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Teilzeitstudium und Kinderstühle für die Mensa

Ein Studium fordert vollen Einsatz. Doch wenn Studenten gleichzeitig Eltern sind, nimmt der Nachwuchs darauf wenig Rücksicht. Die neue Hochschule Esslingen will Studierenden, aber auch Professoren und Mitarbeitern den Spagat zwischen Beruf und Familie erleichtern und lässt sich als familiengerechte Hochschule zertifizieren.

KORNELIUS FRITZ

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ESSLINGEN Offiziell gibt es die neue Hochschule Esslingen (HSE), die aus der Fusion von Fachhochschule für Technik und Hochschule für Sozialwesen hervorgeht, erst ab Oktober. Doch den ersten Erfolg kann die Lehranstalt bereits vermelden: Die gemeinnützige Hertie-Stiftung hat der HSE das Grundzertifikat "Familiengerechte Hochschule" verliehen. Im Oktober vergangenen Jahres hatte das Sozialministerium Hochschulen gesucht, die sich der Zertifizierung stellen. 15 Universitäten und Fachhochschulen haben sich landesweit beworben. Esslingen bekam neben der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und den Universitäten Mannheim und Konstanz den Zuschlag, verbunden mit einer Förderung in Höhe von jeweils 10 000 Euro. Dass sich nun auch die fusionierte Hochschule der Vereinbarkeit von Beruf und Familie widmet, freut Prorektorin Christel Althaus. Schon an der Hochschule für Sozialwesen war ihr dieses Thema ein Anliegen. "Ich habe selbst erfahren, dass man alle Unterstützung braucht, um beides unter einen Hut zu bekommen", erzählt die dreifache Mutter. Wobei der Begriff "familiengerecht" sich nicht allein auf die Betreuung von Kindern bezieht: "Immer häufiger ist auch die Pflege von Angehörigen ein Thema", sagt Anke Väth, die das Projekt leitet.

Auftakt des Zertifizierungsverfahrens bildete eine Umfrage unter Studenten und Mitarbeitern. Rund 1300 Fragebögen wurden dafür ausgewertet. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass sich viele Mütter ein Teilzeitstudium wünschen und lieber ein paar Semester länger an der FH verbringen würden, wenn sie dadurch die Zahl der Wochenstunden reduzieren könnten. Viele Eltern klagten auch über Probleme, wenn die mühsam organisierte Kinderbetreuung zum Beispiel wegen Krankheit des Kindes oder des Ausfalls einer Betreuungsperson nicht mehr funktioniert. Die hochschuleigene Kindertagesstätte ist zwar ein großes Plus der HSE, allerdings bemängelten einige Teilnehmer der Umfrage, dass die Betreuungszeiten nicht optimal auf die Vorlesungen abgestimmt seien.

Auf Basis dieser Ergebnisse hat sich eine Arbeitsgruppe gegründet, die unter der Leitung einer externen Moderatorin in zwei Workshops Ziele für eine familiengerechtere Hochschule definiert hat. Die Vorschläge reichen von Kleinigkeiten wie der Anschaffung von Kinderstühlen für die Mensa bis zur Einrichtung von Eltern-Kind-Arbeitszimmern, damit Mitarbeiter den Nachwuchs im Notfall auch mal mit zur Arbeit nehmen können.

Damit es nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt, muss die Hochschule in den kommenden drei Jahren jedes Jahr einen Bericht über die Fortschritte an die Stiftung schicken. Am Ende wird dann geprüft, ob die gesteckten Ziele erreicht wurden. Erst dann bekommt die HSE das endgültige Zertifikat. Christel Althaus hofft, dass es in dieser Zeit auch gelingt, das Klima an der Hochschule zu verändern: "Es gibt immer noch Kollegen, die gar nicht verstehen, warum wir uns überhaupt mit diesem Thema beschäftigen", weiß Althaus. Dabei sei Familienfreundlichkeit ein wichtiger Pluspunkt für die Hochschule: "Wir werden dadurch attraktiver", ist die Prorektorin überzeugt.