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"Tempo muss nicht immer schlecht sein"

Die Halbjahresinformationen sind verteilt und wohl auch größtenteils verdaut. Nach den Faschingsferien beginnt der zweite Teil eines Schuljahres, das viele Veränderungen mit sich bringt. An den Gymnasien reicht die Bandbreite der Neuerungen von G 8 über GFS bis hin zu Pool- und Profilstunden.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "G 8 war überfällig" diese Bilanz zieht Dr. Andreas Jetter, Rektor des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums, bereits ein halbes Jahr nach der flächendeckenden Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit in Baden-Württemberg. Sein Kollege Siegfried Lutz vom Schlossgymnasium pflichtet bei und liefert zugleich eine der wichtigsten Begründungen nach: "Im internationalen Vergleich haben wir immer noch die ältesten Absolventen."

Die derzeitigen Fünftklässler werden wenn nicht im Einzelfall noch etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt zeitgleich mit den jetzigen "Sechsern" im Jahr 2012 ihr Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife in Händen halten. Der gymnasiale Turbozug, der am LUG schon vor vier Jahren als Modellversuch für einzelne Klassen begonnen hat, stellt für die nachwachsende Generation nicht mehr die Ausnahme dar, sondern wird zur festen Regel.

Bevor sich G 8 aber endgültig etabliert, gibt es erst einmal Übergangslösungen. So haben die "Fünfer" an den Kirchheimer Gymnasien vor einem halben Jahr mit dem herkömmlichen Eingangsunterricht in Englisch begonnen. Die zweite Fremdsprache kommt dann "erst" in Klasse 6 dazu. In der Regel dürfte es sich bei dieser Fremdsprache um Französisch handeln. Am Ludwig-Uhland-Gymnasium besteht aber auch die Möglichkeit, stattdessen Latein zu wählen. "Wirklich interessant wird es erst im Schuljahr 2005/06", sagt Siegfried Lutz im Hinblick auf die zweite Fremdsprache. Dann werde sich zeigen, wie die Schüler mit den höheren Anforderungen umgehen, die G 8 an sie stellt.

Zwei Jahre später könnte die dritte Fremdsprache hinzukommen, wobei die Wahlmöglichkeiten zunehmen: Spanisch ist an beiden Schulen sehr gefragt. Für die "Lateiner" am LUG steht dann aber auch Französisch zur Wahl. Am Schlossgymnasium wiederum bereichert Latein die Angebotspalette. Wer sich keine dritte Fremdsprache "aufhalsen" möchte, besucht das Fach NWT (Naturwissenschaft und Technik), das unter anderem aus dem Schulversuchsfach MNI des Schlossgymnasiums hervorgeht und das spätestens ab dem Schuljahr 2007/08 in ganz Baden-Württemberg als Pendant zur Fremdsprache eingeführt wird.

2007/08 beginnt schließlich auch das "richtige" G 8-Zeitalter: Bis dahin ist der erste Jahrgang mit der Grundschule fertig, der sich bereits von der ersten Klasse an im Englischen übt. Die zweite Fremdsprache beginnt dann schon in der fünften Klasse. Entsprechend werden auch die weiteren Fächer um ein zusätzliches Jahr vorgezogen. Das komplette Spektrum der gymnasialen Unterrichtsfächer wird eines Tages bereits auf dem Stundenplan der Achtklässler stehen, sobald die letzten Übergangsregelungen ausgelaufen sind.

Was ändert sich darüber hinaus an den Gymnasien? Andreas Jetter zufolge gilt es zunächst, dem höheren Druck entgegenzuwirken, der durch die kürzere Schulzeit für die Schüler entsteht. "Viele Eltern haben die Sorge, dass den Kindern immer weniger Zeit bleibt." Gerade deshalb sei es wichtig, durch Musik und Sport für einen Ausgleich zu sorgen. Bewegungsdefizite seien ein "Megathema". Diesen Defiziten wirke die Schule zum einen durch stärkere Kooperation mit Vereinen entgegen auch im Hinblick auf die Ganztagesschule, die ansatzweise schon längst begonnen habe. Andererseits gibt es auch veränderte Unterrichtsangebote. Das Musikprofil am LUG sorgt für zusätzlichen Musikunterricht im Ergänzungsbereich für die Fünftklässler. In Zusammenarbeit mit der Musikschule soll es an der Schule möglich sein, ein Instrument spielen zu lernen. Am Schlossgymnasium dagegen wurde eine zusätzliche Sportstunde für die Fünfer eingerichtet. Fächerübergreifend werden dabei auch Themen wie Gesundheit und Ernährung behandelt.

Beide Kirchheimer Gymnasien setzen bei ihren Poolstunden für Fünftklässler auf Themen wie Lernen lernen, Zeitmanagement, Methoden- und Sozialkompetenz. Intensive Beratung, Gespräche mit Eltern und Grundschullehrern sowie zusätzliche Klassenlehrerstunden sollen den Neulingen den Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium erleichtern und sie somit besser auf die Anforderungen von G 8 vorbereiten.

"Tempo muss nicht immer schlecht sein." Davon ist Andreas Jetter überzeugt. Sowohl auf dem Milcherberg als auch in der Jesinger Halde wird die Kontingentstundentafel genutzt, um das G 8-Tempo anfangs bewusst zurückzunehmen und erst einmal mit 31 Wochenstunden zu beginnen. Bis Klasse 10 steigert sich diese Zahl dann auf 37 Wochenstunden. "Man muss das organisch anwachsen lassen", sagt Schulleiter Jetter, "mit zunehmendem Alter werden die Schüler belastungsfähiger."

Ein weiteres Thema, vor dem die Eingangsklassen erst einmal verschont werden, ist die "Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen" (GFS). Ab Klasse 7 müssen alle Schüler jedes Jahr in einem Fach ihrer Wahl eine Präsentation zu einem bestimmten Thema erarbeiten und ihre Ergebnisse der gesamten Klasse vorstellen. Die GFS zählt in diesem Fach wie eine zusätzliche Klassenarbeit. "Unter Anleitung der Fachlehrer müssen sich die Schüler die Inhalte selbstständig erschließen", beschreibt Siegfried Lutz Sinn und Zweck der GFS, "sie müssen die Probleme der Themenstellung erkennen und mitdenken." Zudem gehe es nicht nur um das Feedback der Lehrer, sondern auch der Klassenkameraden. Die GFS dient als regelmäßige Vorbereitung auf die Präsentationsprüfung im Abitur. Fünft- und Sechstklässler bereiten sich im Rahmen des Methodencurriculums auf die GFS vor, ohne dass diese "kleinereren" Präsentationen einen solchen Einfluss auf die Notengebung haben. Einen Vorteil haben aber alle Schüler im Zusammenhang mit der GFS egal in welcher Klassenstufe sie sind und ob sie nun bereits zu G 8 oder noch zu G 9 gehören: In den Hauptfächern sind seit diesem Schuljahr nur noch vier Arbeiten verbindlich vorgeschrieben. Bislang waren es sechs.