Lokales

Tauziehen um lukrative Herzinfarkt-Patienten

Die Einrichtung eines Linksherzkathetermessplatzes am Standort Kirchheim des Klinikums Kirchheim-Nürtingen stößt nicht überall auf Begeisterung. Pünktlich zur heutigen Sitzung des Kreiskrankenhausausschusses fährt die Stadt Esslingen scharfe Geschütze auf.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Stimmung im reformgebeutelten Kirchheimer Krankenhaus war in den vergangenen Wochen so gut wie lange nicht mehr: Am 16. März hatte der Kreistag mit überwältigender Mehrheit für die Einrichtung eines Linksherzkathetermessplatzes gestimmt und damit die Weichen gestellt für eine zeitgemäße Behandlung im Bereich der Kardiologie. Erwartungsgemäß löste sich schon kurz darauf die Problematik der Chefarztsuche für die Innere Abteilung: Privatdozent Dr. Beyer, Leiter des Herzkatheterlabors an der Uni Tübingen, wird am 1. Juli seine Arbeit aufnehmen.

Doch die Freude über die Stärkung des Standorts wird beileibe nicht überall geteilt. "Die Absicht des Kreises, am Klinikstandort in Kirchheim einen Linksherzkathetermessplatz einzurichten, stößt im Esslinger Rathaus auf Unverständnis", heißt es in einer Mitteilung der Stadt Esslingen. Zitiert wird Professor Dr. Leschke, Chefarzt der Klinik für Kardiologie in Esslingen. Dort werden derzeit Herzkatheteruntersuchungen für Kirchheim durchgeführt. Eine Behandlung vor Ort mit geringeren Fallzahlen führe zu "Qualitätsverlust".

Von einer Minderung der Behandlungsqualität und wirtschaftlichen Nachteilen für die Krankenhäuser des Kreises und die Esslinger Kliniken spricht auch Bertram Schiebel. Er ist einerseits Bürgermeister in Esslingen und sitzt andererseits für die SPD im Kreisparlament. Im Namen der Verwaltung hat er einen Brief an Esslinger Krankenhausausschuss-Mitglieder geschrieben. Inhalt: Eine endgültige Entscheidung dürfe erst gefällt werden, wenn ein unabhängiges Gutachten geklärt habe, ob die Standortentscheidung für Kirchheim sinnvoll sei. Dass sie "unsinnig aus wirtschaftlicher Sicht" ist, ist dabei für Schiebel längst klar.

Der Esslinger Bürgermeister weiß, dass der Kreistag schwer zu überzeugen sein wird mit diesen Argumenten, "da sie zugegebenermaßen von Betroffenen vorgebracht werden". Tatsächlich sind die Städtischen Kliniken Esslingen nämlich ihrerseits drauf und dran, einen zweiten Messplatz einzurichten: "Dieser Platz kommt so sicher, wie morgen die Sonne aufgeht", sagt Pressesprecher Michael Schuler und verweist auf die Untersuchungszahlen, bei denen Esslingen an dritter Stelle im Land liegt. Zur Auslastung tragen auch Kirchheimer Patienten bei. Sicher ist also, dass die Städtischen Kliniken Einnahmen verlieren würden, weshalb Esslingens Oberbürgermeister Zieger vor einer Entscheidung warnt, "die nur Verlierer zur Folge hätte".

Dass vor allem Patienten und Beitragszahler die Verlierer sein könnten, ist die Angst der Krankenkassen. Karl-Rudolf Traub, Geschäftsführer der AOK Kirchheim-Nürtingen, bedauert, dass keine Kooperationslösung mit Esslingen im Hinblick auf einen gemeinsam betriebenen Messplatz zu Stande kam. Zwei solche Plätze bestünden bald in Esslingen, dazu soll der Kirchheimer Platz kommen, wohl noch ein weiterer in Ruit das sei einfach zu viel. Traub kündigt die kritische Beobachtung der Untersuchungsqualität wie auch der Mengenentwicklung an. Im Klartext: "Wir bezahlen medizinisch sinnvolle Leistungen, aber wir gleichen kein Defizit aus." Die Kassen wissen, dass jedes Angebot Folgekosten nach sich zieht. Deshalb wollen sie die Indikationsstellungen genau unter die Lupe, um unnötige, aber für die Träger lukrative Untersuchungen zu verhindern. "Vom Ideal der Leistungsbündelung im Kreis sind wir weiter entfernt denn je", klagt Traub.

Krankenhausdirektor Siegfried Schmid sieht der heutigen Sitzung gelassen entgegen. "Der Messplatz gehört unabdingbar zu unserem Konzept", betont er die Notwendigkeit des Großgeräts für die Behandlung von Herzinfarktpatienten in Kirchheim. Mit dem neuen Chefarzt sei höchstes Behandlungsniveau garantiert. Zudem verweist er auf die Kompetenz des kardiologischen Oberarztes, der seit einigen Monaten in Kirchheim Dienst tut. Außerdem wolle man noch einen weiteren hochqualifizierten interventionellen Kardiologen einstellen. Ein Personalpool für das Gerät sei somit gesichert, außerdem bestehe Kooperationsbereitschaft mit Niedergelassenen. Was die finanzielle Situation anbelangt, ist Schmid ebenfalls zuversichtlich: "Wir gehen davon aus, dass sich das Gerät nach einer gewissen Anlaufzeit selbst trägt."

Die Verwaltung hofft, heute in nicht öffentlicher Sitzung so weit zu kommen, dass bald der Umbau in Angriff genommen werden kann und Kirchheims Herzinfarktpatienten schon Anfang kommenden Jahres im Ernstfall ohne Zeitverlust komplett vor Ort versorgt werden können.