Lokales

Tango, Rock und Blues bis in den Morgen

Der kleine Zeiger der Uhr war bereits auf dem Weg zu Ziffer Vier und noch immer griff so mancher Kirchheimer Wirt noch einmal nach dem Zapfhahn. Die diesjährige Kirchheimer Musiknacht zog sich lange hin, hatte doch die Stadtverwaltung für eine großzügige Zapfenstreichregelung in jener Nacht gesorgt.

HEINZ BÖHLER

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KIRCHHEIM Mit fast 6 000 verkauften Buttons hatte sich eine stattliche Zahl von Kirchheimern und Gästen am Samstagabend das Recht erworben, das Innenstadt-Terrain zu betreten. Schon um die Mittagszeit packten die ersten Musiker ihre Instrumente aus und unterhielten die Marktbesucher vor dem Rathaus, beim Wachthaus und vor dem Zaun zu Kirchheims derzeit größter Baustelle am Schweinemarkt. Schien das Wetter am Nachmittag noch unsicher, so stabilisierte sich die Lage bis zu dem Zeitpunkt, als gegen 18 Uhr an vielen Orten der Kirchheimer Innenstadt die Luft musikalisch zu vibrieren begann.

Zunächst floss der Besucherstrom nicht allzu üppig, schließlich waren in den Nachbarstädten Nürtingen und Göppingen die Maientage angesagt. Doch mit der Zeit schwoll die Zahl der Besucher mehr und mehr an, Düfte von Grillgut stiegen auf und aus den mobilen Zapfstationen flossen Kaltgetränke bald literweise.

Viele Lokale beteiligten sich das erste Mal an der Musiknacht und trugen dazu bei, sie zu einer der größten ihrer Art im süddeutschen Raum anwachsen zu lassen. Auch die Vielfalt des Gebotenen gewann noch einige Facetten dazu. Neue Namen und ganz alte fast vergessene steigerten die Attraktivität des diesjährigen Programms. Insgesamt fanden 57 Bands und Einzelmusiker in 40 Lokalitäten ein dankbares Publikum.

Wie immer wirkten die verschiedenen Bands unterschiedlich attraktiv auf die Besucher: Während sich für die indischen Klänge im Kornhaus und der Stadtbücherei eher wenige interessierten, bildeten sich vor dem Bären, am Wachthaus und bei der Wunderbar riesige Menschentrauben. Nur an wenigen Plätzen spielte die Musik im Inneren der veranstaltenden Lokalität Open-Air war angesagt. Doch auch wenn die Kneipen noch so nah beieinander waren, überlagerten sich die Klänge fast nie.

Als ganz besonders begehrt erwiesen sich Stehplätze im Central-Kino, als um 23 Uhr vier köstlich geschminkte Jungs aus Ungarn die Bühne betraten. Ihre zunächst beeindruckende Hünenhaftigkeit erwies sich schnell als die Wirkung der rund zwanzig Zentimeter hohen Plateausohlen ihrer Spaceboots. "Kiss Forever" nennen sie sich seit zehn Jahren und begeisterten bei der Musiknacht in Kirchheim mit einem lautstark und souverän dargebotenen Coverprogramm ihrer berühmten Vorbilder.

Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die original argentinischen Tango-Klänge von Gabriel Battaglia und seinen Mitmusikern, die in der Familienbildungsstätte zum Tanz aufspielten. Ein Highlight des früheren Abends bot vor dem Fass in der Dettinger Straße das Trio "Opportunity": Mit virtuoser Fertigkeit boten die drei Musiker auf ihren Instrumenten und mit drei markanten Stimmen Perlen der Rockmusik wie Joni Mitchells "Big Yellow Taxi" oder "Rikki, don't loose that Number" dar.

Ganz in Weiß, von der wallenden Lockenpracht bis zu den Schuhen, ließ Teflon Fonfara mit seinen "Magic Ravens" vor der Haltbar die Rock-'n'-Roll-Fetzen fliegen und obwohl diesmal insgesamt sicherlich etwas weniger Menschen in Kirchheim unterwegs waren als in den Jahren zuvor, hatten doch auch die "Außenposten", wie das Hotel Fuchsen, die Villa Steingau oder der Hirschgarten kaum Grund zur Klage.

Ein wenig zu früh, um sich passend in eine schlüssige Gesamtdramaturgie zu fügen, brannte um halb elf auf dem Schlossplatz ein trotzdem beeindruckendes Feuerwerk ab. Der Wirt des Alten Hauses feierte damit ein Jubiläum mit seinen und den Gästen der Musiknacht. Eine Stunde später stellten die Kontrollposten an den Buttonverkaufsplätzen ihre Tätigkeit ein und die Musiker, die auf der Straße spielten, ließen es langsam ausklingen, ohne dass sich allerdings die Menschen von den Plätzen vertreiben ließen.

Wer wollte, fand jetzt noch bei den angesagten Abschlusspartys einen Platz auch wenn das zumindest in der Bastion nicht ganz einfach war. Dort hatte in Anwesenheit von Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker vorher schon Blueslegende Louisiana Red für höchst beengte Verhältnisse gesorgt. Doch als um eins Werner Dannemann zusammen mit seinem langjährigen Bassisten Bernd Berroth und dem jungen Schlagzeuger Andi Scheu aus Balingen die Bühne betrat, ging es noch mal rund in Kirchheims ältestem "Jugendclub". Mit Dannemann und seinen Begleitern wagte sich unter anderem der Bastionchef und Musiknacht-Mitveranstalter Andreas Kenner auf die Bühne. Dem Kirchheimer SPD-Gemeinderat gelang es später, auch das Rock-Urgestein Gunther Nething auf die Bühne zu locken, um zusammen mit ihm und einigen Elvis-Nummern die Kirchheimer Musiknacht 2005 ausklingen zu lassen.