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Talfahrt auf dem Ausbildungsmarkt hält an

Im Bereich der Arbeitsagentur Göppingen setzt sich die Talfahrt auf dem Ausbildungsstellenmarkt fort. Dennoch konnten bis zum Stichtag 30. September von 8 122 Bewerbern 96 Prozent versorgt werden. Dies wurde bei der gestrigen Bilanzpressekonferenz in Göppingen mitgeteilt.

RICHARD UMSTADT

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GÖPPINGEN Die schwierige Arbeitsmarktsituation spiegelt sich auf dem Ausbildungsstellenmarkt der Agentur für Arbeit Göppingen wider. Vor allem drei Problemfelder machen den 20 Berufsberatern im Agenturbezirk zu schaffen: Zum einen melden die Unternehmen immer weniger Ausbildungsplätze, zum anderen ist der Bewerberknick noch nicht erreicht, das heißt, die Zahl der Bewerber nimmt leicht zu. Und zum Dritten wird die Vermittlung erschwert durch die gestiegenen Ansprüche der Wirtschaft an die Berufsausbildung ("Wir müssen konkurrenzfähig bleiben"), was zur Folge hat, dass Wenigerbegabte in Ausbildungsberufen kaum noch Fuß fassen können, sagte Bettina Münz, Geschäftsführerin des operativen Bereichs. Kommt dann mangelnde soziale Kompetenz der Jugendlichen hinzu, so klafft die Schere noch weiter auseinander.

Große Sorgen bereiten den Vermittlern auch Jugendliche, die nach der Schulausbildung abtauchen. "Das sind unsere eigentlichen Problemfälle. Die erreichen wir gar nicht mehr." Im Jahr 2005 waren dies 160 Jungen und Mädchen.

Insgesamt wertete die Geschäftsführerin das Vermittlungsergebnis im Ausbildungsjahr 2004/2005 von 96 Prozent (das sind 7 770 Bewerber) als zufriedenstellend. Demnach gab es im Arbeitsamtsbezirk, zu dem auch Kirchheim zählt, im Bilanzjahr lediglich vier Prozent beziehungsweise 352 nicht vermittelte Bewerber. Doch auch diese werden nicht leer ausgehen, denn seit dem Ausbildungspakt 2004 zwischen Bundesregierung und Wirtschaft soll jeder Jugendliche bis 25 Jahren ein Angebot erhalten. "An diesem Ziel arbeiten wir," erklärte Bettina Münz, die das "respektable Bilanzergebnis" zum einen auf das große Engagement der Berufsberater und zum anderen aber auch auf die flexible Haltung der Jugendlichen zurückführt. "Die haben nicht nur ihren Traumberuf im Kopf, sondern fassen auch Alternativen ins Auge." Interessant dabei ist, dass sich Jungs offenbar flexibler verhalten als Mädchen.

Was die Relation Bewerber/Stellen anbelangt, so entfallen im Agenturbereich Göppingen auf zwei Bewerber eine Ausbildungsstelle. Damit lag Göppingen unter dem bundesweiten Verhältnis der Bewerber zu den Lehrstellen. Noch schlechter sah die Relation innerhalb des Arbeitsamtsbezirks in den Bereichen Kirchheim und Nürtingen aus. "Dort hatten es die Bewerber aufgrund der rückläufigen Zahlen an Lehrstellen besonders schwer, einen Ausbildungsplatz zu erhalten," erklärte die Leiterin der Geschäftsstelle Esslingen, Renate Brujmann.

Einen starken Einbruch bei den Ausbildungsplätzen gab es in den Ernährungsberufen wie Bäcker, Metzger und Fleischereifachverkäuferin. Doch auch bei den Maurern und Stuckateuren, Industriemechanikern und Kfz-Mechatronikern, Friseuren und Restaurantfachmännern, Bürokaufleuten, Groß- und Außenhandels- sowie Einzelhandelskaufleuten, Masseuren und Physiotherapeuten verzeichnete die Agentur einen Rückgang an Lehrstellen. Hingegen meldete die Elektrobranche mehr Ausbildungsplätze.

Im Bereich der Geschäftsstelle Kirchheim gingen die Ausbildungsplätze gegenüber dem Vorjahr um 23,1 Prozent zurück. Renate Brujmann führte dies auf die Kompromisslosigkeit der Unternehmen zurück "entweder einen guten Bewerber oder gar keinen".

Im Landkreis Esslingen konnten von 3 041 gemeldeten Lehrstellen nur 99 bis zum Stichtag nicht besetzt werden, was Brujmann als ein gutes Ergebnis wertete. Dagegen erhielten von 4 855 Bewerber noch 255 keinen Ausbildungsplatz. "Das ist für unseren Geschmack etwas hoch."

Was ist nun seit dem 1. Oktober in Sachen Ausbildungsplatzvermittlung geschehen? Zunächst einmal organisierten die Berufsberater verschiedene Nachvermittlungsaktionen, wie Volker Seitz, Teamleiter von U 25 in den Geschäftsstellen Göppingen, Geislingen, Nürtingen und Kirchheim, sagte. Diese Aktionen dauern bis in den Januar an. Weitere Angebote, um unversorgte Jugendliche in Richtung Ausbildungsplatz zu bewegen, sind Praktika der sechs bis zwölfmonatigen Einstiegsqualifizierung EQJ (rund 700 Stellen), berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, ausbildungsbegleitende Hilfen mit Stützunterricht und sozialpädagogischer Betreuung sowie Berufsausbildungen in außerbetrieblichen Einrichtungen. Hier gibt es inzwischen 150 bis 160 Plätze bei Bildungsträgern, die mit Ausbildungsbetrieben im Agenturbezirk Göppingen kooperieren.

Soll die Nachvermittlung zum Erfolg führen, setzt dies voraus, dass die Jugendlichen mitziehen. "Zwischen 15 und 20 Prozent halten sich nicht an Vereinbarungen," beschreibt Volker Seitz die Zahl seiner Sorgenkinder.

Zu früh sei es noch für einen Ausblick auf das Ausbildungsjahr 2005/2006, sagte die Göppinger AgenturGeschäftsführerin Bettina Münz. Die Unternehmen zögerten noch, Lehrstellen zu melden. "Wir hatten durch die Bundestagswahl eine Sondersituation. Die Entscheidungen werden dadurch später getroffen."