Lokales

Tat mit "absolutem Vernichtungswillen"

Lebenslange Haftstrafe wegen heimtückischen Habgier-Mordes und Raubes mit Todesfolge an einem 62-jährigen Weilheimer Gartengrundstücksbesitzer. So lautet das Urteil des Stuttgarter Landgerichts gestern gegen den Hauptangeklagten 28-jährigen Darius S.

BERND WINCKLER

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STUTTGART / WEILHEIM Der 35-jähriger Landsmann Marius K. kam wegen Beihilfe zum Mord mit sieben Jahren Haft, und die 19-jährige Freundin von S. wegen Beihilfe zum Raub mit eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung davon. Bei S. stellte das Gericht die "besonders schwere Schuld" fest.

Das gestern im überfüllten Saal sechs des Stuttgarter Landgerichts verkündete Urteil der vierten Großen Strafkammer wich weit von dem Antrag ab, den die Nebenklägerin stellte, die die Hinterbliebenen des Opfers vertrat. Für die Anwältin galten alle drei Beschuldigten als Mörder und zumindest auch Marius K. sollte eine lebenslange Haftstrafe bekommen, während die 19 Jahre alte Polin eine hohe Jugendstrafe wegen gemeinschaftlichen Mordes diktiert bekommen sollte.

Doch die Richter entschieden anders und folgten damit zum großen Teil der Auffassung des Anklägers. Demnach war Darius S. der Mann, der am Nachmittag des 29. Oktober vergangenen Jahres den 62-jährigen Strickmeister und Besitzer eines Gartengrundstückes am Egelsberg in Weilheim "mit einem absoluten Vernichtungswillen" mit zehn Messerstichen tötete, um an dessen Auto zu kommen. Damit, so die richterlichen Feststellungen, hatten er und seine beiden Begleiter die lang ersehnte Fluchtmöglichkeit.

Wochen zuvor ohne Pass und ohne Geld aus Polen in die BRD illegal eingereist, waren die drei an jenem Oktober-Nachmittag bei der Reitanlage am Egelsberg angekommen und hatten den Opel Zafira des Opfers neben dessen Grundstück bemerkt. Den Mord aber hatte nur der Hauptangeklagte S. begangen, wie das Gericht feststellte, obwohl S. in seinem Geständnis der Strafkammer offensichtlich weis machen wollte, dass alle drei an dieser Bluttat beteiligt waren. Aber "die 19-Jährige war keine Mittäterin", sagte Strafkammervorsitzender Wolfgang Vögele gestern im Urteil. Auch Marius S. war kein direkter Mord-Mittäter, sondern juristisch nur ein "Beihelfer".

Mit dieser Feststellung nahm das Gericht der jungen Frau ihre Aussage ab, wonach sie nicht einmal bei der Tat dabei war, sondern das Geschehen unwissend nur aus der Entfernung mitbekam. Ihr Tatbeitrag war lediglich die Beihilfe zum Raub des Fahrzeugs, weil sie sich hinterher in den Wagen setzte und mitfuhr. Auch die Aussage von K. hatte das Gericht überzeugt; er habe keinesfalls mit S. den Mord vereinbart, sondern nur geholfen.

Marius K. half nämlich, den 62-jährigen Mann in ein Himbeer-Gebüsch zu schleifen, nachdem er ihn vorher beim Rasenmähen abgelenkt hatte, damit S. den ersten Stich mit seinem Messer von hinten in dessen Hals wuchten konnte. Dieser erste Stich hatte die Halsschlagader geöffnet, der 62-Jährige ging zu Boden, wehrte sich aber noch mit den Händen. Um nun seine Tat zu vollenden, stach der 28-Jährige dem Opfer brutal noch neun Mal mit dem Messer in die Brust. Allein sieben dieser Stiche waren nach richterlicher Überzeugung tödlich. Das Opfer war allerdings laut einem Gerichtsmediziner zu diesem Zeitpunkt bereits bewusstlos.

Besonders schwer stufte die Strafkammer den Tatbeitrag des S. mit dem Messer und auch hinsichtlich des Nachtatverhaltens ein. Es handelte sich um ein Zufalls-Opfer, die Tat war grausam und geschah mit einem "absoluten Vernichtungswillen". Die Bezeichnung der besonderen "Schwere der Schuld" bedeutet, dass eine Haftentlassung nach 15 Jahren nicht möglich ist.

Haupttäter Darius S. legte laut dem Urteil die Kettensäge des Opfers auf den Boden und dann die Leiche darauf. So wollte er einen Unfall mit dem Werkzeug vortäuschen. Dann holte er aus der Tasche des Getöteten die Fahrzeugschlüssel und zu dritt fuhr man über die Autobahn nach München. Unterwegs fuhr S. so schnell, dass er kurz vor München in einem Stau beim Überholen mehrere Fahrzeuge streifte und in eine Radar-Kontrolle kam, von anderen Autofahrern dann gestellt wurde, aber schließlich mit den beiden anderen zu Fuß flüchtete.

Einbrechend und stehlend verbrachte das Trio dann noch zwei Tage in Bayern und fuhr schließlich mit der Bahn nach Dänemark. Dort soll S. den nächsten Mord verübt haben, während K. sich nach Polen absetzte und dort festgenommen wurde. In Dänemark klickten letztlich auch die Handschellen bei S. und der 19-jährigen Freundin.

In den nächsten Tagen wird die Stuttgarter Justiz den 28-jährigen S. an ihre dänischen Kollegen überstellen. Unterdessen will sein Verteidiger gegen die Feststellung der "Schulderschwernis" Revision einlegen. Die 19-jährige Frau wurde noch gestern aus der Haft entlassen und reist zurück in ihre polnische Heimat. Marius K. hingegen muss von den verhängten sieben Jahren Haft jetzt nach Abzug der Untersuchungshaft noch mindestens dreieinhalb Jahre absitzen, ehe er nach Polen abgeschoben wird. Darius S. aber wird wohl nie mehr frei kommen.