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Tagesmütter stehen in den Startlöchern



ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM Vom Bundeskabinett noch vor der Sommerpause beschlossen, soll das hölzern klingende Gesetz im September in der ersten Lesung im Bundestag diskutiert werden. Ziel des Tagesbetreuungsausbaugesetzes ist unter anderem, die Pflege durch Tagesmütter als gleichrangige Alternative neben Krippenplätze zu stellen, künftig in den Kommunen bedarfsgerecht für Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze vorzuhalten und noch stärker als bisher auf die Qualität zu achten. Bereits jetzt ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz ein Wunsch- und Wahlrecht der Eltern zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger verankert. "Faktisch ist das aber nicht gegeben", moniert Susanne Kurz, die hauptamtliche Kraft bei TIBB.



Was die Väter und Mütter abschreckt, sind oft schlicht die hohen Kosten für eine Tagesmutter von fünf Euro pro Stunde. Bei einer durchgehenden ganztägigen Betreuung kämen immerhin 1000 Euro im Monat zusammen. "Dieser Betrag muss auch für einen Platz in öffentlichen Einrichtungen angesetzt werden", sagt Susanne Kurz. Doch während Eltern die Ausgaben für die Tagesmutter, abgesehen von einer gewissen Minderung ihrer Steuerschuld, aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, fließen an öffentliche Einrichtungen bereits jetzt schon Zuschüsse von Seiten der Städte und Gemeinden. Einen Ganztagesplatz in der Kita lässt sich Kirchheim beispielsweise rund 450 Euro monatlich kosten. Freie Träger erhalten einen Betriebskostenzuschuss von 63 Prozent.



Von dem neuen Gesetz erhofft sich Susanne Kurz eine tatsächliche Gleichstellung verschiedener Betreuungsformen, damit sich Eltern, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen möchten oder finanziell dazu gezwungen sind, frei entscheiden können, ob sie ihr Kind zeitweise in die Obhut einer Tagesmutter geben oder den Nachwuchs in einer Krippe anmelden. "Vätern und Müttern geht es meist gar nicht darum, ihre Sprösslinge die Woche über von morgens bis abends abzugeben", hat die Sozialpädagogin in unzähligen Gesprächen festgestellt. Gerade mal drei der 119 Kinder, die im vergangenen Jahr von den bei TIBB registrierten Tagesmüttern betreut wurden, verbrachten den ganzen Tag in einer Pflegefamilie. 107 Kinder waren weniger als 20 Stunden in der Woche bei der Tagesmutter. Sei es der zu beobachtende Trend zu Teilzeitarbeit eines Elternteils, sei es, dass keine Verwandten in der Nähe wohnen, die ein Kind betreuen können, während die Mutter beim Zahnarzt sitzt oder größere Einkäufe zu erledigen hat oder dass sich die Öffnungszeiten des Kindergartens nicht mit den Arbeitszeiten der Eltern decken die Gründe, warum Tagesmütter angeheuert werden, sind vielfältig. "Das große Mittelfeld kann sie sich allerdings nicht leisten", betont Susanne Kurz. Die Klientel sind überwiegend Doppelverdiener mit hohem Einkommen oder allein Erziehende mit geringem Lohn, denen der Staat finanziell unter die Arme greift. Die Kehrseite: Für die Tagesmutter ist der Verdienst so gering, dass sie davon nicht leben kann. Abhängig von ihrem Einkommen ist sie rentenversicherungspflichtig, bezahlt Steuern und Beiträge zur Krankenversicherung und hat monatliche Ausgaben wie Essen, Spielzeug und weitere Nebenkosten, die durch das Tageskind anfallen. Unter dem Strich bleiben lediglich ein bis zwei Euro pro Stunde hängen. "Die Tagesmutter hat durch ihre Selbstständigkeit nur Nachteile, aber keinen Nutzen", hebt Susanne Kurz hervor.



Derzeit umfasst die TIBB-Kartei 120 Tagesmütter aus Kirchheim und den Umlandgemeinden, 48 von ihnen betreuen momentan jedoch kein Tageskind, fast 50 Frauen kümmern sich lediglich um ein Kind. "Wir haben noch jede Menge Kapazitäten frei", sagt die Sozialarbeiterin. Sie ist überzeugt davon, dass Bedarf vorhanden ist Beweis genug sind für sie die vielen Anrufe von interessierten Eltern. Wenn sie jedoch erfahren, dass sie ihren eigenen Verdienst praktisch für die Betreuung "durchreichen" müssen, suchen viele nach einer anderen, finanziell günstigeren Lösung oder sie hängen wie im Falle einer Schichtarbeiterin mangels Alternative sogar ihren Beruf an den Nagel, obwohl sie dringend auf das Einkommen angewiesen wären.



Susanne Kurz ist überzeugt davon, dass die Tagesmutter-Variante gerade im Kleinkindbereich optimal ist. Erwiesenermaßen kommen familienähnliche Strukturen mit festen Bezugspersonen und einer überschaubaren Kinderzahl den unter Dreijährigen entgegen. "Eine Tagesmutter sehe ich als eine Art Wahlverwandtschaft. Im Grunde ist sie wie eine Tante, die das Kind ergänzend zu den Eltern betreut", meint die TIBB-Fachkraft. Zudem ist sie der Meinung, dass es keine bessere Vorbereitung auf den Kindergarten gibt, als eine Kleingruppe mit mehreren Dreikäsehochs. Für unschlagbar hält sie auch das Argument der Flexibiliät der Tagesmütter: Kindertagesstätten seien häufig nur zwischen 7 und 17 Uhr geöffnet. Bei 40 Prozent der Arbeitsplätze müsse jedoch auch außerhalb dieser Zeiten gearbeitet werden. Außerdem könne nicht in jedem Ort eine Krippe eingerichtet werden.



Vorbildcharakter hat für Susanne Kurz das Berliner Modell: Eltern melden ihren Bedarf an Kinderbetreuung an und können wählen zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen sowie Tagesmüttern. Unabhängig von der Unterbringung wird jeder Platz je nach Betreuungszeit bezuschusst. Die Eltern bezahlen einkommensabhängig an die Kommune einen bestimmten Betrag. Die Tagesmutter wiederum muss die Pauschalen nicht versteuern und wird nicht zur Sozialversicherung herangezogen. Optimal fände Susanne Kurz eineKombination aus fest angestellten, sehr gut ausgebildeten Tagesmüttern, die langfristig bei der Stange bleiben und selbstständigen, freien Tagesmüttern.



So sehr Susanne Kurz auf Verbesserungen in der Tagespflege durch das neue Gesetz baut, sieht sie auch dessen Schwachstellen. Weiterhin sei darin kein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vorgesehen. Und: "Zielgruppe sind nur die Null- bis Dreijährigen, auch für ältere Kinder bräuchte man allerdings Zuschüsse, denn auch die Öffnungszeiten von Kindergärten und Schulen decken bei weitem nicht immer den Bedarf an Betreuungszeiten ab."



Sollte das Tagesbetreuungsausbaugesetz Ende des Jahres auch die Hürde im Bundesrat nehmen, stünde das Tagesmütternetzwerk in den Startlöchern.

Die Vorteile liegen auf der Hand: In familienähnlichen Strukturen bieten Tagesmütter auch auf dem Land flexible und wohnortnahe Betreuung an.