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Tat wäre wohl zu verhindern gewesen

War der Angeklagte, der seinen Ex-Geliebten im Dehner-Markt in Plochingen getötet hat, zurechnungsfähig? Auf diese Frage gab der psychiatrische Gutachter im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht zwei Antworten. Wenn der Angeklagte, wie behauptet, seinen Ex-Geliebten spontan in einer Kurzschlusshandlung erstochen habe, dann sei er vermindert schuldfähig gewesen.

SABINE FÖRSTERLING

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STUTTGART/PLOCHINGEN Der Staatsanwalt hingegen geht davon aus, dass der 38-Jährige aus Neuffen Tage vor dem verhängnisvollen 4. März ein Fleischermesser nur deswegen gekauft hat, um den 29-Jährigen damit umzubringen. Er habe dem Angestellten dann im Dehner-Markt regelrecht aufgelauert und zugestochen. Bestätigt sich diese Version nach der Beweisaufnahme, dann war der Angeklagte nach Meinung des Gutachters Peter Winckler voll zurechnungsfähig. Dennoch bescheinigte der Psychiater dem Arbeitslosen eine schwere Persönlichkeitsstörung, die aus vielen Facetten bestehe. Zum einen leide der 38-Jährige unter der ständigen Spannung zwischen dem Anspruch an sich selbst und dem, was er wirklich erreicht habe. Außerdem habe er eine verminderte Fähigkeit zur Selbstkritik und sehe sich als Opfer seiner Umwelt. Darüber hinaus flüchtete sich der Angeklagte in körperliche Symptome. Seit 1994 befand sich der 38-Jährige wegen chronischen Depressionen in psychiatrischer Behandlung und schluckte Medikamente. Am Tattag will er von den Antidepressiva zu viel eingenommen haben, was sich aber im nachhinein durch eine Blutuntersuchung nicht bestätigte

Erstmals tauchte im März 2004 in dem Bericht eines behandelnden Arztes das Trennungsproblem auf. Ende 2003 hatte nämlich der Gartenmarkt-Angestellte seinem Freund den Laufpass gegeben. Von Mai bis August vergangenen Jahres befand sich der 38-Jährige in teilstationärer Behandlung. Der Zustand hatte sich laut Psychiater in dieser Zeit stabilisiert. Tragisch sei, dass die bei der Entlassung empfohlene weitere ambulante Behandlung nicht erfolgt sei. "Wahrscheinlich hätte die Tat verhindert werden können", sagte der Gutachter.

Die Beziehung des Angeklagten zum späteren Opfer habe nach der Trennung pathologische Züge angenommen. Der Einzelgänger, der sich mit 35 Jahren erstmals auf eine Partnerschaft eingelassen habe, habe nicht loslassen können. "Aus Hoffnung wurde Enttäuschung, aus Liebe wurde Hass." Bis zuletzt habe der 38-Jährige gehofft, dass ein Wunder geschehe und der 29-Jährige zurückkehre. Gleichzeitig sei er wütend über das Opfer gewesen. Für den Psychiater hatte diese Beziehung Sucht-Charakter. Der Angeklagte habe zwar einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotient. Was aber Emotionalität und Sozialverhalten angehe, sei er "seelenblind" gewesen. Winckler hatte zwölf Stunden mit dem 38-Jährigen gesprochen. Dieser habe sofort seine Probleme angesprochen. Er habe sich für seine Homosexualität geschämt und diese sogar vor der Familie geheim gehalten. Zum anderen habe sich der Angeklagte unzureichend männlich bestückt gefühlt. Seine Rolle als Täter blende er aus. Den Satzanfang "Ich bedaure. . ." habe der 38-Jährige mit den Worten ". . .dass ich nichts dagegen tun konnte, dass mein Freund gestorben ist" weiter geführt.

Der Prozess wird am Freitag, 30. September, fortgesetzt.