Lokales

Tannenzapfen als Mobiltelefone

Waldkindi und Rasselbande vermitteln spielerisch den Umgang mit der Natur

Was Hänschen nicht lernt  . . . Getreu diesem Motto schärfen der Kirchheimer Waldkindergarten sowie die Kinderbetreuung Rasselbande in Kirchheim die Sinne ihrer Schützlinge in Bezug auf den Umgang mit der Natur. Deshalb sind sie auch für den Ehrenamtspreis nominiert.

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Iris Häfner

Kirchheim. „Wann regnet es endlich mal wieder?“ Diese Frage ist während einer Trockenperiode immer wieder im Waldkindergarten in Kirch­heim zu hören. Der Grund dafür liegt quasi auf der Hand: Bei oder nach Regen lässt es sich toll in Pfützen spielen und nasse Erde fühlt sich prima an. „Matsch macht glücklich – oder dreckig. Das ist reine Ansichtssache“, meint Monika Riemer, Vorsitzende des Waldkindergartens in Kirchheim, lachend. So manches Kunstwerk ist schon mit den einfachsten Materialien aus dem Wald im Freiluft-Kindi entstanden: beispielsweise eine Zwergenlandschaft aus Moos, Zapfen, Rinden, Ästen, Lehm, Blättern, Steinen und vielem mehr. „Jedes Barbiehaus sieht dagegen hässlich und langweilig aus“, sagt Monika Riemer.

Auch die Fantasie kennt keine Grenzen. Tannenzapfen werden zu Mobiltelefonen und was für Erwachsene wie ein ganz normaler Stecken aussieht, ist für ein Kind Pfeil und Bogen, Grabgabel oder Oboe. „Wo ist meine Dachrinne?“, wurde Monika Riemer vorwurfsvoll von ihrem Sohn gefragt, als sie die umfangreiche Stabsammlung etwas verschlanken wollte. „Die Kinder haben eine andere Wahrnehmung und kennen jedes Detail“, weiß die Vorsitzende aus eigener Erfahrung. So kommt das Wort Strauch im Wortschatz ihres Sohnes nicht vor. Es gibt einen Feldahorn, Weißdorn, Schlehe oder Pfaffenhütchen.

Den Wechsel der Jahreszeiten bekommen die Waldkinder automatisch mit, ebenso lernen sie, mit der Natur umzugehen und darauf zu reagieren. Ist der Eichenprozessionsspinner aktiv, muss die Gruppe an den Waldrand ausweichen oder sich in einem anderen Gebiet aufhalten. „Die Grenzen bekommen die Kinder in der Natur zwangsläufig gesetzt“, sagt Iris Gruber, engagierte Waldkindi-Mutter. Als jedes Kind ein kleines Tannenbäumchen mit Namensschildchen gepflanzt hat, erlebten sie hautnah, dass nicht aus jedem Sämling ein großer Baum wird. Trotz regelmäßiger Besuche und Pflege wurde manches Pflänzchen von Mäusen oder Rehen gefressen. Zudem musste schon der eine oder andere Klettermaxe schmerzhaft feststellen, dass ein nasser Baum wesentlich schwieriger oder gar nicht zu erklimmen ist als ein trockener.

Reizüberflutung gibt es im Wald keine. Waldkindi-Kinder können bemerkenswert still sitzen und sich konzentrieren. Wer eine Schnecke bei der Eiablage beobachtet – Dauer etwa eine Stunde – bringt dieses Können in die Schule mit. Andererseits haben die Kinder viel Freiraum. Motoriktests sind für die Waldkinder kein Thema, sie haben das Gehen im Wald auf unebenem Gelände verinnerlicht. Auch die Feinmotorik kommt nicht zu kurz. Jedes Kind besitzt ein abgerundetes, jedoch scharfes Schnitzmesser. „Unsere Kinder begreifen im Wortsinn mit allen Sinnen die Umwelt. In der Natur ist für ihren Bewegungsdrang genügend Raum vorhanden“, so Monika Riemer.

Bei der Rasselbande wird ebenfalls großer Wert auf einen bewussten Umgang mit der Umwelt gelegt. In dem Projekt „Natur kennenlernen“ geht es um die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. „Wir erkunden die nähere Umgebung“, erklärt Tilde Maier, Chefin der Kindertagesstätte. In nächster Umgebung des Stammhauses in der Notzinger Straße in Kirchheim lässt sich viel entdecken. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich der Friedhof. Hier lässt sich respektvoller Umgang gleich in mehrerer Hinsicht lernen. „Wenn eine Beerdigung stattfindet müssen alle leise sein oder wir nehmen einen Umweg“, so Tilde Maier. Abwechslung bieten die Klosterwiesen und der Ziegelwasen – Letzterer vor allem zu Rummelplatzzeiten. Eine Ecke weiter besuchen die Kinder den Reitstall, schauen sich die Pferde an und erfahren so nebenbei, was mit den Pferdeäpfeln passiert. So was Ähnliches gibt es auch im Garten der Rasselbande. Der Rasenschnitt landet im Komposthaufen, der geraume Zeit später als Pflanzgrundlage für Maiglöckchen dient, die den Eltern geschenkt werden.

Da in der Kindertagesstätte täglich frisch gekocht wird, fallen zwangsläufig Küchenabfälle an. Nicht alles davon landet im Biomüll, denn es gibt einen „Schweineeimer“, in dem alles landet, was ein Hängebauchschwein-Magen so verträgt. Dieses Tier lebt in der Nachbarschaft und wird regelmäßig besucht.

Tägliche Spaziergänge und Waldtage sind fester Bestandteil im Kita-Alltag. Vom Förster erfahren die Kinder viel über Tiere und Pflanzen im Wald. Im Frühjahr ging es um das Zusammenspiel von gleich mehreren Elementen, als die Kids im Garten Blumensamen in die Erde streuten. Einen großen Raum – erst recht im Sommer – nimmt das Thema Wasser ein. Im Teich hinter der Tagesstätte lassen sich neben Goldfischen und Koikarpfen auch die nun zu Fröschchen entwickelten Kaulquappen beobachten. Vor allem aber lockt an heißen Tagen der Maiersche Privatpool hinterm Haus. In diesem Zusammenhang wollen die Erzieherinnen vielen Fragen nachgehen: Dürfen wir im Sommer an heißen Tagen mit Wasser planschen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil es in anderen Regionen kein Wasser gibt? Warum gibt es Gebiete in denen Wasser fließt, in anderen nicht? Wie viel Wasser verbrauchen wir täglich? Wo fließt das Wasser aus dem Waschbecken hin und wie wird es wieder sauber?