Lokales

Tasmanien erinnerte den Auswanderer stark an die Alb

Klaus Kemmler kehrte Kirchheim als 20-Jähriger den Rücken und baute eine neue Existenz auf

Kirchheim/Maydena. Als 20-Jähriger ist Klaus Kemmler von Kirchheim weggegangen und ans „Ende der Welt“ nach Australien gezogen. Seit fünf Jahren lebt er nun schon in der Wildnis von Tasmanien. Jutta Schöniger hat ihn dort getroffen und mit ihm über sein Leben, seine Heimat und die Beweggründe seiner Auswanderung gesprochen.

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Eine Stichstraße führt in den über 600 000 Hektar großen Southwest Nationalpark, der von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt ist. Im letzten Ort vor der absoluten Wildnis lernte Jutta Schöniger bei einer Fahrradtour mit ihrem Mann durch Tasmanien Klaus Kemmler kennen, der 1948 in Kirchheim geboren wurde, in der Teckstadt auch zur Schule ging, eine Lehre als Kürschner und dann als Koch absolvierte und seit immerhin schon 40 Jahren in Australien lebt.

1968 heuerte Klaus Kemmler als Schiffskoch an, um in Australien an Land zu gehen. Mit ihm unterwegs waren auch seine Eltern, denn sein Vater hatte schon lange den Wunsch gehegt, nach Australien auszuwandern. Seit dieser Zeit war Klaus Kemmler nie wieder in Kirchheim. Er heiratete seine australische Freundin und gemeinsam mit ihren beiden Kindern bereiste das Paar Australien.

Lange Zeit lebte Klaus Kemmler zunächst in Adelaine im Süden Australiens. Nach seiner Zeit als Koch versuchte er sich zunächst in der Baubranche, doch hatte er große Schwierigkeiten, zuverlässige Arbeitskräfte zu finden. Für ihn allein wurde die Arbeit zu schwer und mit zunehmendem Alter machte ihm auch die Hitze in Adelaine immer mehr zu schaffen, weshalb er sich auf die Suche nach einem kühleren Aufenthaltsort machte. Weil ihn auf einer Urlaubsreise Tasmanien stark an die Schwäbische Alb erinnert hatte, entschied sich Klaus Kemmler dafür, auf diese Insel im Süden zu ziehen. Dort ist es wegen der Nähe zur Antarktis im Süden deutlich kühler als in seinem bisherigen Aufenthaltsort Adelaine. Es gibt dort nicht nur Eukalyptusbäume, sondern sogar auch Kiefernwald, von dem Klaus Kemmler selbst zehn Hektar besitzt.

Tasmanien ist generell nur dünn besiedelt, aber der Auswanderer aus Kirchheim hat sich in Maydena niedergelassen, das am Ende der Welt von Tasmanien liegt. Er wollte sich dort eigentlich völlig zurückziehen und möglichst nur Tiere und Landschaft um sich herum haben. Mit seiner Frau und einer Ziege lebte Klaus Kemmler in diesem kleinen Ort, in dessen weitestem Umkreis nur rund 600 Leute wohnen. Dort hat das Ehepaar Kemmler inzwischen einen kleinen Laden mit Schnellimbiss und Tankstelle eröffnet. Nebenbei verdient Klaus Kemmler auch noch durch Renovierungsarbeiten etwas dazu.

Obwohl er nun schon so viele Jahre aus Kirchheim weg ist und auch nicht mehr zurückreisen will, klingt im Gespräch doch auch etwas Heimweh an. „Ich hätte gerne die Teck hier oben. Oder den Neuffen, der ist noch besser. Den bräuchte man nur halb aufzubauen, da ist ja alles runter gefallen.“

Die australische Küche ist ein Ableger der englischen – nicht gerade sehr lecker zumal für den deutschen Gaumen. Besonders das Brot ist ein großes Problem. Klaus Kemmler fährt deshalb immer wieder zwei Stunden in den nächsten Ort, in dem es Roggen- und Sauerteigbrot gibt. Wirklich Gutes gibt es bei dem einzigen deutschen Bäcker auf Tasmanien, der seinen Laden im über 100 Kilometer entfernten Sandy Bay hat. Vor allem wegen der Brezeln nimmt Klaus Kemmler immer wieder gerne die lange Fahrt auf sich – auch wenn ihn das ganz schön teuer kommt: Eine Brezel kostet dort 1,80 Dollar (umgerechnet etwa 1,10 Euro), ein Laib Brot etwa drei Dollar (1,80 Euro). Die Fahrtkosten schlagen natürlich zusätzlich zu Buche.

Auch für deutsche, italienische oder jugoslawische Wurst fahren die Kemmlers meilenweit. Die gibt es bei einem Metzger in einem Vorort von Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens – 200 Kilometer Fahrt also für eine gute Wurst oder ein paar Brezeln.

Auf die Vorzüge der schwäbischen Küche muss Klaus Kemmler auch in der Ferne nicht verzichten. Schließlich ist er gelernter Koch und hat seiner Frau noch vor der Hochzeit beigebracht, wie man Maultäschle und Spätzle zubereitet. Er lobt seine Frau dafür, dass sie manches besser kochen könne als viele schwäbische Hausfrauen: „Jeder unserer Freunde, der einmal bei uns gegessen hat, ist begeistert und will wissen, wo man so etwas hier einkaufen kann“, sagt er voller Stolz.

Als die beiden vor fünf Jahren ihren Laden mit Imbiss eröffneten, boten sie auch deutsches Essen an – Bratwürste, Krautwickel und Ähnliches. Das hat Klaus Kemmler eine Erwähnung in einem deutschen Reiseführer gebracht, die bis heute noch viele Touristen zu ihm führt. Weil das deutsche Essen von den tasmanischen Einheimischen aber nicht gut angenommen wurde, steht es längst nicht mehr auf der Speisekarte beziehungsweise auf der handgeschriebenen Tafel am Tresen.

Am Ende des Gesprächs hat Klaus Kemmler noch etwas auf dem Herzen. Es gibt eine Tante, die Schwester seines Vaters, die noch in Kirchheim leben müsste. Als seine Mutter vor zwei Jahren starb, konnte er sie nicht benachrichtigen, weil die Adresse nicht zu finden war. Wie Hildegard Knecht seit ihrer Heirat heißt, konnte er nicht in Erfahrung bringen. Klaus Kemmler ist aber überzeugt, dass sie noch in Kirchheim leben müsste. Er würde sich jedenfalls sehr freuen, von ihr zu hören oder auch zu erfahren, wie er Kontakt zu ihr aufnehmen könnte. js