeld während der Besichtigung deutlich: "Die Schüler müssen dabei Hände und Füße koordinieren, und zwar rechts und links. Dadurch bilden sich Synapsen, die in der Hirnforschung als besonders wichtig gelten."

Bewegung in festen Abläufen spielt in der Waldorf-Pädagogik ohnehin eine entscheidende Rolle, und das nicht nur im Eurythmieunterricht. "Unser Kultusminister Helmut Rau hat kürzlich Laufdiktate empfohlen, damit sich die Schüler mehr bewegen", sagt Werner Ehringfeld und fügt hinzu: "Bei uns gehört Bewegung schon ab der ersten Klasse zum Konzept. Klettern, Balancieren, Rhythmik, Tanzen, Singen das alles macht Kinder erst richtig lernfähig."

Das "bewegliche Klassenzimmer" der Erstklässler weist daher auch keine "richtigen" Tische mehr auf. Bänke dienen gleich in mehreren Funktionen: Sie sind nicht nur zum Sitzen da, sondern nach verschiedenen Drehungen auch zum Balancieren oder als Tisch zum Schreiben. Die Kinder sitzen dann bequem auf Kissen. Außerdem lassen sich die Bänke schnell wegräumen und problemlos stapeln. Im Klassenzimmer gibt es somit ohne langwierige Umbauten genügend Platz für Bewegung.

Kern- und Prunkstück des Schulgebäudes ist die Bühne, die für alle möglichen künstlerischen Aufführungen geeignet ist. Auch Künstler von außerhalb treten dort gerne auf, sei es die Musikschule oder die Württembergische Landesbühne Esslingen im Rahmen von Schulvorführungen. Die Bühne ist doppelt bespielbar, zum geschlossenen Zuschauerraum hin der Platz für bis zu 400 Schüler bietet ebenso wie zum "Marktplatz" hin, der einen weiteren zentralen Punkt der Schularchitektur darstellt: "Hier findet das Leben statt", beschrieb Werner Ehringfeld den schulischen Alltag.

Ein ganz wesentlicher Unterschied zu staatlichen Schulen besteht übrigens in der fehlenden strengen Hierarchie. So gibt es keinen Rektor, der nach innen weisungsbefugt ist oder die Schule nach außen vertritt. Alle Entscheidungen werden in Sitzungen unterschiedlicher Gruppen und Ausschüsse getroffen, wobei Eltern und Lehrer gemeinsam an einem Tisch sitzen. Das geht bis hin zur architektonischen Gestaltung. "Die Ideen, die hier verwirklicht sind, stammen alle aus der Schulgemeinschaft", erzählte Werner Ehringfeld. Knut Dikomey, der Geschäftsführer der Genossenschaft, nannte die Vorteile privater Bauherrschaft: "Wir haben Kosten von etwa 1 300 Euro pro Quadratmeter, beim Staat sind es dagegen 2 400 Euro. Das liegt in erster Linie daran, dass wir anders verhandeln können als öffentliche Bauträger." Zum anderen liege es natürlich an den Einsparungen durch Eigenleistung. Werner Ehringfeld sieht den Schulbau als "soziales Abenteuer", bei dem eins und eins längst nicht mehr zwei ergebe, sondern sehr viel mehr nicht zuletzt auch eine "echte Schulgemeinschaft".

In diesem Sinne kann die Gemeinschaft in den kommenden Jahren noch weiter zusammenwachsen: In der Fabrikstraße soll bis 2010/2011 eine Turnhalle gebaut werden, um die herum Werkräume anzusiedeln sind. Die Waldorfschule will somit der akuten Raumnot begegnen. Die Verantwortlichen nutzen die Gelegenheit, Mandatsträger vor Ort zu haben, und warben für das Prinzip "halbe Kosten, halbe Nutzung". Dass dieses Werben erfolgreich sein könnte, war jedoch am Samstag noch nicht wirklich absehbar.